Was man über den Osterdeich wissen sollte Bremens schönste Flaniermeile

Viele Menschen verbinden den Osterdeich mit Weserstadion und Breminale, dabei ist er viel mehr als das: Für Hunderte Bremer ist er die Lebensversicherung.
20.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sebastian Föll

Viele Menschen verbinden den Osterdeich mit Weserstadion und Breminale, dabei ist er viel mehr als das: Für Hunderte Bremer ist er die Lebensversicherung.

Mitten im Ostertor hat es sich Johann-Günther König vor einem seiner Bücherregale gemütlich gemacht. „Wenn es den Osterdeich nicht geben würde, würden wir heute nicht hier sitzen“, lässt er seinen Besucher wissen. Der Osterdeich prägt nicht nur das Stadtbild Bremens mit, sondern ist auch eine Lebensversicherung für viele Bremer und Bremerinnen, denn knapp 85 Prozent des Stadtgebiets sind hochwasser- und sturmflutgefährdet.

„Wer nicht will deichen, muss weichen“ – also wurde zwischen 1850 und 1893 der Osterdeich gebaut, zeitgleich mit der Entstehung der Östlichen Vorstadt. In seinen mittlerweile 125 Jahren ist er kein einziges Mal gebrochen.

In seinem neuesten Werk, dem Stadtführer „Der Osterdeich – Geschichte und Geschichten“, erzählt Johann-Günther König abwechslungsreich die Geschehnisse und porträtiert einige bekannte Persönlichkeiten unter den Anwohnern. Sein Herausgeber Klaus Kellner hat jedes einzelne Haus am Deich fotografiert.

Aufmerksamkeit für den Deich

Historische Aufnahmen ergänzen das Ganze. Der Verleger aus der Neustadt hatte die Recherchen angeregt. Für den bremensien-erfahrenen König gestaltete sich dies nicht allzu schwer, denn er „weiß, wo die meisten Sachen stehen“, und im Staatsarchiv hatte er Einsicht in allerlei Bauakten, Kriegsakten und Fotos.

Er „wäre nicht auf die Idee gekommen, ein Buch über den Osterdeich zu schreiben“, sagt der Buchautor und Germanist, doch gerade die Entstehung des Osterdeichs aufzuzeigen und „das zu erzählen, was noch nicht erzählt wurde“, reizte ihn dann doch. Spätestens seit der letzten Bundesligasaison, dem Klassenerhalt von Werder und dem Slogan „This is Osterdeich“ hat der knapp über vier Kilometer lange Deich besondere Aufmerksamkeit erfahren.

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In dem 154 Seiten umfassenden, handlichen Taschenbuch hat König einige Literaten und Verleger hervorgehoben, die ihm vor allem als Schriftsteller am Herzen liegen: wie Friedo Lampe oder Familie Rowohlt. Die Rowohlts residierten ab 1895 am Osterdeich, der Sohn Ernst war acht Jahre zuvor noch in der Contrescarpe zur Welt gekommen. Später gründete er in Leipzig den Rowohlt Verlag, der bis heute zu einer der großen Adressen im Verlagswesen zählt.

Größte Demonstration in der Geschichte Bremens

Ein weiteres Kapitel widmet König dem „sehr spannenden Zeitzeugen Georg Droste“, der 1825 in einer Kate am Osterdeich 25 geboren ist, in einer Zeit, als in der Nachbarschaft erst einzelne Villen und sonst einfache Hütten standen. Der Sohn von Schneidermeister Ernst Ludwig Droste und dessen Frau Henriette Marie, geborene Schwippers, verarbeitete einige seiner Kindheitserinnerungen literarisch in „Achtern Diek. Ernste und heitere Bilder vom alten Osterdeich“ (1908) und „Slusohr un annere eernste und vergnügte Vertellsels un Riemels“ (1916). Von Drostes Großmutter ist der Ausspruch überliefert: „Hier mutt man de Katte vor de Knee binnen, wenn man wat sehn will!“ So dunkel war es in der Kate.

Großbürgertum entdeckte den Osterdeich nach und nach. Das Leben der Reichen, aber auch der weniger betuchten Bürger schildert Johann-Günther König kurz anhand von Tagebüchern und Zeitzeugenberichten. Und er zeigt den Osterdeich als Veranstaltungsort für kulturelle Feste wie die Breminale. Erwähnung findet auch die größte Demonstration in der Geschichte Bremens, als 1992 nach dem Brandanschlag auf eine türkische Familie in Mölln rund 80.000 Bremer und Bremerinnen als Zeichen am Deich eine Lichterkette gegen Gewalt und Fremdenhass bildeten.

Heute ist der Osterdeich eine wichtige Verkehrsader

Johann-Günter Königs bringt auch einige seiner eigenen Erfahrungen als Anwohner ein. „Ein kleines Hochparterre mit großem, kaum isoliertem Fenster, durch das man Sämtliches von der Außenwelt mitbekam, vor allem den Verkehr“, beschreibt er seine Wohnsituation in den 1980er-Jahren. Als die Bebauung des Osterdeichs Mitte des 19. Jahrhunderts begann, war das Thema Verkehr nicht der Rede wert. Der neue Deich wurde hauptsächlich von Kaufmannsfamilien zum Flanieren genutzt. Heute ist der während der Heimspiele von Werder gesperrte Osterdeich eine wichtige Verkehrsader.

Die Wohnadresse am Osterdeich und der Osterdeich als Liegewiese hätten in Bremen „sicherlich nicht an Attraktivität verloren“, aber „mit kleinen Kindern würde ich dort nicht gerne wohnen“, sagt der Autor, ein wenig ärgerlich über die „Grüne-Welle-Straße“ Osterdeich. „Wer heute dort lebt, weiß ja, wie es ist.“ Sein Buch soll aber gerade auch den Wandel zeigen: „Schau mal, wie es früher dort war.“

Johann-Günter König stellt sein Buch am Donnerstag, 16. Februar, 18 Uhr im Café Ambiente, Osterdeich 69a, vor. Theo Schlüter spricht zur Einführung. Das Buch ist derzeit zum Subskriptionspreis von 15 Euro zu haben.

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