5000 Straßen analysiert

Bremens Straßen: Männer, Blumen und ein paar Nazis

Über 5000 Straßen gibt es in Bremen – wir haben ihre Namen ausgewertet und sind auf Muster und Auffälligkeiten gestoßen. So gibt es vier Männernamen häufiger in Bremen als Frauennamen insgesamt. Eine Analyse.
22.01.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremens Straßen: Männer, Blumen und ein paar Nazis
Von Patrick Reichelt
Bremens Straßen: Männer, Blumen und ein paar Nazis

Bremens Straßen gewähren einen Blick in die verschiedenen Epochen der Bremer Geschichte.

Mapbox/OpenStreetMap/PatrickReichelt

Mehr als 5000 Straßen, Wege und Plätze gibt es in Bremen. Oft gewähren sie einen Blick in die Vergangenheit: Viele erinnern an Persönlichkeiten, zumeist männliche. Andere erzählen etwas über die Lebensweise der Menschen vor vielen Jahren, wieder andere beschreiben die damalige Landschaft. Der WESER-KURIER hat Bremens Straßen analysiert und dabei interessante Muster entdeckt.

Zum Beispiel regionale Besonderheiten: In Bremen tragen allein 141 Straßen das Wort „Kamp“ im Namen. Der Begriff stammt aus dem Niederdeutschen und beschreibt ein Feld oder eingezäuntes Stück Land. Der Ursprung des Wortes geht vermutlich auf das lateinische Wort „campus“ für Fläche oder Feld zurück. Auch die 28 Straßen in Bremen mit dem Wort „Moor“ erinnern an eine längst vergessene Zeit, in der viele Landschaften durch Hoch- und Niedermoore geprägt waren. 31 Heerstraßen erinnern in Bremen zudem an militärisch geprägte Zeiten. „Früher gab es keine förmliche Benennung, der Großteil der Straßen ist historisch gewachsen und rekurriert auf frühere Begebenheiten“, sagt Konrad Elmshäuser, Leiter des Staatsarchivs Bremen.

Männer und Frauen

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Eindeutig ist die Verteilung der männlichen und weiblichen Straßennamen: Nur 85 Straßen sind weiblichen Persönlichkeiten gewidmet, 476 hingegen männlichen. Es gibt mehr Straßen mit den vier Vornamen Friedrich, Heinrich, Hermann und Wilhelm als „weibliche“ Straßen insgesamt. Zwar hatte der Bremer Senat bereits 2008 eine Empfehlung an die Beiräte ausgesprochen, künftig mehr Straßen nach Frauen zu benennen. Viel ist allerdings nicht passiert, wie ein Blick auf die Karte von Bremen zeigt. Dort sind alle Straßen mit männlichen Vornamen blau markiert, alle weiblichen haben die Farbe rot.

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Persönlichkeiten und Nationalsozialismus

Im Bremer Straßenbild sind viele Persönlichkeiten zu entdecken, die entweder aus Bremen stammen oder gewirkt haben. Insgesamt 561 Straßen tragen den Vor- und Nachnamen von Personen der Zeitgeschichte. Oft sind dies Politiker oder Künstler – allein 18 Straßen sind ehemaligen Senatoren gewidmet. Auch neue Straßen werden oft nach Persönlichkeiten benannt. „Die alten Flurnamen gehen so immer mehr verloren“, sagt Elmshäuser. Eine Ausnahme bildet ein Neubaugebiet im Stadtwerder: Die Straßen Werdertor, Tanzwerder und Oberländer Hafen haben allesamt historische Bezüge.

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Einige Straßen in Bremen wurden nach Menschen benannt, die in der Geschichte eine zumindest umstrittene Rolle gespielt haben. „Die Straßen in einer Stadt sind ein Spiegel verschiedener Zeiten. Sie bilden auch die Untiefen der Geschichte ab“, sagt Elmshäuser. Oft seien die Personen zur Zeit der Benennung anders beurteilt worden, als es heute der Fall ist. In Habenhausen ist etwa eine Straße nach der Dichterin Agnes Miegel benannt, die Hymnen auf Adolf Hitler schrieb und sich auch nach Kriegsende nicht vom Nationalsozialismus distanzierte. Ein weiteres Beispiel ist die August-Hinrichs-Straße in der Neustadt. Hinrichs war Mitglied der NSDAP und Landesleiter der Reichsschrifttumskammer, die nicht linientreue Schriften verbot. Historiker sind sich uneins, wie genau Hinrichs politisch eingestellt war. Eine mögliche völkische und propagandistische Prägung seiner Werke wird bis heute diskutiert. Auch nach Felix Wankel, Erfinder des Wankelmotors, wurde eine Straße in Bremen benannt. Wankel trat bereits 1922 in die NSDAP ein, war Jugendführer bei verschiedenen NS-Organisationen und später sogar in leitender Funktion in der SS tätig. Der Autodidakt nannte sich nach Kriegsende selber einen „alten Nazi“ und distanzierte sich laut dem Historiker Marcus Popplow nie von der antidemokratischen und rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus.

Tiere und Pflanzen

Bremen ist eine „Rosenstadt“ – allein 20 Straßen tragen die Liebesblume in ihrem Namen. Dahinter kommt mit 17 Straßen der Busch, auch die Bäume Eiche, Esche und Linde sind in einigen Straßennamen zu finden. Die Tiere der Bremer Stadtmusikanten finden sich leider nicht alle in den Straßennamen wieder. Es fehlen der Esel und die Katze, Straßen mit „Hahn“ im Namen gibt es hingegen sogar fünfmal. Auf Platz eins ist eines der wichtigsten Nutztiere des Menschen: die Kuh. Sie ist zehnmal vertreten.

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Methodik und Datengrundlage

Grundlage der Analyse ist die freie Weltkarte von Open Street Map (OSM), in der freiwillige Daten über Straßen, Eisenbahnen, Flüsse, Wälder, Häuser und mehr sammeln. Den zugrundeliegenden Datensatz können Sie hier herunterladen. Wir haben die 5000 Straßen mithilfe statistischer Methoden, dem sogenannten „Data Mining“, nach Auffälligkeiten und Mustern durchsucht. Für die Kategorisierung der Straßen in männlich und weiblich wurden nur Straßen ausgewertet, die den Vor- und Nachnamen der jeweiligen Person tragen. Da die Karten von Open Street Map Tausende Variablen enthalten, können einzelne Straßen fehlen oder falsch kategorisiert sein. Sollte Ihnen etwas aufgefallen sein, können Sie den Fehler direkt bei OSM melden.

Info

Zur Sache

Wer vergibt eigentlich Straßennamen?

In Bremen ist die Rechtsgrundlagen für die Benennung von Straßen das Bremische Landesstraßengesetz und das Ortsgesetz der Beiräte und Ortsämter. Mehrere Straßen in einer Gemeinde dürfen demnach nicht mit demselben Namen bezeichnet werden. Auch die Namen lebender Personen sind nicht erlaubt. Dabei liegt das Vorschlagsrecht beim Beirat des jeweiligen Ortsamts, grundsätzlich kann jeder Bürger einen Namen für eine neue Straße vorschlagen. Das Staatsarchiv Bremen überprüft neue Straßennamen, in letzter Instanz entscheidet der Senat zusammen mit der Baudeputation über die Straßenbenennung.

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