125. Geburtstag von Wilhelm Kaisen Bremens unvergessener Bürgermeister

Bremen. An diesem Dienstag jährt sich der Geburtstag von Wilhelm Kaisen zum 125. Mal. Er gilt als einer der bedeutendsten Bürgermeister in der Geschichte Bremens. Unvergessen ist vor allem seine Aufbauleistung in den Nachkriegsjahren.
22.05.2012, 08:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Erika Thies

Bremen. „Ich bin kein Übermensch.“ Vergeblich versuchte Wilhelm Kaisen im Juli 1965 bei seinem offiziellen Abschied vom Amt die vielen Lobeshymnen noch zu bremsen. Aber schon damals war klar: Er ist einer der bedeutendsten Bürgermeister, die Bremen jemals hatte. Heute vor 125 Jahren kam er in Hamburg-Eppendorf zur Welt.

In seinen Memoiren „Meine Arbeit, mein Leben“ hat Wilhelm Kaisengenüsslich berichtet, wie negativ man 1919 in Hamburg auf seine Mitteilung reagierte, nach Bremen zu ziehen. Er betonte aber gleich auch: „Ich habe diesen Ortswechsel niemals zu bereuen gehabt.“

KaisensErinnerungsbuch kam 1967 heraus. Es beginnt: „Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Ihr inneres und äußeres Leben lernte ich gründlich kennen, und ich bin dem Schicksal dankbar dafür.“ Der junge Kaisenfing nach der Schule als „Ungelernter“ in einer Fabrik an, wechselte fünf Jahre später aber in die Baubranche und wurde Gipser und Stukkateur.

Seit 1905 war er in der SPD, rasch auch in leitender Position, 1912 schickten die Hamburger Sozialdemokraten den inzwischen 25-Jährigen nach Berlin auf die zentrale Parteischule. Dorthin hatte die Bremer SPD gleichzeitig die 23-jährige Helene Schweida entsandt, eines ihrer begabtesten Nachwuchstalente. Mitten im Ersten Weltkrieg, als der Bräutigam auf Frontlaub war, fand 1916 die Hochzeit statt. Durch seine Frau, aber auch, weil in Hamburg die Wohnungsnot noch größer war, kam Wilhelm Kaisendann nach Bremen. Er fing als Redakteur beim „Bremer Volksblatt“ an, saß seit 1921 als Abgeordneter in der Bürgerschaft und übernahm 1928 als Senator das Wohlfahrtsressort.

Die Rettung: Borgfeld

Nachdem die NSDAP und eine fanatische Menschenmenge im März 1933 den Rücktritt der SPD-Senatoren erzwungen hatte und Kaisenkurz inhaftiert war, hieß für ihn und seine Familie die Rettung: Borgfeld. Wilhelmund Helene Kaisenbezogen mit ihren vier Kindern Nils, Franz, Ilse und Inge eine der neuen Siedlerstellen am Rethfeldsfleet. Es war ein extrem schweres Leben. Tochter Ilse, die als einzige der Familie noch lebt, sagte Jahrzehnte später rückblickend: „Vater hatte Lust zur Landwirtschaft, aber Ahnung hatte er zuerst nicht viel.“ Nils starb 1943 als Soldat in Russland. Von Inge und Franz wurde das Kaisensche Anwesen 1987 in eine Stiftung für behinderte Kinder und Jugendliche eingebracht.

Eine immer wieder gern beschriebene Szene ist, wie Professor Dorn, Oberst der US-Army, im Frühjahr 1945 nach Borgfeld kommt, um über die Vorbereitung einer parlamentarischen Regierung zu sprechen. Er trifft Kaisen, als der sich auf dem Acker gerade um sein Getreide kümmert. Beide sind sich auf Anhieb sympatisch und einigen sich rasch. Der einstige Wohlfahrtssenator übernimmt zunächst wieder sein altes Amt, steigt aber schon am 1. August 1945 zum Präsidenten des Senats und Bürgermeister auf – und bleibt es fast 20 Jahre.

Rasch zeigte sich: Wilhelm Kaisenwar genau der Mann, den Bremen brauchte. „Niemand wird uns helfen, wenn wir uns nicht selbst helfen“, mahnte er in Ansprachen und Aufrufen immer wieder, griff beim Trümmersteineklopfen selbst mit zu, riet gern auch auf Platt zu Optimismus: „Kiek nich in‘t Muuslock, kiek inne Sünn.“ Mit großer politischer Klugheit und, wo es Not tat, auch mit listiger Diplomatie wurde er zum Baumeister des Bundeslandes Bremen.

Zu seinem 75. Geburtstag wollte er im Mai 1962 keine Geschenke. Stattdessen sollte für die Volkshilfe gespendet werden, die inzwischen Wilhelm-Kaisen-Bürgerstiftung heißt. Im „Vorwärts“ schrieb der damalige SPD-Landesvorsitzende Moritz Thape: „ Wilhelm Kaisenund seine Partei sind nicht zu trennen“. Das heiße allerdings nicht, „dass sie mit ihm oder er mit ihr immer einverstanden gewesen wäre.“

Die Stimmen, die den Abschied vom Amt forderten, mehrten sich. Nach dem überwältigenden 54,9 Prozent-Ergebnis der Bürgerschaftswahlen 1959 hatte Kaisen1963 als Spitzenkandidat zwar noch mal stolze 54,7 Prozent hereingeholt, er unterließ den angekündigten Rücktritt aber, weil sein Wunschkandidat Adolf Ehlers aus Gesundheitsgründen als Nachfolger ausfiel. Erst im Sommer 1965 verließ der 78-Jährige zögernd die politische Bühne. Noch zu Lebzeiten wurde er in Bremen dann zu einer fast mythischen Gestalt. Wilhelm Kaisenstarb am 19. Dezember 1979 mit 92 Jahren. Er war bis fast zum Ende erstaunlich rüstig geblieben und wohnte bis zum Schluss im Borgfelder Siedlungs haus.

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