Gastgeber einer Spitzenrunde Bremer Achtklässler organisiert Wahlkampfdiskussion

Leonard Geßner ist erst 14 Jahre alt und hat schon viele Politiker in Berlin interviewt. Nun hat er zur Bürgerschaftswahl die Bremer Politik zur Runde eingeladen – und sie kommt.
04.05.2019, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer

Politiker erzählen irgendwie immer alle das Gleiche. Das dachte sich Leonard Geßner schon als 13-Jähriger. Also machte sich er sich auf, schrieb den Bürgermeister von Osterholz-Scharmbeck, Thorsten Rhode, an und bat ihn um ein Interview zu politischen Themen. Drei Tage später stand ihm Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der FDP für die Bürgerschaftswahl, Rede und Antwort.

Von da ab lief es für den Schüler, der mittlerweile 14 Jahre alt ist und die 8. Klasse des Ökumenischen Gymnasiums (ÖG) in Oberneuland besucht. Das Vertrauen, das ihm das Steiner-Interview gab, öffnete ihm die Türen für viele weitere Gespräche mit Politikgrößen auf lokaler Ebene, aber auch Bundesebene. Die Idee, die er im Dezember hatte, alle Bremer Spitzenkandidaten vor der Bürgerschaftswahl zu einer Runde zusammenzutrommeln, nahm immer konkretere Formen an. Am Ende sagten Bürgermeister Carsten Sieling (SPD), Carsten Meyer-Heder (CDU), Kristina Vogt (Die Linke), Frank Magnitz (AfD), Thore Schäck (FDP) und Björn Fecker (Bündnis90/Die Grünen) zu.

Am Freitag, 10. Mai, wird Geßner als Moderator den Politikern in der 500 Personen fassenden Turnhalle des Ökumenischen Gymnasiums auf den Zahn fühlen. Dann kommen 90 Minuten Themen wie Zukunft, Umwelt, Migration, Bildung, Rente und Pflege sowie Gesellschaft auf den Tisch. 75 Minuten wird der Gastgeber mit den Politikern diskutieren. Am Ende ist das Publikum aufgefordert, Fragen zu stellen.

Spahn, Lindner und Bär vor der Kamera

Mit seinem YouTube-Kanal mit dem Titel „Politik der Generation Z“ hat Geßner sich einen Namen gemacht. Hier hatte er bereits den Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn (CDU) vor dem Mikrofon, die Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr (SPD), den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linken und Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen Katrin Göring-Eckardt, den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär (CSU) und die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel. 73 200 Aufrufe hatte allein das Gespräch mit Weidel. Tausende Kommentare bestätigen Geßner, dass die Interviews nicht nur flüchtig angeguckt werden. „Jungen Leuten sagt man oft nach, dass sie sich nicht informieren“, beklagt er sich. Dabei seien nur die Medien andere als die klassischen Zeitungen und Zeitschriften. Er selbst informiert sich online, guckt ab und an Nachrichten oder liest die Wahlprogramme.

Geßner kommt in seinen Gesprächen unaufgeregt daher. Sachlich stellt er einfach formulierte Fragen. „Ich verstehe mich als Journalist und möchte vor allem jungen Leuten, insbesondere der Jahrgänge 1995 bis 2010, ein neutrales Bild der politischen Landschaft bieten“, formuliert er sein Anliegen. Langfristig möchte er Politiker werden. Denn natürlich habe er seine eigene politische Meinung. Doch die Jugendorganisationen der Parteien könnten nur regional etwas bewirken. Seine Videos dagegen finden bundesweit Resonanz.

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Um die Mitschnitte, die er mithilfe von Camcorder, Stativ und kleinen Ansteckmikrofonen fürs Smartphone fertigt, am Ende professionell aufzubereiten, brachte er sich mithilfe von YouTube-Filmen bei, sie zu schneiden. Vier bis fünf Stunden Arbeit stecken in einem Interview, das am Ende 20 bis 30 Minuten lang ist. Vorgeschaltete Werbung, so fürchtet der Schüler, könnte Jugendliche davon abhalten, seine Filme anzugucken. „Ich befürchte, dass das nervt.“ Auf Sponsoren verzichtet er aus Angst vor Lobbyismus. Profit schlägt er demnach aus seinem aufwendigen Hobby nicht. Vier Mal reiste er bereits mit seinem Vater oder seiner Mutter nach Berlin und führte bis zu acht Interviews in drei Tagen. „Meine Eltern finden es gut, dass ich mich unparteiisch informieren möchte“, sagt er mit Dankbarkeit für die Hilfe. Auch sein elfjähriger Bruder, der für die Runde im Mai kräftig mit Flyer verteilt hat, sei stolz auf ihn.

Fragen treiben ihn an

Schon als Zehnjähriger diskutierte Geßner mit seiner Familie am Esstisch über das Weltgeschehen. Vielleicht erklärt das, warum der Teenager ohne viele Ähms und Ähs sagt, worüber er sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht hat. Nicht selten hätten Spitzenpolitiker Standardantworten parat, berichtet Geßner. Spannend würde es dann für ihn, wenn er seine Interviewpartner durch Unerwartetes aus dem Takt bringe. Eine seiner Standardfragen etwa sei: „Wie sagen Sie Tschüs?“ Da käme so manch einer ins Stottern oder zeige ein verlegenes Lächeln.

Bei Floskeln bohrt er nach, lange Ausschweife versucht er einzudämmen und manche Aussagen lasse er unkommentiert im Raum stehen, erzählt er. Die würden auch so für sich sprechen. Ebenso kritisch wie seine Gesprächspartner sieht Geßner die Fridays-for-Future-Demonstrationen. „Das Engagement finde ich gut“, sagt er. Doch zwei Dinge störten ihn: dass Unterricht versäumt werde und die Scheinheiligkeit bei der Sache. Wer für den Klimaschutz auf die Straße gehe, müsse auch auf das Handy, Playstation und Flüge nach Los Angeles verzichten, findet er.

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Für die Zukunft plant der Schüler weitere Interviews. Im Juli steht ihm Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) Rede und Antwort. Angela Merkel habe er über das Pressebüro mehrmals angeschrieben. Vergeblich. Die sei zu beschäftigt und generell schwer für Interviews zu haben, bedauert Geßner, der schon viele Absagen einstecken musste. Es sei erstaunlich, dass einige Politiker in den nächsten acht Monaten keine halbe Stunde Zeit in ihrem Terminkalender fänden, andere dagegen nur fünf Tage Vorlauf bräuchten, wundert er sich.

Doch in den nächsten Tagen bereitet sich Geßner vor allem auf die Talkshow im ÖG vor. Die Schule unterstütze ihn beim Aufbau der Technik und der Bestuhlung. Viele Lehrer und Mitschüler sowie Freunde und Verwandte hätten bereits zugesichert, zu kommen. Besonders freut er sich auf Schüler des 11. Jahrgangs, fast 100 Leute, die zum ersten Mal wählen dürfen. Ein bisschen Lampenfieber habe er schon, gesteht Geßner, der noch nie auf einer Bühne gestanden hat. Doch dafür hat er ein Gegenmittel: „Mich treibt das Interesse an so vielen Fragen an. Und ich freue mich mehr auf die Veranstaltung als dass ich aufgeregt bin.“

Der Eintritt für die Runde am Freitag, 10. Mai, in der Turnhalle des Ökumenischen Gymnasiums, Oberneulander Landstraße 143, ist frei. Beginn ist um 18.30 Uhr, Einlass um 18 Uhr. Geßners Interviews sind unter www.youtube.com/politikdergenerationz zu sehen.

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