Initiative fordert Bannmeile um Sportvereine und Stadien Bremer Ärzte fordern Werbeverbot für Alkohol

Bremen. Alkoholvergiftung, Gewaltexzesse und lebensbedrohliche Erkrankungen sind Folgen von Alkoholmissbrauch. Eine neue Initiative aus Ärzten und Gesundheitsexperten fordert jetzt ein Werbeverbot für Alkohol in und um Bremer Sportstätten.
18.05.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremer Ärzte fordern Werbeverbot für Alkohol
Von Sabine Doll

Bremen. Immer häufiger werden Jugendliche mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert, jeder Zweite ist jünger als 16 Jahre. Die Zahl der Erwachsenen, die an alkoholbedingten Erkrankungen sterben, liegt in Bremen über dem Bundesdurchschnitt. Eine Vielzahl von Straftaten wird unter Alkoholeinfluss begangen. Eine neue Initiative aus Ärzten und Gesundheitsexperten fordert jetzt ein Werbeverbot für Alkohol in und um Bremer Sportstätten.

"Für mich war das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, um endlich Ernst zu machen bei dem Thema Alkohol und Jugendliche." Der Bremer Zahnarzt Hans-Werner Bertelsen spricht über die Prügelei in einer Berliner U-Bahn-Station im April dieses Jahres. Zwei 18-Jährige schlugen so brutal auf einen 29-jährigen Mann ein, dass dieser schwerste Kopfverletzungen davontrug. Das Motiv: Die Volljährigen gaben an, in aggressiver Stimmung gewesen zu sein. Sie waren betrunken.

"Über solche Vorfälle kann man inzwischen täglich in der Zeitung lesen, und immer war Alkohol im Spiel", sagt Bertelsen. "Gewaltexzesse sind aber nur eine Folge regelmäßigen und exzessiven Alkoholkonsums bei Jugendlichen. Hinzukommen die gesundheitlichen und sozialen Folgen." Bertelsen will die Entwicklung hin zu einer "Generation Suff" stoppen - und hat eine Initiative gegründet, die ein Werbeverbot in Sportstätten fordert. Überall dort, wo Kinder und Jugendliche Sport treiben und wo sie ihren Idolen zuschauen. Im Verein auf der grünen Wiese, aber auch im Stadion.

Zu den Unterzeichnern gehören Hans-Iko Huppertz, Leiter der Professor-Hess-Kinderklinik, Martin Claßen, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Links der Weser, und Gerd Glaeske, Gesundheitsforscher an der Universität Bremen. Bertelsen: "Die Kombination Alkohol-Werbung und Sport ist eine besonders verhängnisvolle Verknüpfung. Inzwischen glaubt doch bereits jedes Kind, dass etwa Bier und Fußball selbstverständlich zusammengehören."

Komasaufen, Binge-Drinking, Vor- und Nachglühen - die Statistiken zeigen, dass es sich bei den Saufgelagen nicht mehr um pubertäre Ausrutscher, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen handelt: Nach Zahlen der Gesundheitsbehörde sind im Schuljahr 2008/2009 402 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftung in Krankenhäusern behandelt worden, fast jeder Zweite (47 Prozent) war unter 16 Jahre. Und: Das Einstiegsalter sinkt. Für Bertelsen eine besorgniserregende Entwicklung. Sein Ansatz: "Exzessiver Alkoholkonsum muss gesellschaftlich geächtet werden."

"Senator Ulrich Mäurer ist sehr dafür", kommentiert Rainer Gausepohl, Sprecher des Innenressorts, die Forderung der Bremer Initiative. Allerdings sei es nicht einfach, ein Werbeverbot im sportlichen Umfeld auf Landesebene umzusetzen. Einigen Vereinen würde man zudem möglicherweise die finanzielle Grundlage entziehen. "Das ist ein dickes Brett", so Gausepohl. "Aber wir sind dran."

Anfang des Jahres haben Innen-, Gesundheits- und Bildungsbehörde einen gemeinsamen "Aktionsplan Alkoholprävention 2011" vorgelegt, der speziell Jugendliche im Fokus hat. Das Programm fasst alle laufenden und künftigen Aktivitäten zum Thema Prävention zusammen. Beim Punkt Werbung geht es etwa um Kinospots für Tabak- und Alkohol, die künftig erst ab 20 statt ab 18 Uhr gezeigt werden sollen sowie um Werbe-Einschränkungen in der Nähe von Schulen, Kindergärten und Jugendeinrichtungen. Gausepohl: "Da prüfen wir, ob man eine Art Bannmeile einführen kann."

Geldstrafe für Geschäfte

Geprüft wird laut Gesundheitsbehörde auch ein nächtliches Verkaufsverbot für alkoholische Getränke an Kiosken, Tankstellen und Supermärkten. "In Baden-Württemberg wird das seit März konsequent umgesetzt, zwischen 22 Uhr am Abend und fünf Uhr morgens bekommt man dort keinen Alkohol", sagt Suchtreferent Anton Bartling. Geschäfte, die sich nicht daran halten, müssen mit einer Geldstrafe rechnen. Bartling: "Sonst bringt das nichts."

Ein Verkaufsverbot soll verhindern, dass sich Jugendliche und "andere Personen mit problematischem Trinkverhalten Nachschub organisieren, sich gesundheitlich schädigen und möglicherweise Ordnungsrechts- und Gewaltdelikte begehen", heißt es im Bremer Aktionsplan. Bartling: "Wenn sich durch die Wahl nichts anderes ergibt, werden wir uns voraussichtlich Ende des Jahres näher damit beschäftigen."

Dass Minderjährige trotz eindeutiger Regelungen im Jugendschutzgesetz an Alkohol herankommen, zeigen immer wieder Testkäufe: Bei 13 solcher Aktionen im Januar dieses Jahres in der Vahr hatten die Testkäufer in sechs Fällen keine Probleme, in Supermärkten, Kiosken und Tankstellen an die gewünschte Ware heranzukommen.

Um ein nächtliches Verkaufsverbot umzusetzen, müsste allerdings zusätzlich das Ladenschlussgesetz geändert werden. Dass dies umsetzbar ist, hat im Februar das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bestätigt; mehrere Tankstellenpächter aus Baden-Württemberg hatten geklagt. Bartling: "Bevor wir das aber konkret angehen, warten wir erste Zwischenergebnisse von dort ab. Uns interessiert dabei vor allem auch, wie sich die Gewalt im öffentlichen Raum entwickelt."

Der Grund: Eine Vielzahl von Straftaten wird unter Alkoholeinfluss begangen. Insgesamt haben laut Aktionsplan im Jahr 2009 im Land Bremen 1976 Verdächtige ihre Tat unter Alkoholeinfluss begangen; dies sind 7,3 Prozent aller ermittelten Tatverdächtigen. Bei den Gewaltdelikten liegt der Anteil bei 15,3 Prozent und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Überdurchschnittlich ist auch die Zahl der Menschen, die an alkoholbedingten Erkrankungen sterben: Laut Aktionsplan der Behörden ist bei den 40- bis 44-Jährigen Männer jeder fünfte Todesfall auf regelmäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen.

Vom 21. bis 29. Mai findet in Bremen die "Aktionswoche Sucht" statt. Informationen unter www.aktionswoche-sucht2011-bremen.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+