Reportage vor verschlossener Tür Bremer AfD kürt Magnitz zum Spitzenkandidaten

Der Bremer AfD-Landesvorsitzende Frank Magnitz ist zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die Bürgerschaftswahl gewählt worden. Hinter verschlossener Tür. Journalisten mussten draußen bleiben.
20.01.2019, 09:25
Lesedauer: 3 Min
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Bremer AfD kürt Magnitz zum Spitzenkandidaten
Von Lisa-Maria Röhling

An der Eingangstür ist Schluss. Vor dem Restaurant in Bremen-Nord harren Kamerateams und andere Journalisten vergebens in der Kälte aus, während ein AfD-Parteimitglied nach dem anderen die Tür passiert. Mark Runge, im Herbst von der Wählervereinigung Bürger in Wut (BIW) zur AfD gewechselt, steht neben dem Eingang, antwortet freundlich, lächelt dabei. Das entschärft den Inhalt seiner Aussagen nicht: keine Gäste, keine Presse, niemand außer den Parteimitgliedern darf rein. Die AfD will unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Hinterraum des Restaurants über ihre Landesliste für die Bürgerschaftswahl entscheiden.

Vor dem Landesparteitag hatte der ehemalige Fernsehjournalist Hinrich Lührssen seine Ambitionen für den ersten Listenplatz deutlich gemacht (wir berichteten), der Chef der Jungen Alternative (JA), Robert Teske, hatte am Sonnabend über Twitter verlauten lassen, dass er den zweiten Listenplatz im Auge habe. Dabei sein dürfen bei dieser Entscheidung nur Parteimitglieder. Ob sich das ändert, sagt Runge den Journalisten, müsse die Mitgliederversammlung entscheiden. Man solle warten, gegebenenfalls noch einmal wiederkommen.

Umsonst gewartet

Die letzten Raucher drücken vor der Tür des Restaurants die Zigaretten aus, die Tür fällt zu. Und bleibt es auch. Hinter den großen Glasfenstern tauchen immer wieder Parteimitglieder auf, beobachten mit gerunzelter Stirn die Journalisten und Kamerateams, die vor der Tür von einem Bein auf das andere treten. Dann wird der Gastraum des Restaurants leer, die Anwesenden verschwinden ins hintere Zimmer. Erst eine halbe Stunde später wird klar: Es bleibt dabei, die Presse wird ausgeschlossen, das Warten ist umsonst. Die meisten packen ihr Equipment ein und gehen, wollen später noch einmal wiederkommen.

Erst gegen Mittag dringen Nachrichten über die erste und wohl wichtigste Abstimmung nach außen: Frank Magnitz, Landesparteivorsitzender und AfD-Bundestagabgeordneter, sei gegen Lührssen als Spitzenkandidat angetreten. Er habe mit "sehr großer Mehrheit gewonnen", teilt der stellvertretende Landesvorsitzende Thomas Jürgewitz per SMS mit, 32 zu 19 Stimmen sei das Ergebnis des ersten Wahlganges des Tages.

Als "Bürgertreff" angekündigt

Zurück vor Ort ist zunächst nichts vom neu gewählten Spitzenkandidaten der AfD zu sehen, nur Lührssen steht noch draußen, als bereits der zweite Wahlgang anläuft. "Ein demokratischer Neuanfang der AfD Bremen ist heute gescheitert", sagt er. Für einen weiteren Listenplatz will er nicht kandidieren, seine Zukunft in der Partei sei noch ungewiss.

Während der zweite Wahlgang läuft, tritt der Pächter des Restaurants vor die Tür. Dass die AfD in dem Hinterzimmer tagen würde, habe er nicht gewusst, sagt Frank Wiedekamm. Er hat die Hände in die Taschen gesteckt, schüttelt den Kopf. Als "Bürgertreff" sei ihm die Versammlung angekündigt worden, erst am Sonntagmorgen gegen zehn Uhr habe er zufällig Frank Magnitz erkannt und bemerkt, wer da in seinem Restaurant ist. Vor der Tür hat er inzwischen ein Schild aufgestellt: "Trotz Veranstaltung geöffnet".

Magnitz: "Es erwies sich als notwendig"

Erst, als der zweite Wahlgang ausgezählt wird, kommen mehrere Parteimitglieder wieder vor die Tür, zünden sich Zigaretten an und reden leise miteinander. Dann kommt auch Frank Magnitz aus dem Restaurant, ist bereit, mit der Presse zu sprechen. Warum er angetreten sei? "Es erwies sich als notwendig, das alles in die richtige Richtung zu lenken", sagt er. Eine "zuverlässige Truppe" will er in Bremen schaffen, damit sich das "Desaster des ersten Einzugs" der AfD in die Bürgerschaft nicht wiederhole. Dem WESER-KURIER hatte Magnitz noch vor wenigen Wochen erklärt, er strebe die Spitzenkandidatur für die Bürgerschaftswahl nicht an. Sein Mandat im Deutschen Bundestag könne er mit dem ersten Listenplatz und dem möglichen Einzug in die Bürgerschaft aber vereinbaren, das sei bis Herbst händelbar, sagt Magnitz jetzt. Danach werde die Große Koalition ohnehin vor der Auflösung stehen, meint er. Vermutlich werde es dann im Herbst Neuwahlen geben. Und wenn nicht? "Warten wir es ab", antwortet er.

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Während Magnitz schon wieder das Restaurant betritt, steht Robert Teske noch vor der Tür. Für den zweiten Listenplatz sei er nicht angetreten. "Es gab ja die ein oder andere Überraschung", sagt er. Dass Magnitz für die Spitzenkandidatur angetreten ist, scheint mehrere Parteimitglieder überrascht zu haben. Ob er für einen weiteren Listenplatz antritt, ist für Teske zumindest nach diesem zweiten Wahlgang noch offen.

Auch über den Ausgang und die Anzahl der weiteren Wahlgänge des Tages behält die AfD am Sonntag Stillschweigen. Die endgültige Liste solle am Montag vorgestellt werden – bei einer offiziellen Pressekonferenz. Eine Anfrage, mit welcher Begründung die Medienvertreter beim Parteitag ausgeschlossen wurden, bleibt ebenfalls unbeantwortet.

++ Dieser Artikel ist um 19.45 Uhr aktualisiert worden ++

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