Coronakrise

Bremer Apotheker und Bierbrauer stellen Desinfektionsmittel her

Desinfektionsmittel ist seit Wochen Mangelware. Viele Apotheker stellen nun selbst welches her. Und auch Bierbrauer und Spirituosenproduzenten helfen, wo sie können.
26.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Lakeband und Peter Hanuschke
Bremer Apotheker und Bierbrauer stellen Desinfektionsmittel her

Ethanol ist ein Bestandteil für Desinfektionsmittel.

Jens Büttner /dpa

Not macht erfinderisch. Das zeigt sich nicht nur bei Autobauern, Zulieferern und Schneidern, die nun Atemgeräte und Schutzmasken herstellen, sondern auch in etlichen Bremer Apotheken. Weil Desinfektionsmittel vielerorts dringend benötigt werden, aber seit Wochen ausverkauft sind, stellen viele nun selbst welches her. Die Raths-Apotheke am Bremer Marktplatz ist eine davon. Rund 150 Liter hat Inhaber Thomas Real schon mit seinen Mitarbeiter in Eigenregie produziert und abgefüllt.

„Es gab nicht genug Fertigprodukte für eine Pandemie“, sagt Real. Deswegen habe er sich gefragt, wie er helfen könne. Desinfektionsmittel selbst herzustellen, sei für einen Apotheker theoretisch nicht schwer. Eigentlich würde schon eine Mischung aus Alkohol und Wasser reichen, um eine desinfizierende Wirkung zu erhalten, sagt Real. In seiner Apotheke orientiert er sich aber an einer Rezeptur, die die Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben hat. Demnach kommen auch noch Wasserstoffperoxid und Glycerin in das Desinfektionsmittel.

„Wir versorgen damit Arztpraxen und Altenheime“, sagt Real. Das Mittel komme also dahin, wo es am nötigsten gebraucht wird. Einen kleinen Teil verkaufe er auch in seiner Apotheke.

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Erst seit dieser Woche werden in der Raths-Apotheke im größeren Stil Desinfektionsmittel produziert. Gerne hätten Real und seine Kollege eher losgelegt, doch es habe eine Hürde gegeben: Eigentlich unterliegt Ethanol, das der Apotheker zur Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet, der Alkoholsteuer. Sie wurde laut Real mittlerweile abgeschafft – allerdings erst vor gut einer Woche. „Ich verstehe nicht, warum das erst jetzt passiert ist“, sagt der Apotheker. Schon im Januar sei absehbar gewesen, dass Desinfektionsmittel knapp werden würden. Er begrüßt daher auch die Initiative etlicher Unternehmen, die nun die Produktion von Desinfektionsmittel vorantreiben würden – dazu gehört etwa der Brauereikonzern AB Inbev, der seine Deutschlandzentrale in Bremen hat.

Hilfe von Klosterfrau und Jägermeister

Der Konzern hatte vermeldet, 50.000 Liter Desinfektionsalkohol für europäische Krankenhäuser herstellen zu wollen. Dafür nutzt das Unternehmen ein Abfallprodukt: Denn wenn alkoholfreie Biere wie beispielsweise Beck’s Blue gebraut werden, dann wird im herkömmlichen Produktionsprozess Alkohol entzogen – der mit dem Desinfektionsmittel nun eine neue Bestimmung findet. In Zusammenarbeit mit den Firmen KWST und Jodima wird das Produkt weiterverarbeitet und in ganz Europa verteilt.

AB Inbev hat sich verpflichtet, bei Bedarf noch mehr zu produzieren und zu spenden. 26.000 Flaschen Hand-Desinfektionsmittel werden zudem an Apotheken und Menschen in ganz Europa verteilt, die in der ersten Reihe für andere im Einsatz sind. In der Bremer Beck’s-Brauerei ist laut AB Inbev bereits ein erster Produktionslauf von 1000 Desinfektionsmitteln abgeschlossen. Diese sollen an lokale Unternehmen und Dienstleister gehen, zum Beispiel Händler auf dem Wochenmarkt oder Zusteller bei der Post. Weitere Abfüllungen sind geplant.

Beck’s-Brauer AB Inbev ist nicht das einzige Unternehmen, dass in der Coronakrise seine Produktion umgestellt hat oder bei der Herstellung von wichtigen Materialien hilft. So bekommt das Klinikum Braunschweig derzeit 100.000 Liter Alkohol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln: Eine Hälfte stammt vom Spirituosenhersteller Jägermeister aus Wolfenbüttel, die andere vom Chemieunternehmen KWST aus Hannover.

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„Die Produktion ist eine Premiere und der aktuellen Notlage geschuldet“, sagt Andreas Goepfert, Geschäftsführer des Klinikums. „Mit der eigenen Produktion stellen wir sicher, dass das Klinikum Braunschweig erst einmal mit Desinfektionsmittel versorgt ist.“ Er betont, dass eine Abgabe des Mittels an Externe oder Privatpersonen nicht möglich sei.

Das Kölner Unternehmen Klosterfrau Healthcare, früher unter dem Namen Klosterfrau Melissengeist bekannt, will 100.000 Liter Desinfektionsmittel an das Land Nordrhein-Westfalen spenden. Das sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in einer Sondersitzung des Landtags. Schon kommende Woche wolle das Unternehmen 150.000 von insgesamt 500.000 Flaschen Hand-Desinfektionsmittel bereitstellen.

Auch der Spirituosenproduzent Berentzen aus Haselünne überlegt, die Gesundheitsbranche zu unterstützen, genauso wie der Zuckerhersteller Nordzucker, der wegen des erhöhten Bedarfs sämtliches noch verfügbares Bioethanol ausschließlich für weiterverarbeitende Betriebe zur Desinfektionsmittel-Herstellung bereitstellen will.

„Immenser Bedarf“

Auf Initiative des Landes Niedersachsens wurden derweil Beschränkungen in der Produktion von Desinfektionsmittel auf Apotheken und Pharmahersteller aufgehoben. Die chemische Industrie, Kosmetik- und Parfümhersteller und andere geeignete Firmen dürfen nun Produkte zur Händedesinfektion herstellen, wie das Umweltministerium mitteilte.

In Gesprächen auf Bundesebene hatte Niedersachsen darauf gedrungen, die rechtlichen Grenzen hier vorübergehend aufzuheben. Umweltminister Olaf Lies (SPD) sagte als Begründung: „Wir brauchen alle verfügbaren Ressourcen, um den immensen Bedarf decken zu können.“

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