Ziel: Vorhandene Strukturen aufbrechen

Bremer Initiative ermutigt Arbeiterkinder zum Studium

Kinder aus Akademikerhaushalten haben einen besseren Zugang zum Studium als die aus weniger bildungsnahen Familien. Die Bremer Arbeiterkind-Initiative möchte diese Strukturen aufbrechen. .
28.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Bremer Initiative ermutigt Arbeiterkinder zum Studium

Vivien Walura (von links), Laura Michaelis, Alexander Bruns und Joyce Rieger von der Bremer Arbeiterkind-Gruppe bieten ehrenamtlich ihre Unterstützung an.

Christina Kuhaupt

Die eine Person, die an einen glaubt – da sind wir oft die Ersten“, sagt Annika Werner von der Initiative Arbeiterkind.de. Sie ist Bundeslandkoordinatorin für Niedersachsen und Bremen und setzt sich dafür ein, Schülerinnen und Schülern aus Familien ohne Hochschulerfahrung die Möglichkeit eines Studiums näherzubringen.

„Dass wir sagen ,Du kannst das‘, da sind wir ebenfalls oft die Ersten – und das ist zum Teil sehr berührend“, meint sie. Denn Kinder aus Haushalten, in denen vorher noch niemand ein Studium absolviert hat, stehen oft vor Hürden, die Kinder und Jugendliche aus Akademikerfamilien nicht überwinden müssen.

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„In Arbeiterhaushalten werden weniger häufig Schlüsselkompetenzen mitgegeben“, sagt Joyce Rieger, die in der Bremer Regionalgruppe von Arbeiterkind.de mitarbeitet. Alle Mitglieder engagieren sich dort ehrenamtlich. Rieger erinnert sich: „In der Oberstufe etwa konnte mir niemand in meiner Familie bei Mathe helfen.“

Die Studentin der Politikwissenschaft sieht weitere Probleme für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern: „In Akademikerfamilien werden häufiger politische Diskussionen geführt“, findet Joyce Rieger, „da muss ich nun im Studium viel mehr Arbeit investieren.“ Sie habe manchmal immer noch das Gefühl, nicht in die akademische Welt zu gehören.

Diese Kinder müssten sich oft durchboxen, sagt auch Alexander Bruns, der seit zwei Jahren bei den Bremer Arbeiterkindern freiwillig aktiv ist. „Es macht einen Unterschied, was am Abend angesprochen wird. Wenn das Thema Studium nie fällt, wird es auch nie Teil meiner Lebenswirklichkeit.“ Somit hätten diese Kinder und Jugendlichen keine Vorbilder, die sie eventuell leiten könnten. „Dass man studieren könnte, darauf bringen wir sie oft erst.“

Bei ihm sei es der 23 Jahre ältere Halbbruder gewesen, der studiert habe und Lehrer geworden sei. „Er hat mich unterstützt und positiv auf mich eingewirkt“, berichtet Alexander Bruns. „Das wäre in einem reinen Arbeiterhaushalt eventuell nicht der Fall.“ Das fehlende Netzwerk zwischen Schule und Universität ist somit der Anknüpfungspunkt der Arbeiterkind-Initiative. „Da versuchen wir zu helfen, und wir schaffen ein Netzwerk von Gleichgesinnten. Alle können sich mit ihren Erfahrungen einbringen“, sagt Annika Werner. Und das zeichne Arbeiterkind.de aus, meint auch Laura Michaelis, die seit März in der Bremer Gruppe mitarbeitet.

„Dass wir nicht nur potenzielle Studierende unterstützen, sondern auch uns.“ Was Joyce Rieger etwa in letzter Zeit beschäftigt habe, war der Roman „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Darin kehrt der Protagonist als Universitätsabsolvent ­zurück zu seiner Familie, die ohne akademischen Hintergrund lebt. „Das konnte ich sehr gut nachvollziehen“, sagt sie. „Beim sozialen Aufstieg kann es auch sein, dass man damit manchmal alleine ist, dass man sich in beiden Welten nicht so richtig zu Hause fühlt und es nicht einfach ist, sich dazwischen zu be­wegen.“

Strukturen aufbrechen

Das kann Annika Werner ebenfalls bestätigen. „Wenn man zum Beispiel anfängt, anders zu reden, andere Wörter gebraucht. Ich sagte einmal im Verlaufe eines Gesprächs, dass wir das Problem auf einer Metaebene regeln sollten, doch da hat mich meine Familie gar nicht verstanden.“ Es ist also oftmals ein Spagat zwischen den Welten. Und dieser Spagat drückt sich auch in den Zahlen aus: Von 100 Akademikerkindern promovieren zehn, von den Arbeiterkindern jedoch nur eines von 100.

Sie hadere noch immer mit sich und damit, dass die Leute sagen könnten, dass sie das, was sie tue, nicht könne, erzählt Annika Werner. „Das wollen wir aufbrechen“, sagt sie. „Und dass es stattdessen heißt: Du darfst das, und Du kannst das!“ Feste Strukturen sprengen, das hat sich die Initiative Arbeiterkind.de zum Ziel gesetzt. Sie ist inzwischen in 80 Orten deutschlandweit aktiv. Seit 2010 gibt es die Bremer Gruppe, sie ist eine der ältesten Gruppen. Zum Kreis der ehrenamtlich Engagierten gehören beileibe nicht nur Studierende. Angestellte sind dort ebenso zu finden wie Rentner. „Eine gute Mischung im Alter von 20 bis über 60“, findet Werner.

Wer sich bei Arbeiterkind.de engagieren möchte, kann das auf vielfältige Weise tun. Die Initiative ist auf Messen präsent und besucht Schulklassen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und Tipps zu geben, etwa zu den Themen Finanzierung des Studiums, Bafög oder auch Stipendium. An jedem dritten Montag im Monat trifft sich die Bremer Gruppe überdies zum persönlichen Austausch. Derzeit sind diese Tätigkeitsfelder durch Corona stark eingeschränkt. Daher bietet die Initiative online Vorträge an, die sie sonst vor Schulklassen kurz vor dem Abitur halten würde.

Weitere Informationen

Für Dienstag, 4. August, sowie Montag, 17. August, sind Online-Vorträge geplant. Dann kann jede interessierte Person, die als erste in der Familie studieren möchte, auch Fragen stellen und sich mit den Ehrenamtlichen von Arbeiterkind.de austauschen. Anmelden kann man sich im Internet unter civi.arbeiterkind.de/FragenzumStudium_Jul_Aug_2020. Weitere Informationen über die Bremer Gruppe, etwa zum Ort der Treffen, gibt es online unter www.arbeiterkind.de/bremen.

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