Leiharbeit und Nachtschichten

Bremer Arbeitsmarkt: Migranten sind im Nachteil

Wer Migrant ist, hat es am Bremer Arbeitsmarkt deutlich schwerer. Die Arbeitnehmerkammer spricht sogar von „struktureller Diskriminierung“ von Beschäftigten mit Migrationshintergrund.
16.09.2018, 21:58
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Arbeitsmarkt: Migranten sind im Nachteil
Von Stefan Lakeband
Bremer Arbeitsmarkt: Migranten sind im Nachteil

Sie sind oft überqualifiziert und arbeiten trotzdem zu schlechten Bedingungen. Ein Migrationshintergrund mindert die Chancen auf einen passenden Arbeitsplatz

Peter Steffen

Beschäftige mit Migrationshintergrund werden am Bremer Arbeitsmarkt benachteiligt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Arbeitnehmerkammer. So arbeiteten Menschen mit ausländischen Wurzeln häufiger unter schlechteren Bedingungen als Angestellte ohne Migrationshintergrund.

Insgesamt haben 28 Prozent aller Beschäftigten in Bremen einen Migrationshintergrund. Dazu zählen Menschen, die selbst aus dem Ausland kommen oder mindestens ein Elternteil haben, das eine ausländische Staatsbürgerschaft hat oder hatte. Darin unterscheiden sich die Zahlen der Kammer etwa von Statistiken der Agentur für Arbeit: Die Behörde erfasst nur Staatsangehörigkeit, aber nicht, ob ein Migrationshintergrund vorliegt.

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Die Auswertung der Arbeitnehmerkammer, die auf Daten der Beschäftigtenbefragung 2017 basiert, zeichnet nun ein umfassendes Bild von der Situation für Migranten am Jobmarkt in der Hansestadt. Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik kommt zu dem Ergebnis: „Auf dem Arbeitsmarkt gibt es eine strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund.“ So müssten aus der Gruppe der Migranten 20 Prozent regelmäßig nachts arbeiten. Bei denen, die keinen Migrationshintergrund haben, sind es nur halb so viele. „Fast jeder oder jede Dritte gab zudem an, dass bei der Arbeitszeitplanung selten oder fast nie Rücksicht auf persönliche Belange genommen wurde“, heißt es in der Auswertung.

Überqualifizierung, Befristung und geringe Gehälter

Das ist nur ein Beispiel: Beschäftigte mit Migrationshintergrund sind für ihren Job häufiger überqualifiziert als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte; sie sind öfter befristet angestellt und mehr körperlichen Belastungen ausgesetzt. Zudem ist ihr Gehalt im Mittel monatlich 460 Euro geringer als das von Beschäftigten ohne Migrationshintergrund. Besonders oft sind Migranten in der Leiharbeit anzutreffen. In dieser Branche hat jeder zweite Angestellte einen Migrationshintergrund. Nur in der Gastronomie ist der Anteil mit 55 Prozent höher – und damit in einer Branche, in der es immer wieder zu Wochenenddiensten und Spätschichten kommt.

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„In der Gastronomie werden immer wieder ungelernte Kräfte gesucht“, sagt Jörg Jarchow, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Bremen. Und da in der ersten Migranten-Generation die Zahl derjenigen, die ohne Abschluss sind, höher sei, könne das bei dem Ergebnis der Arbeitnehmerkammer eine Rolle spielen. Jarchow findet aber ein anderes Argument wichtiger. „In unserer Branche gibt es viele Arbeitgeber, die einen Migrationshintergrund haben“, sagt er. Die beschäftigten wiederum viele Migranten.

Je länger der Aufenthalt in Deutschland, desto schlechter die Berufschancen

Warum mehr Migranten zu schlechteren Bedingungen arbeiten, geht aus der Auswertung der Arbeitnehmerkammer nicht hervor. Es ist aber nicht das erste Mal, dass eine Studie von erschwerten Bedingungen am Arbeitsmarkt spricht. So zeigte vor drei Jahre eine Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, dass gerade die schon länger in Deutschland lebenden Migranten oft schlechte Chancen auf einen festen Job haben.

„Viele Migranten sind ehemalige Gastarbeiter, die gezielt mit geringer Qualifikation von Deutschland angeworben wurden“, sagte Autorin Jutta Höhne damals. Studien belegen zudem, dass von zwei Bewerbern mit gleicher Qualifikation eher der zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, dessen Name deutsch klingt. Soziologen sprechen von „unbewussten Vorurteilen“.

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Einen Unterschied gibt es jedoch auch bei beruflichen und akademischen Abschlüssen: Bei den Menschen mit Migrationshintergrund haben knapp 26 Prozent keinen Abschluss, bei den übrigen Befragten sind es zehn Prozent. „Die Ergebnisse zeigen, dass Politik und Betriebe in die Aus- und Weiterbildung investieren müssen. Nur so können wir strukturelle Nachteile ausgleichen und jeden einzelnen am Arbeitsmarkt besser individuell fördern“, leitet Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer daraus ab.

Trotz der erschwerten Bedingungen: Laut Kammer identifizieren sich 80 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund in hohem Maß mit ihrer Arbeit. Sie seien überzeugt, durch ihren Job einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und seien überwiegend zufrieden mit ihrer Arbeit.

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