Interview mit Bremer Armutsforscher

„Bildungsschere wird sich weiter öffnen“

Mehr Kurzzeitarbeit, mehr Arbeitslose und mehr Kinder und Jugendliche, die durch den Lockdown den Anschluss in der Schule verlieren: Für den Armutsforscher René Böhme ist klar: Die Armut in Bremen wächst.
11.06.2020, 08:26
Lesedauer: 6 Min
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„Bildungsschere wird sich weiter öffnen“
Von Eva Przybyla
„Bildungsschere wird sich weiter öffnen“

Die Armut wächst – davon ist IAW-Experte René Böhme überzeugt.

Christina Kuhaupt

Führt die Corona-Pandemie zu mehr Armut in Bremen, Herr Böhme?

René Böhme: Durch Kurzarbeit und Jobverlust auf jeden Fall. Wir verzeichnen eine gestiegene Arbeitslosigkeit sowie mehr Menschen, die durch Kurzarbeit Einkommensverluste haben. Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass Familien ihren Erwerbsumfang reduziert haben, um ihre Kinder zu betreuen. Das hat sicherlich einige Familien in eine schlechtere Einkommensposition gebracht. Deshalb ist zu erwarten, dass es einen Anstieg der Armutskennziffern geben wird. Es kommt natürlich darauf an, wie lange die Pandemie und die wirtschaftlichen Auswirkungen den Alltag beherrschen werden.

In dem Positionspapier der Bremer Armutskonferenz heißt es, die soziale Spaltung wachse auch während der Corona-Pandemie. Wie macht sich das bemerkbar?

Es gibt jetzt auf Grund von Corona nicht unbedingt spezifische Armutsentwicklungen, sondern bereits existierende Probleme der sozialen Spaltung bestehen fort und werden durch Corona eher verschärft. Von daher sind die Herausforderungen für eine Armutsfolgen-Bewältigung des Senats gewachsen. Das wollen wir mit dem Positionspapier deutlich machen.

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Was genau hat sich denn durch die Pandemie verschlimmert?

Die Einkommenssituation hat sich verschärft. Schon zuvor hatten wir eine große Spaltung zwischen den Ortsteilen und Quartieren, wenn man die Einkommen betrachtet.

Angeführt haben Sie dafür im Papier etwa die Beispiele Gröpelingen und Horn. Während das durchschnittliche steuerpflichtige Jahreseinkommen in Gröpelingen bei 18 000 Euro liege, betrage es in Horn 145 000 Euro.

Nun hat der Anteil der Menschen mit niedrigen Einkommen zugenommen und wird weiter zunehmen. Zudem hat sich die Situation der Menschen verschärft, die bisher mit sehr wenig Geld auskommen mussten, also auf Hartz IV angewiesen waren.

Als Leidtragende hat die Bremer Armutskonferenz da besonders die Kinder und Jugendlichen hervorgehoben, die schon vor der Krise in Armut aufgewachsen sind. Wie kann man sich die Situation dieser Heranwachsenden während des Lockdowns vorstellen?

Zum einen ist die Regelsatzversorgung im SGB II gerade für Familien so knapp bemessen, dass oftmals davon ausgegangen wird: Familien holen sich weitere Unterstützung. Sei es ein kostenloses Mittagessen in den Kitas und Schulen, sei es der Besuch von Tafeln oder seien es Rabattaktionen und der Besuch von Kleiderkammern. Alle diese Anlaufstellen waren nun aber während der Corona-Pandemie geschlossen. Auch Quartierszentren mit niedrigschwelligen Beratungsangeboten standen nicht zur Verfügung.

Haben diese Familien deshalb existenzielle Not erlebt?

Davon gehe ich aus. Dazu kommen Themen wie psychische Gewalt und auch allgemein Gewalt gegen Kinder. All das kann in die Situation der Familien einfließen.

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Wie hätte die Bremer Politik diese Familien besser unterstützen können?

Diese Frage ist praktisch nicht zu beantworten. Alle Einrichtungen waren geschlossen und damit alle Einflussmöglichkeiten der Stadt begrenzt. Im ländlichen, dünner besiedelten Raum wurden Familien etwa Lebensmittel und andere Dinge vorbeigebracht. In der Größenordnung einer Stadt wie Bremen wäre das allerdings kaum leistbar gewesen.

Sie beklagen, dass sich die soziale Spaltung auch in puncto Bildung verschärfen wird.

Das wird sie auch. Schon zuvor schwankte die Abitur- sowie die Quote der Schülerinnen und Schüler, die einen niedrigeren oder gar keinen Bildungsabschluss machen, extrem zwischen den Ortsteilen und Quartieren. Jetzt kommt zu dieser extrem hohen Selektivität im Bildungssystem mit Homeschooling noch das sozial Selektivste dazu, was man machen kann: den weiteren Bildungsprozess dem elterlichen Haushalt überlassen. Dabei ist doch die Frage: Sind dort überhaupt die nötigen Computer und Smartphones vorhanden? Und können die Eltern überhaupt den Kindern den Schulstoff vermitteln?

Was genau meinen Sie damit?

Da sollten wir etwa an die Sprachkenntnisse denken. Schon jetzt gibt es erste Hinweise von Lehrkräften, dass während des Lockdowns nicht nur Bildungsprozesse ausgefallen, sondern auch vergangene Bildungserfolge verloren gegangen sind. Bei Kindern mit nicht-deutscher Herkunftssprache, die in den vergangenen Monaten Deutsch in der Schule gelernt haben, sind nach ersten Einschätzungen von Lehrkräften Lernkenntnisse aus bis zu sechs Monaten nicht mehr abrufbar.

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Was hat das zur Folge?

Die Bildungsschere wird sich weiter öffnen. Wir werden auf der einen Seite Kinder haben, die durch das Homeschooling abgefedert werden konnten. Auf der anderen Seite sind die Kinder, die schon benachteiligt waren und nicht entsprechend gefördert werden konnten.

Ist dieser Effekt von Dauer?

Zumindest für die benachteiligten Kinder, ja. Das sind verlorene Monate. Die Frage ist: Wie können sie das wieder aufholen? Wie kann das die Politik kompensieren? Darüber muss man mit den Schulen ins Gespräch kommen, sobald an regulären Unterricht wieder zu denken ist. Es kann nicht sein, dass wir einfach zur Tagesordnung übergehen.

In welchen Quartieren und Stadtteilen drohen denn viele Minderjährige abgehängt zu werden?

Über die WiN-Fördergebiete hinaus (Anm. d. Red: Wohnen in Nachbarschaften, insgesamt 14 Fördergebiete in der Stadt Bremen) gibt es Kleinstgebiete mit einer ähnlichen Konzentration von benachteiligten Gruppen. Darunter sind etwa auch Gebiete in der Überseestadt. Dort haben wir beengte Wohnverhältnisse – Kinder haben kein eigenes Zimmer und keine Ruhe zum Lernen. Außerdem mussten sich Kinder dort während des Lockdowns im Wesentlichen in der Wohnung aufhalten. Das kann die gesundheitliche Situation der Kinder beeinträchtigen.

Was muss in diesen Fördergebieten jetzt passieren?

Wir dürfen die Schüler dort jetzt nicht den Anschluss verlieren lassen. Bei den Grundschuljahrgängen haben wir noch mehr Zeit als bei den Abschlussjahrgängen an den Oberschulen, um den Rückstand aufzuholen. Es kommt jetzt darauf an, wie wir diese Zeit nutzen.

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Was heißt das denn genau?

Man müsste das schneller vorantreiben, was der Senat schon plant, etwa den Kitaausbau in kinderreichen Gegenden und weitere Förderangebote an Schulen schaffen. Die Schwierigkeit ist aber, dass wir nach wie vor nicht
zu einem regulären Schulbetrieb übergehen können. Das macht die politische Entscheidung an der Stelle so schwierig. Das Infektionsgeschehen in Göttingen und Bremerhaven zeigt, wie schnell man wieder im Lockdown zurück sein kann. Außerdem stehen wir nun ja kurz vor den Sommerferien. Die Kinder sind dann wieder zu Hause. Dass in der Kürze vorher noch kompensatorische Angebote
gestartet werden, halte ich für unwahrscheinlich.

Ein konkreter Plan ist also noch nicht denkbar?

Nein.

Und wenn jetzt überwiegend sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in die Schulen zurückkehren würden?

Das wurde in Bremen diskutiert und in den Kitas auch so gemacht. Solche Maßnahmen sind denkbar. Aber die Angst der Eltern muss man hier ernst nehmen.

Was fürchten denn die Eltern?

In den Quartieren ist gerade von alleinerziehenden Müttern das Thema Angst sehr stark angesprochen worden. Kein Wunder: Medien und Politik haben in den letzten Monaten sehr stark auf Angst gesetzt, damit die Bevölkerung sich an die Regeln hält. Und jetzt heißt es plötzlich: „Schickt eure Kinder doch wieder in die Schulen“. Der Umschwung ist für viele nicht nachvollziehbar.

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Info

Zur Person

René Böhme ist Sozialwissenschaftler und Armutsforscher am Institut für Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen. Als unabhängiger Wissenschaftler hat er das Positionspapier des Initiativkreises Bremer Armutskonferenz mit erarbeitet.

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Zur Sache

Positionspapier der vierten Bremer Armutskonferenz

Als Reaktion auf die Corona-Pandemie hat der Initiativkreis Bremer Armutskonferenz am Mittwoch ein überarbeitetes Konferenzpapier veröffentlicht. Darin dokumentieren zahlreiche Bremer Akteurinnen und Akteure nicht nur die Ergebnisse der vierten Armutskonferenz im Februar, sondern fordern die Bremer Politik auch zum Handeln auf.

So beklagen sie eine wachsende soziale Spaltung sowie das Auseinanderdriften von Bremen-Nord und Bremen-West gegenüber der Bremer Kernstadt etwa in Fragen des Einkommens und der Bildung. Die Corona-Pandemie verschärfe demzufolge diese Entwicklung. Die Verbände fordern deshalb eine ressortübergreifende Gesamtstrategie zur Armutsprävention, eine verlässliche Finanzierung der Quartierszentren sowie den Ausbau der Kindertagesbetreuung und der Ganztagsschulen. Unabhängig von der Pandemie sind dort zudem Verbesserungen in der Gesundheitsförderung und Prävention gefordert.

Mitglieder des Initiativkreises sind etwa Paritätischer Bremen, die Arbeitnehmerkammer, die Arbeiterwohlfahrt, der Bremer Rat für Integration, die Caritas, der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Diakonische Werk, das Deutsche Rote Kreuz, die Bremische Evangelische Kirche, der Katholische Gemeindeverband sowie die Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Bremen.

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