Bremer Report Trotz Suchtgefahr: Starke Opioide werden immer häufiger verordnet

Ein Report der Uni Bremen und der Handelskrankenkasse zeigt: Starke Opioide wie Fentanyl, die ein hohes Suchtpotenzial haben, werden immer häufiger als Schmerzmittel verordnet. Bei welchen Erkrankungen?
02.06.2022, 18:26
Lesedauer: 2 Min
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Trotz Suchtgefahr: Starke Opioide werden immer häufiger verordnet
Von Sabine Doll

Droht in Deutschland eine Opioid-Krise ähnlich wie in den USA? Werden die starken Schmerzmittel, die zu einer Abhängigkeit führen können, zu schnell und zu häufig verordnet? Diesen Fragen geht ein Arzneimittelreport der Uni Bremen und der Handelskrankenkasse (HKK) nach. Die USA leiden seit Jahrzehnten unter einer Opioid-Krise, die durch Schmerzmittel wie Fentanyl befeuert wurde. Der Wirkstoff wird etwa als Nasenspray, Lutschtablette oder Pflaster angewendet. Starke Opioide sind laut Experten vor allem Mittel, mit denen Tumorpatienten oder Menschen mit schweren Schmerzzuständen in Hospizen versorgt werden.

Laut dem Report, der auf Daten der HKK aus den Jahren 2019 und 2020 basiert, kommen die Mittel wie Fentanyl, Morphin oder Tillidin aber vorwiegend bei anderen Erkrankungen zum Einsatz: Demnach wurden starke Opioide bei 81 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer verordnet, für die keine Tumorerkrankung als Indikation angegeben wurde. Am häufigsten wurden sie bei Rückenschmerzen und Arthrose (Gelenkverschleiß) verschrieben – fast ausschließlich von Allgemeinmedizinern und hausärztlichen Internisten.

Starke Opioide werden demnach immer häufiger verschrieben: Im genannten Zeitraum stiegen die Tagesdosen (DDD) um 6,6 Prozent – bei nahezu unveränderter Anzahl von Versicherten mit entsprechenden Verordnungen. "Fentanyl wirkt 100-mal stärker als etwa Morphin und birgt ein hohes Suchtpotenzial", warnt der Apotheker und wissenschaftliche Mitarbeiter am Forschungszentrum Socium der Uni Bremen, Lutz Muth. Chronische Schmerzen sollten immer zunächst mit anderen Heil- und Hilfsmitteln wie etwa Ergo- oder Physiotherapie oder opioidfreien Mitteln behandelt werden, so der Experte. "Aber ob diese Optionen ausgeschöpft werden, ist fraglich."

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Als Alarmsignal wertete auch Joachim Ulma, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin und der Schmerzambulanz im Rotes Kreuz Krankenhaus, die Daten. Er warnt vor einem zu schnellen und häufigen Einsatz starker Opioide. "Vor der Therapie steht die Diagnostik", betont der Arzt. Eine Langzeitanwendung sollte nur in Einzelfällen erfolgen, die Dosis müsse regelmäßig überprüft werden. Im Idealfall gehöre die Therapie in die Hände von Schmerzspezialisten. Es gehe darum, eine Chronifizierung von Schmerzen zu verhindern, dafür gebe es Behandlungskonzepte wie die sogenannte multimodale Schmerztherapie.

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