Dr. Mohamed Khalil holt schwerverletzte Menschen nach Deutschland Bremer Arzt hilft Gaddafis Opfern

Bremen. Dr. Mohamed Khalil stammt aus Libyen. Seit 1995 lebt er in Deutschland. In Bremen hilft er nun schwerverletzten Kriegsopfern aus seiner alten Heimat.
24.10.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Arzt hilft Gaddafis Opfern
Von Sabine Doll

Bremen. Das Lächeln ist schwach. Es ist da, aber nur am leichten Zucken der Mundwinkel zu erkennen. Nabil Albousefi kann sich nicht bewegen. Er ist noch zu schwach. Der Körper ist abgemagert, im Gesicht treten die Wangenknochen deutlich hervor. Nabil Albousefi ist 32 Jahre alt. Seit etwas mehr als einer Woche liegt er auf der Intensivstation im Klinikum Mitte. Nabil Albousefi ist in seiner Heimat schwer verletzt worden, beim Kampf um die Freiheit Libyens.

Nabil Albousefi hat bei den aufständischen Truppen gekämpft. Im Westen des Landes, zwischen Tripolis und der Grenze zu Tunesien haben sich die Rebellen in den letzten Monaten viele tödliche Gefechte geliefert. "Tausende sind dabei verletzt und getötet worden. Nabil ist an der Leiste getroffen worden, eine Arterie wurde dabei zerfetzt", erzählt Dr. Mohamed Khalil. Der Oberarzt an der Bremer Klinik stammt ebenfalls aus dem nordafrikanischen Land. "Libyen ist meine Heimat, dort wurde ich geboren, drei Jahre, bevor Gaddafi an die Macht kam." Das war 1969. Mohamed Khalil hat das Land 1995 verlassen, ist nach seinem Medizin-Studium nach Deutschland gegangen.

Ein Erlebnis aus Libyen ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: "Eines Tages wurden wir mit dem Bus zu einem Platz gefahren. Vor unseren Augen hat man sechs Studenten aufgehängt. Sie hatten sich kritisch über die Politik im Land geäußert. Das hat gereicht." Mohamed Khalil wusste um die Gefahr, dass es besser war, sich nicht politisch zu betätigen, wenn man überleben und die Familie schützen wollte. "Unsere Eltern haben uns das schon eingeschärft, als wir noch Kinder waren."

Die Eltern und drei Geschwister sind in Tripolis geblieben. "Das war nicht einfach. Weil man wusste, wie das Leben unter Gaddafi war. Hinzu kam die Angst, dass man die Familie in Gefahr bringen würde, wenn man sich doch aus dem Ausland engagieren würde. Viele Menschen in Libyen sind verschleppt worden und nie wieder aufgetaucht. Das Schlimmste war, dass ich nicht aktiv helfen konnte."

"Mit Angst hätte ich nicht operieren können"

Das änderte sich. Als der arabische Frühling auch Libyen erfasste. Das Volk gegen den Diktator Muammar el Gaddafi aufstand, regierungsfeindliche Rebellen Orte und Städte eroberten, die Nato sich einschaltete. Khalil: "Das war die Chance." Mohamed Khalil wollte endlich seinen Beitrag leisten, mit dem was er konnte, als Arzt. Der 45-jährige Mediziner engagierte sich in der Initiative "Ärzte in Deutschland für Libyen" und reiste im Sommer über Tunesien nach Libyen ein; der Grenzübergang wurde von den Rebellen kontrolliert. Die Hauptstadt Tripolis gehörte zu diesem Zeitpunkt immer noch zu Gaddafis Machtbereich. Khalil: "Aus diesem Grund konnte ich meine Eltern und Geschwister nicht besuchen, das Militär hätte meinen Einreisestempel der Aufständischen gesehen und mich sofort festgenommen - oder Schlimmeres."

Der Bremer Mediziner reiste in den Westen zu einem mobilen Krankenhaus, das von der Ärzte-Initiative unterstützt wurde. Mehr als eine Woche operierte er dort unter schwierigen Bedingungen Schwerverletzte mit Schusswunden, amputierte Gliedmaßen - nicht selten kam medizinische Hilfe zu spät. Nur 50 Kilometer entfernt lieferten sich die Aufständischen Gefechte mit den Gaddafi-Truppen. "Jederzeit hätte auch bei uns etwas passieren können", erzählt Mohamed Khalil. "Das Risiko habe ich ausgeschaltet, mit Angst hätte ich nicht operieren können. Der einzige Wunsch, den ich für diesen Fall zugelassen habe: Hoffentlich ist es dann sofort vorbei."

Auf dem Rückweg nach Deutschland machte Mohamed Khalil zwei Tage Station in Tunesien, informierte sich in Krankenhäusern über die Versorgung der Bürgerkriegsopfer. Viele von ihnen werden in dem Nachbarland behandelt. "Dabei habe ich Suliman kennengelernt", erzählt Mohamed Khalil. Der zehnjährige Junge ist beim Spielen von einer Granate verletzt worden. Weil eine lebensrettende Operation vor Ort nicht möglich war, holte Khalil den querschnittsgelähmten Jungen nach Bremen in die Klinik an der St. Jürgen-Straße und operierte ihn dort. Die deutschen Ärzte haben dem Jungen das Leben gerettet. Vergangenen Donnerstag ist Suliman mit seinem Vater wieder zurückgeflogen. An dem Tag, als die Nachricht von Gaddafis Tod kam. Mohamed Khalil hat die Meldungen zunächst nicht glauben wollen. "Vor allem die Tatsache, dass Gaddafi die ganze Zeit in Libyen, in seinem Geburtsort war, das habe ich für absolut unmöglich gehalten", beschreibt der Arzt seine ersten Reaktionen auf die Ereignisse. "Erst als die Bestätigung kam und Bilder auftauchten, habe ich es wirklich geglaubt."

"Wir brauchen mehr Ärzte, die helfen wollen"

Mohamed Khalil trägt an seinem Arztkittel einen Libyen-Anstecker. In den Farben der Unabhängigkeit. Was jetzt auf sein Land zukommt, der Weg in die Demokratie, wird nicht einfach sein. Khalil will weiter seinen Beitrag leisten. "Als Arzt ist es die medizinische Versorgung der Gaddafi-Opfer, die mir am Herzen liegt", sagt er. "Dabei geht es vor allem um die postoperative Versorgung, also die Nachbehandlung. Die ist in Libyen und in den Nachbarländern nicht so gut gewährleistet." Mit der Initiative "Ärzte in Deutschland für Libyen" will Khalil Spenden sammeln, damit mehr Schwerverletzte in Deutschland behandelt werden können. "Außerdem brauchen wir mehr Ärzte und Krankenhäuser, die helfen wollen."

Der Bürgerkrieg hat Tausende Opfer gefordert. Mohamed Khalil geht von "mindestens 50000 Schwerletzten und 2000 Amputierten" aus. Diese Menschen brauchen eine gute Behandlung, die so derzeit in Libyen erst einmal nicht möglich sein wird." Der Bremer Arzt wünscht sich, dass die deutsche Regierung jetzt das wahrmacht, was sie versprochen hat, als sie ihre Teilnahme an einem Nato-Einsatz in Libyen ausgeschlossen hat: "Jetzt geht es nicht um politische Einmischung, oder um die Sicherung von Rohstoffen in Libyen, sondern um humanitäre Hilfe. Und zwar schnell und unkompliziert." Khalil ist optimistisch, dass Libyen es aus eigener Kraft zu einer starken Demokratie schaffen kann. "Das Land hat gute wirtschaftliche Voraussetzungen. Außerdem hat der vom Volk getragene Aufstand gegen die 42 Jahre Gaddafi-Diktatur eine gemeinsame Basis geschaffen."

Der Zustand von Nabil Albousefi bereitet Mohamed Khalil Sorgen. Der 32-jährige muss bei der Atmung unterstützt werden. Auch die Nieren sind geschädigt. Khalil: "Ich hoffe, dass wir es schaffen, ihn in ein freies Libyen zurückzubringen."

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