Preis für Farbgestaltung von Wohnblocks

Der Rücksichtsvolle

Hans-Albrecht Schilling hat in Bremen seine Spuren hinterlassen, dazu zählt die Farb- und Fassadengestaltung vieler Gebäude in der Vahr. Für sein Werk wird ihm die Bremer Auszeichnung für Baukultur zuteil.
21.10.2020, 05:00
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Der Rücksichtsvolle
Von Silke Hellwig

Hans-Albrecht Schilling hat nicht, man darf wohl auch sagen nicht mehr damit gerechnet, in Bremen mit einem Preis ausgezeichnet zu werden. Es ist zwar nicht so, dass er in seiner Geburtsstadt nicht mehr tätig wäre. Aber es gab Zeiten, in denen er deutlich präsenter war. In der gesamten Stadt, vor allem in der Vahr, war Schilling tätig, seit dem Alter von 23 Jahren an, an der Seite von Ernst May, Günther Hafemann und Max Säume. „Ich bin einer der wenigen, die noch leben, die die Anfangsphase nach dem Krieg aktiv mitbekommen haben, dieses Wumm, der durch die Stadt ging“ – die Jahre des Wiederaufbaus, während die Gebäude wie Pilze aus dem Boden schossen.

Schilling entwarf Installationen, Mosaike, Friese für viele der neuen öffentlichen Gebäude, für den AOK-Hauptsitz, das Klinikum Links der Weser, das Berufsbildungszentrum, das Staatsarchiv, insgesamt gut 200 Objekte, sagt der Künstler. Die große Mehrheit seiner Arbeiten ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen, der Wärmedämmung von Fassaden, dem Abriss, auch neuen Moden. „Drei sind noch da“, sagt Schilling. Dazu zählt der Fries am Bildungsressort am Breitenweg, der seit Jahren baufällig auf eine Sanierung wartet.

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Der 91-Jährige erhält in diesem Jahr die Bremer Auszeichnung für Baukultur, man kann sagen für sein Lebenswerk, auch wenn es noch nicht abgeschlossen ist. Schilling denkt gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Das Bremer Zentrum für Baukultur (Bzb) widmet die Würdigung entsprechend auch „seinem Hauptwerk, dass sich ab Mitte der 1950er-Jahre entwickelte: seine Arbeit als Farbgestalter, vor allem von Großwohnsiedlungen“. Die Auszeichnung sollte bereits im Sommer überreicht werden, aus bekannten Gründen ist der Festakt ins nächste Jahr verschoben worden.

Anfangs sei er, erzählt Schilling, in seinem Metier ein Exot gewesen. „So etwas gab es damals sonst noch gar nicht“, die Architekten oder Malermeister hätten über die Farbgebung entschieden – meist ohne das spezielle Know-how, quasi ein Auge dafür zu haben. Unter der Überschrift „Farbe im Städtebau ist mehr als eine Modelaune“ berichtete diese Zeitung 1961: „Beton ist kein Naturstein, und ,der Perfektionismus der modernen Bauform verlangt den gleichen Perfektionismus in der Behandlung der Außenhaut', sagt der junge Kunstmaler und künstlerische Berater einer großen Bremer Wohnungsbaugesellschaft, Hans-Albrecht Schilling.“ Farbe, so Schilling damals weiter, sei dazu da, das „plastische Gefüge“ der großflächigen Fassaden zu verdeutlichen. Daran hat sich für den Bremer bis heute nichts verändert.

Architektur soll unterstrichen werden

Womöglich nennt man auch das alte Schule, aber Schilling ist beruflich rücksichtsvoll. Ihm sei es immer wichtig gewesen, die Architektur der Gebäude zu unterstreichen, „das Typische herauszuarbeiten, den raumbildenden Städtebau farbig zu unterstützen“. Es ginge nicht um Buntheit um der Buntheit, Schattierung um der Schattierung willen, sondern im Gegenteil darum, mit Farbe, mit Akzenten oder mit Abwesenheit von Farbe die Architektur zu unterstreichen.

In der Festschrift zu seinen Ehren wird Schilling mit den Worten zitiert: „Eigentlich bin ich ja eine Art Reparaturbetrieb. Das heißt, je besser die architektonische und gestalterische Qualität eines Gebäudes oder eines Ensembles ist, desto mehr reduziert sich meine Arbeit auf die Definition der Farbnuancen.“ Seine Arbeit diene der Arbeit anderer, ergänze sie, verschmelze mit ihr. Alles andere fördere Beliebigkeit, sagt der Künstler. „Gebäude sind keine Ankleidepuppen. Diese Beliebigkeit macht die Städte kaputt.“

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Schillings Arbeit in den Großwohnsiedlungen zeige, so Christian von Wissel, wissenschaftlicher Leiter des Bzb, „dass gestalterischer Anspruch in allen öffentlichen Räumen und allen Bereichen der Gesellschaft notwendig ist und positive Wirkungen entfaltet. Das Thema Farbe scheint dabei auf den ersten Blick ein einfacher Ansatz zu sein und wird häufig unterschätzt. Wenn man sich jedoch näher mit dem Werk und der Person Hans-Albrecht Schilling beschäftigt, wird einem die Breite des Themas im Allgemeinen und die ausgereifte und differenzierte Vorgehensweise Schillings im Besonderen bewusst, die auf langjähriger Erfahrung und einem geschulten, künstlerischen Auge beruht.“

Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne): „Wir stellen damit einen vielleicht weniger bekannten Bremer ,Hidden-Champion' der Öffentlichkeit vor, der mit seinem umfangreichen und langjährigen Werk viel zur konkreten Verbesserung des Wohnumfelds und damit der Lebensumstände von Bewohnerinnen und Bewohnern von Großsiedlungen in Bremen und weit darüber hinaus geleistet hat.“ Versteht er sich selbst als „Hidden Champion“? Er sei eher ein Steinpilz, scherzt er, doch tatsächlich ist es in Bremen stiller um ihn geworden, in den vergangenen Jahren. Er war überwiegend andernorts tätig, hat sich in Berlin und Magdeburg, in Köln und Hamburg einen Namen gemacht. In Bad Aibling wirkt er seit Jahren beim Umbau und der Umgestaltung eines ehemaligen Fliegerhorsts mit. Für das Tagungshotel, zu dem das einstige Offizierscasino wurde, entwarf Schilling alles „von der Teetasse bis zur Lampe vor der Tür“.

Schillings Arbeiten unter Denkmalschutz

Mit der Entwicklung des städtischen Raums in Bremen ist Schilling nicht durchgängig zufrieden. Oft fehle die Rücksichtnahme auf die Umgebung, sei es in der Architektur selbst, sei es in der weiteren Gestaltung. Gebäude würden in die Gegend geklotzt und blieben immer Fremdkörper.

Auch wenn Schillings Arbeiten in Bremen nicht mehr so präsent sind, wie sie waren. Sie bleiben, auch mithilfe des Denkmalschutzes. Fassaden werden neu gestrichen, nicht immer bleibt das ursprüngliche Farbkonzept erhalten. Aber es kann wiederhergestellt werden: Schilling erneuert beziehungsweise rekonstruiert für den Denkmalschutz sein eigenes Farb- und Fassadenkonzept der Gartenstadt Vahr – mit Rücksicht auf die Entwicklung der Umgebung. Selbstverständlich.

Weitere Informationen

Die Festschrift „Farbe und Raum“, erschienen im Schünemann-Verlag, ist im Bremer Zentrum für Baukultur (bestellung@bzb-bremen.de oder 0421 / 960 21 36) und im Buchhandel erhältlich.

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