Behörde schottet sich ab Bremer Bamf-Außenstelle gleicht einer Festung

Auf das Gelände der Bamf-Außenstelle in Bremen-Nord zu gelangen, ist momentan nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Ein Besuch vor Ort zeigt, wie sich die Behörde abschottet.
05.06.2018, 19:18
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Kristin Hermann und Julia Ladebeck

Überall, wo man hinsieht, sind dicke Metallstäbe: Vor dem Parkplatz der Mitarbeiter, in dem angrenzenden Park – dort, wo es überhaupt erst möglich ist, einen Blick durch das Gestrüpp auf den Betonkoloss zu erhaschen. Das gesamte Gebäude ist eingezäunt. Vor dem Eingang wehen die Fahnen von Deutschland und der Europäischen Union. Wer das erste Mal jenen Ort in Vegesack aufsucht, an dem die Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) untergebracht ist, der sieht nicht viel mehr als Absperrung und Grün.

Kein Durchkommen ohne Genehmigung

Wie eine Festung grenzt das Y-förmige Gebäude an Wätjens Park auf der einen und an das Vulkan-Gewerbegebiet auf der anderen Seite. Rund um den Zugang an der Lindenstraße ist so gut wie keine Infrastruktur vorhanden. Wer dort rein und raus will, der muss zwangsläufig an einem Sicherheitsdienst vorbei. So war das zwar auch schon, bevor die Probleme in der Bundesbehörde bekannt wurden, doch die Kräfte am Eingang sind noch einmal verstärkt worden. Hier war in den vergangenen Wochen viel los, das sagen auch die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Das Bamf steht in der Kritik, weil unter einer früheren Leiterin der Bremer Außenstelle zwischen 2013 und 2016 mindestens 1200 Asylentscheidungen ohne rechtliche Grundlage ergangen sein sollen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Journalisten, die will dieser Tage am liebsten niemand aus der Bamf-Zentrale in Nürnberg auf dem Gelände in Bremen-Nord haben. Ohne Genehmigung gibt es kein Durchkommen und an die ist momentan eben nicht zu denken. Zweimal die Woche werden Geflüchtete aktuell von Bremen aus nach Bad Fallingbostel gefahren, um dort ihr Asylverfahren zu beantragen. In der Außenstelle sind bis auf Weiteres alle Abläufe lahmgelegt. Eine Chance, mit denjenigen in Kontakt zu treten, die nun woanders ihr Verfahren starten müssen, wird vom Bamf konsequent unterbunden. Ein Vor-Ort-Termin in Bad Fallingbostel ist derzeit nicht möglich, ein Gespräch auf dem Bamf-Gelände ebenso wenig, heißt es aus der Pressestelle. Dass die meisten Geflüchteten volljährig sind und damit selbst entscheiden dürfen, mit wem sie sprechen wollen und mit wem nicht, scheint momentan nicht zu zählen.

Am Dienstagmorgen verlässt erneut ein Reisebus das Bamf-Gelände in Richtung Bad Fallingbostel. Die Zahl der Antragsteller, die bisher in das dortige Ankunftszentrum gebracht wurden, liegt laut der Bundesbehörde im niedrigen zweistelligen Bereich. Die Rückkehr nach Bremen erfolge am gleichen Tag.

Vier Einrichtungen auf dem Gelände

Normalerweise ist das Zentrale Ankunftszentrum in Bremen-Nord die erste Anlaufstelle für Geflüchtete, wenn sie Bremen erreichen. Eröffnet wurde es 2016 im früheren Verwaltungsgebäude der einstigen Großwerft Bremer Vulkan an der Lindenstraße. In dem riesigen Gebäude können alle Schritte unter einem Dach gebündelt werden: von der Registrierung der Geflüchteten, ihrer medizinischen Erstuntersuchung, der erkennungsdienstlichen Behandlung bis hin zur Asylantragsstellung, dem Bescheid und ersten Angeboten zur Integration. Außerdem wohnen die Asylbewerber hier in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft. Insgesamt vier Einrichtungen befinden sich im Zentralen Ankunftszentrum.

Lesen Sie auch

Von den Flüchtlingen, die derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände wohnen, scheinen nicht viele etwas von den aktuellen Entwicklungen im Bamf mitzubekommen. Bis zu 700 Plätze werden dort angeboten, nach Angaben der Sozialbehörde sind derzeit etwa 600 belegt. Diejenigen, die an der Bushaltestelle an der Lindenstraße aufzufinden sind, schütteln nur den Kopf, als man sie auf die Ereignisse anspricht.

Nachbarn wundern sich

Anders ist die Situation unter den Anwohnern, die in den umliegenden Straßen wohnen: "Wir Nachbarn wundern uns schon seit der Einrichtung der Behörde über die Art dieser Abschottung", sagt eine Frau, die jeden Tag mit ihren Hunden am Bamf vorbeigeht und deshalb lieber anonym bleiben will. Seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe habe die Einrichtung noch mehr an Ansehen verloren und sei immer wieder auch Gesprächsthema unter den Nachbarn. Die Frau erinnert sich an die Zeit, als immer wieder Busse mit Schutzsuchenden auf dem großen Parkplatz neben dem Bamf hielten: "Damals sind die Menschen auch mit privaten Pkw mit fremden Kennzeichnen gebracht worden", sagt sie. Das sei ihr komisch vorgekommen.

Fast zeitgleich will ein Mitarbeiter in die Allee abbiegen, die zu dem Gebäude führt. Er arbeite nicht beim Bamf, aber in einer der anderen Einrichtungen – trotzdem will er nicht über die Stimmung reden, die derzeit auf dem Gelände herrscht. "Ganz ehrlich", sagt er. „Wir sollen schon seit Wochen mit niemandem sprechen.“

Mehr zum Bamf-Affäre lesen Sie in unserem Dossier.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+