75 Jahre WESER-KURIER

„Wie kommt man zu so einer trockenen Materie?“

Was macht ein Controller? Und muss man da oft der Spielverderber sein? Ulf Brothuhn, Vorstandschef der Bremischen Volksbank, hat Mirko Meyer vom WESER-KURIER getroffen – und gefragt.
18.09.2020, 05:43
Lesedauer: 4 Min
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„Wie kommt man zu so einer trockenen Materie?“
Von Lisa Boekhoff

Zum 75. Geburtstag nutzen wir die Gelegenheit, die Seiten zu tauschen: Diejenigen, die wir normalerweise interviewen, dürfen nun uns die Fragen stellen.

Ulf Brothuhn: Herr Meyer, Sie waren während Ihres Studiums in Kiel begeisterter Wassersportler – ein Segler. Wie kommt man denn von dort zu so einer trockenen Materie wie Controlling?

Mirko Meyer: Ich habe relativ früh festgestellt, dass mir wirtschaftliche Fragestellungen liegen. Das Abitur habe ich auf einem Wirtschaftsgymnasium gemacht und dann eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Schnell hat sich meine Affinität zu Zahlen herauskristallisiert, wodurch die Entscheidung fürs Controlling im BWL-Studium nahelag.

Brothuhn: Gab es da eine familiäre Vorprägung?

Meyer: Nein. Und bei Ihnen?

Brothuhn: Bank? Nein. Ich habe ja Hochleistungssport gemacht. Als die Mauer gefallen ist, hat der Manager des Handballklubs gesagt: Langer, schmeiß mal dein Studium für Geschichte und Sport über Bord und werde Banker. Dass es hundert Prozent gepasst hat? Das war Zufall und Glück.

Meyer: Das finde ich sehr faszinierend: vom Handballer zur Banklaufbahn. Das ist ein ganz schöner Wechsel.

Brothuhn: Für welche Branche haben Sie sich denn nach dem Studium entschieden?

Meyer: Ich habe einen soliden Berufseinstieg im Financial Controlling einer Bank gewählt.

Brothuhn: Also ein ehemaliger Kollege!

Meyer: Ja. Doch ich muss zugeben: In der Bank wurde es mir ein bisschen zu abstrakt. Ich wechselte dann zur Wochenzeitung „Die Zeit“ nach Hamburg. Das Verlagswesen – das ist meine Welt!

Brothuhn: Ich kenne nur unser Controlling. Was ist in einem Verlag anders?

Meyer: Ein Medienhaus besteht aus sehr vielen unterschiedlichen Abteilungen. Wir haben die Redaktion, den Druck und die Logistik für die Zeitungszustellung. Der größte Unterschied ist, dass wir jeden Tag ein neues Produkt für unsere Leserinnen und Leser produzieren. Darüber hinaus stehen wir vor einem Transformationsprozess durch die Digitalisierung und sind auf einem schrumpfenden Markt tätig. Das stellt uns ständig vor Herausforderungen. Medienhäuser versuchen immer mehr, neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Brothuhn: Natürlich denke ich beim ­WESER-KURIER zuerst an die Zeitung (zeigt auf die Ausgabe auf seinem Schreibtisch). Gehören neue Geschäftsfelder auch zu Ihren Aufgaben?

Meyer: Ja, denn wir müssen für die Ideen Businesspläne erstellen. Wir kontrollieren, ob unsere Erwartungen erfüllt werden oder Gegenmaßnahmen notwendig sind.

Brothuhn: Welche Rolle nehmen Sie ein? Was passiert, wenn ein Kollege eine Idee mit Begeisterung und Leidenschaft vorträgt? Müssen Sie dann der Spielverderber sein?

Meyer: Wir sind schon kritisch und wägen die Ideen sachlich ab. Leidenschaft dürfen wir bei solchen Entscheidungen nicht entwickeln.

Brothuhn: Was ist in den vergangenen Jahren Ihr Highlight gewesen?

Meyer: Ich finde WK-Bike – unser Fahrradverleihsystem – ein ganz tolles Projekt. Wir waren mit dieser Größenordnung die Ersten in Bremen und haben schnell tolle Partner gewonnen. Es ist für die Stadt und die Marke bereichernd. Außerdem hat es einen ökologischen Aspekt. Wir wachsen und kaufen immer neue Räder dazu.

Brothuhn: Wann ist der Controller eigentlich zufrieden? Nur, wenn der Ertrag stimmt?

Meyer: Für uns als WESER-­KURIER ist es wichtig, dass wir unserer Verantwortung gegenüber der Stadt, der Bevölkerung und insbesondere unseren Leserinnen und Lesern gerecht werden – und dabei gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten.

Brothuhn: Die Digitalisierung verändert Ihre und unsere Branche. Wenn Sie fünf Jahre ­weiterschauen: Wie entwickelt sich der Markt und welchen Einfluss haben Sie als Controller?

Meyer: Wir müssen neue Wege beschreiten, um dem Leser Informationen auf verschiedenen Kanälen zur Verfügung zu stellen und dieses Angebot zu monetarisieren. Die Print-Abo-Auflage wird weiter sinken, aber die Menschen werden weiterhin Interesse an hochwertigem Journalismus haben. In den vergangenen Jahren konnten wir immer mehr Leser für unser E-Paper gewinnen. Darüber hinaus werden wir mit dem Relaunch unseres Internetauftritts im nächsten Jahr ein Bezahlsystem einführen. Damit folgen wir dem allgemeinen Branchentrend. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch in Zukunft unabhängiger Journalismus erforderlich, wichtig und nachgefragt ist.

Brothuhn: Was ist Ihr Lieblingsressort?

Meyer: Ich lese am liebsten den Wirtschaftsteil und die Seite „Maritime Wirtschaft und Logistik“.

Das Gespräch zeichnete Lisa Boekhoff auf.

Info

Zur Person

Ulf Brothuhn

ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Bremischen Volksbank. Aufgewachsen ist Brothuhn in Haldensleben bei Magdeburg. Vor seiner Laufbahn in der Branche war er Profisportler: als Handballer in der DDR.

Mirko Meyer

ist beim WESER-KURIER zuständig für Controlling und Finanzen. Studiert hat er in Kiel und später in Hamburg gearbeitet. Geboren ist Mirko Meyer in Oldenburg. Dort lebt er heute wieder.

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Weitere Informationen

Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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