Streit um Höhe

Bremer Bürgerinitiative will „kein Hochhaus im Viertel“

Der Investor an der Kohlhökerstraße bietet an, die Hochhaus-Geschosse von 14 auf zwölf zu reduzieren. Die Bürgerinitiative erklärt weiterhin, dass sie das Hochhaus „kompromisslos“ ablehnt.
30.03.2019, 18:08
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremer Bürgerinitiative will „kein Hochhaus im Viertel“
Von Marc Hagedorn
Bremer Bürgerinitiative will „kein Hochhaus im Viertel“

So sieht es der Investor: Das geplante Hochhaus (hinten und genau in der Mitte) ist vom Kennedy-Platz kaum zu identifizieren. Nur ein Stockwerk lugt hervor.

Evoreal

In den Wallanlagen sammeln an diesem Morgen Schüler und Lehrer Müll ein. Es soll ja sauber sein an diesem schönen Flecken Bremen. Ehrenamtliches Aufräumen, so kann Engagement aussehen. Oder aber auch so wie ein paar Meter weiter am Kennedy-Platz. Dort hat die Bürgerinitiative „Kein Hochhaus im Viertel“ ihren Infostand aufgebaut. Auch hier engagiert man sich, aber in eigener Sache. Worum es geht, wird beim Blick auf ein aufgehängtes Plakat sofort klar. Der Künstler Jimmi D. Paesler hat dem Protest einen Hingucker geschenkt. Die großformatige Zeichnung zeigt ein Hochhaus, das wie ein Skelett geradezu in die Höhe empor schießt, drumherum beschauliche Wohnbebauung mit roten Dächern und grünen Bäumen.

Der Protest der Anwohner richtet sich gegen die geplante Wohnbebauung an der Kohlhökerstraße. Dort, wo seit drei Jahren das alte Bundesbank-Gebäude leer steht, sollen nach dem Willen des Hamburger Investors Evoreal 160 Wohneinheiten entstehen, rund 60 davon in einem Hochhaus. Es steht weit weg von der Straße. Im ersten Entwurf sollte es 14 Geschosse haben und gut 43 Meter hoch sein. Inzwischen hat Evoreal die Pläne geändert. Jetzt gibt es nur noch zwölf Geschosse bei einer Gesamthöhe von 36,90 Metern.

Lesen Sie auch

Vieles an den Plänen ist unstrittig. Nur nicht in der Kernfrage, die fast eine Glaubensfrage ist: Wie hoch soll an der Kohlhökerstraße maximal gebaut werden? Oder anders: Wann ist hoch zu hoch? Der Investor findet, dass sich der Entwurf hervorragend ins bestehende Bild einpasst und 37 Meter nicht zu viel sind. Um die Dimensionen einzuordnen, verweist Evoreal auf das Aalto-Hochhaus, das auf 65 Meter Höhe kommt, das Siemens-Hochhaus (61 Meter) oder das Tivoli-Hochhaus (53 Meter).

Lesen Sie auch

Initiative sammelt Unterschriften

Der Investor sagt, dass er die sehr emotionale Diskussion versachlichen möchte. Das Paesler-Kunstwerk, das die Initiative groß auf ihre Flugblätter druckt, findet man bei Evo­real „überzeichnet“ und „übertrieben“. „Das ist künstlerische Freiheit“, sagt Fritz Rapp, einer der Sprecher der Initiative, der an diesem Freitagvormittag auf dem Kennedy-Platz zum Unterschriftensammeln steht. Viele Bremer halten an, einige Fußgänger, die ihren Hund ausführen oder vom Einkauf kommen, unterschreiben sofort. Andere, manchmal sind es Radfahrer und Jogger, erkundigen sich erst nach Hintergründen, ehe sie unterschreiben oder es lassen. Nach etwas mehr als einer Stunde sind die ersten beiden Zettel mit rund 30 Unterschriften voll.

Evoreal, das rund 60 Millionen Euro in das Projekt investiert, setzt der Paesler-Zeichnung eigene Bilder entgegen. Es sind Fotoaufnahmen, gemacht vom Kennedy-Platz aus, das geplante Hochhaus ist eingefügt. Aus dieser Perspektive ist das künftige Gebäude kaum zu entdecken, es erscheint nur unmerklich höher als das Staatsarchiv links davon, das es auf 28 Meter Höhe bringt. Der Sitz der Bremer Lagerhausgesellschaft auf der anderen Seite kommt auf rund 30 Meter Höhe.

So sehen es die Anwohner: Das Hochhaus dominiert.

So sehen es die Anwohner: Das Hochhaus dominiert.

Foto: Illustration: Jimmi D. Paesler

Schon den ursprünglichen Entwurf hatte die Bremer Senatsbaudirektorin Iris Reuther als „elegant, aber nicht exaltiert“ gelobt und geschlussfolgert: „Das passt nach Bremen.“ An der grundsätzlichen Einschätzung des Bauressorts hat sich nichts geändert. Es klingt heute, neun Monate später und acht Wochen vor der Bürgerschaftswahl, aber etwas defensiver, wenn Sprecher Jens Tittmann sagt: „Wir halten den Entwurf immer noch für passend. Aber es ist zugleich wichtig, Argumente auch der Bürgerinnen und Bürger zu berücksichtigen und zu respektieren. So wird dann im Rahmen des Beteiligungsprozesses aus einem Entwurf ein Haus.“

Bürgerinitiative richtet sich an Fraktionen und Bürgermeister

Im Moment gibt es noch gehörigen Redebedarf. Die Bürgerinitiative hat einen Offenen Brief an den Bürgermeister geschrieben. Sie hat auch alle Fraktionen bis Anfang April um eine Stellungnahme gebeten. Den Infostand wird man in den kommenden Wochen noch häufiger aufbauen, und für Ende April ist eine Podiumsdiskussion geplant. Die Anwohner sagen, dass sie nichts gegen eine Wohnbebauung haben. „Aber die Maßstäblichkeit muss gewahrt bleiben“, sagt Rapp, „und es geht auch um die weitere Verdichtung in dieser gewachsenen Struktur.“

Ingo Kramer, eine andere treibende Kraft der Initiative, befürchtet, dass weitere Hochhäuser folgen, wenn das erste an der Grenze zwischen Viertel und Bahnhofsvorstadt erst einmal steht. Jetzt sammeln die Initiatoren Unterschriften für eine Resolution, in der sie fordern, dass der Bebauungsplan nicht zugunsten des Investors geändert wird. In dem Schreiben an die Parteien heißt es, dass man die geplante Errichtung eines Hochhauses „kompromisslos“ ablehne. Nach viel Verhandlungsspielraum klingt das nicht.

Lesen Sie auch

Evoreal hat trotzdem mit der Reduzierung von 14 auf zwölf Geschosse ein Angebot ­gemacht. Ob die Anwohner bei elf, bei zehn oder erst bei neun oder acht Stockwerken ­umdenken würden? Gibt es jetzt ein Feilschen um jeden Meter? Frank Stern vom Investor sagt: „Es fand ein offizieller Wettbewerb ­gemäß der Bremer Wettbewerbsordnung statt. Daraus ging eindeutig ein Wettbewerbssieger hervor. Ziel sollte es für uns alle sein, auf der jetzt gefundenen reduzierten Basis einen Konsens zu finden.“

Ein anderer Entwurf ginge zulasten der Grünfläche

Noch flacher zu bauen, ist aus Sicht des Investors schwierig. „Dann“, sagt Stern, „wäre es ein komplett ­anderer Entwurf“, der zum Beispiel zulasten der 1000 Quadratmeter großen Grünfläche ginge, die zum Imre-Nagy-Weg hin offen ist. Auch von der Kohlhökerstraße ist das jetzt komplett eingezäunte Gelände offen. „Das ist ein sehr großer Vorzug dieses Entwurfs im Gegensatz zur heutigen Bebauung“, sagt Evoral-Geschäftsführer Frank Stern, „wir schaffen ein offenes Quartier, das man zu Fuß durchqueren kann.“

Für Gespräche mit den Bürgern steht Evo­real zur Verfügung. Bisher sind sich die Anwohner aber noch uneins, ob sie das Angebot annehmen wollen. Evoreal läuft zwar nicht die Zeit davon, aber die Hamburger machen auch keinen Hehl daraus, dass sie lieber heute als morgen anfangen würden. Der ursprüngliche Plan war, Ende des Jahres mit dem Abriss zu beginnen. „Aber das werden wir nicht mehr schaffen“, sagt Stern. Es stehen Wahlen vor der Tür. Danach müssen sich Bürgerschaft und Deputationen neu konstituieren, anschließend sind Sommerferien, und dann ist auch schon fast Ende August.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+