Früherer Leiter der Corona-Ambulanz

„Die neue Teststrategie ist verheerend“

Der frühere Leiter des Bremer Corona-Testzentrums an der Bürgerweide sieht Licht und Schatten in der Corona-Politik des Senats. Die eigentlichen Herausforderungen kommen noch, sagt Hans-Georg Güse im Interview.
03.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die neue Teststrategie ist verheerend“
Von Jürgen Theiner

Herr Dr. Güse, ein knappes Jahr nach Ausbruch der Pandemie scheint man in Bremen die Corona-Seuche noch einigermaßen im Griff zu haben, vor allem gibt es keine Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems. Glück oder Folge guten Krisenmanagements des Senats?

Hans-Georg Güse: Ich denke, der Senat hat im Rahmen seiner Handlungsmöglichkeiten durchaus entschlossen und vernünftig reagiert. Allerdings können wir nicht wirklich beurteilen, woher die Unterschiede zu den Infektionszahlen anderer Kommunen rühren. Liegt es an der Bevölkerung? An der Intensität des Testens? Wir wissen es schlicht nicht, daher fehlt auch den Maßnahmen des Senats eine faktenbasierte Begründung.

Bei der Bekämpfung einer Pandemie ist es entscheidend, ein genaues Bild der Lage zu haben. Die Analyse von Verbreitungswegen der Infektion, das Aufspüren von Hotspots – ohne möglichst aktuelle und präzise Erkenntnisse tappen die Verantwortlichen im Dunkeln. Erreicht die Bremer Test- und Präventionsstrategie dieses Ziel?

Das sehe ich leider nicht so. Sie erfasst nicht wirklich die Ursachen und Wege der Infektionsverbreitung und nutzt nur sehr unzureichend die zur Verfügung stehenden Daten. Was zum Beispiel nicht stattfindet, sind Kohortenanalysen.

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Diesen Begriff müssen Sie erklären.

So bezeichnet man repräsentative Untersuchungen in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, möglichst in unterschiedlichen Stadtteilen und über einen längeren Zeitraum. Schüler, Eltern oder Lehrer können beispielsweise Gegenstand solch einer Kohortenstudie sein. Auf diese Weise kann man die Entwicklung von Infektionsraten identifizieren. Das ermöglicht dann eine klarere Vorstellung, wo man gezielt intervenieren muss.

Warum ist das bisher unterblieben?

Anders als in Bremen hat man in Baden-Württemberg und Sachsen in bestimmten Kommunen entsprechende Untersuchungen gemacht, zum Beispiel an Schulen. Es gab an diesen Studien zwar punktuelle Kritik, aber eines wissen wir daraus in jedem Fall: Wir haben bei den Corona-Infektionen eine erhebliche Dunkelziffer. Die tatsächliche Zahl der Infizierten dürfte um das Zwei- bis Sechsfache höher liegen als der Wert, der von den Behörden kommuniziert wird.

Wenn also zu Wochenbeginn für das Bremer Stadtgebiet gut 1500 aktive Infektionen angegeben wurden, dann könnten es im ungünstigsten Fall tatsächlich fast 10.000 sein?

Das legen die Erkenntnisse aus Kohortenstudien nahe, die andernorts gemacht wurden. Nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Österreich und der Slowakei. Es existiert in jedem Fall eine Dunkelziffer erheblichen Ausmaßes. Dazu trägt natürlich auch der Umstand bei, dass etwa 15 Prozent der Corona-Infektionen völlig symptomlos verlaufen.

Was halten Sie von dem Schwenk, den der Senat bei seiner Teststrategie vollzogen hat? Seit neuestem sollen ja nur noch Personen getestet werden, die Corona-Symptome aufweisen.

Also, das ist im Grunde verheerend, weil dadurch gerade die symptomlosen Personen nicht mehr erfasst werden. Das ist für meine Begriffe der falsche Weg. Man hat ihn eingeschlagen vor dem Hintergrund mangelnder Testkapazitäten.

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Ist eine effiziente Pandemiebekämpfung überhaupt denkbar, wenn eine erhebliche Anzahl infizierter Menschen unterhalb des Radars der Gesundheitsbehörde herumläuft?

Ich spreche mal als Arzt: Vor einer Therapie muss es eine Diagnose geben. Ich muss erst wissen, worum es geht, dann kann ich im zweiten Schritt zielgenau behandeln. So läuft Medizin – evidenzbasiert. Ich muss mich auf Fakten stützen, wenn ich etwas unternehme. Auf Corona bezogen, bedeutet das: Die Pandemiebekämpfung ließe sich deutlich verbessern, wenn man bestimmte Gruppen, die vermehrt infiziert sind, möglichst genau und kontinuierlich unter die Lupe nimmt.

Die Gesundheitsbehörde verfügt ja bereits über die Daten Tausender positiv oder negativ Getesteter. Wird dieser Fundus bisher nur unzureichend erschlossen?

Das sehe ich so. Schon eine bessere analytische Aufarbeitung der vorhandenen Datensätze ließe mehr Schlüsse auf das Infektionsgeschehen zu, aber das passiert nicht. Da sehe ich in der Tat ein großes Defizit.

In wenigen Wochen kann wahrscheinlich mit der Impfung gegen das Corona-Virus begonnen werden. Vor welchen Herausforderungen stehen wir dann in Bremen, etwa bei der Logistik und der Priorisierung der zu Impfenden?

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass zunächst relativ wenig Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Zur Art und Weise der Priorisierung der einzelnen Bevölkerungsgruppen sind auf Bundesebene ja schon Empfehlungen ausgesprochen worden, etwa durch den Ethikrat. Es kommt nun aber vor Ort auf eine klare Kommunikation an. Die Priorisierung muss gut vermittelt werden, damit nicht der Eindruck von Willkür entsteht. Die Kriterien müssen transparent kommuniziert werden. Das gilt übrigens auch für die Restrisiken einer Impfung.

Ethische Abwägungen, Aufbau der Impflogistik, anspruchsvolle Kommunikation – klingt, als wenn die größten Herausforderungen noch vor uns liegen.

Ist auch so, und das wird sich über das ganze nächste Jahr ziehen. Bei der Kommunikation muss es übrigens auch darum gehen, gezielter Desinformation durch Impfgegner entgegenzuwirken. Die liegen doch jetzt schon auf der Lauer. Die werden jedes Problem, das sich bei einer Impfung ergibt, an die große Glocke hängen.

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Im schlimmsten Fall könnten wir es dann mit einer Welle der Impfverweigerung zu tun bekommen?

Das wird nur zu vermeiden sein, wenn man vorher offen und klar mit der Bevölkerung kommuniziert. Das ist nach meiner Einschätzung die weitaus größere Herausforderung, als ein Impfzentrum in die Landschaft zu stellen und dann die Leute dort durchzuschleusen.

Das Gespräch führte Jürgen Theiner.

Info

Zur Person

Hans-Georg Güse (75) war im Frühjahr der erste Leiter der Corona-Ambulanz an der Bürgerweide. Güse ist Facharzt für Anästhesie und betreibt eine Consulting-Firma für den Klinik- und Pflegesektor.

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