Corona in den Stadtteilen

Infektionen in Bremen ungleich verteilt

Das Gesundheitsressorts tut sich schwer mit der Veröffentlichung: Die Coronainfektionen in Bremen betreffen bestimmte Stadtteile und Altersgruppen besonders.
07.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Infektionen in Bremen ungleich verteilt
Von Timo Thalmann
Infektionen in Bremen ungleich verteilt

In der Bremer Innenstadt ist die Maskenpflicht zur Normalität geworden, um die Infektionszahlen zu reduzieren.

Christina Kuhaupt

Anders als im Frühjahr verläuft das aktuelle Infektionsgeschehen der Corona-Pandemie in Bremen nicht mehr gleichmäßig über das Stadtgebiet. Die Karte zeigt deutliche Schwerpunkte: Die höchsten Infektionsraten finden sich in Tenever sowie in Gröpelingen. Dort wohnen die Infizierten – wo sie sich angesteckt haben, zeigt die Karte nicht. Über dem Durchschnitt von 6,58 Fällen je 1000 Einwohner in den sieben Wochen seit Beginn der sogenannten zweiten Welle liegen auch Huchting, Hemelingen und Walle.

Daten aus dem Ortsteilatlas geben Hinweise auf mögliche Ursachen: So weist Tenever mit 31 Quadratmeter Wohnfläche je Einwohner den wenigsten Platz für seine Bewohner aus. Auch die übrigen Stadtteile mit hohen Infektionsraten zählen allesamt zum unteren Fünftel bei diesem Indikator. Zum Vergleich: In Oberneuland an der Spitze kann sich jeder Bewohner durchschnittlich auf mehr als 62 Quadratmeter entfalten.

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Doch allein beengter Wohnraum ist keine ausreichende Erklärung: Auch die Neue Vahr oder Kattenturm zählen zum unteren Fünftel hinsichtlich der Wohnfläche je Einwohner, dennoch liegen die Infektionszahlen hier unter dem Bremer Durchschnitt. Weitere soziale Faktoren wie niedrige Einkommen, ungesicherte Beschäftigung und hoher Migrationsanteil kommen hinzu. „Gesundheit ist schon immer eng mit der sozialen Frage verbunden. Covid-19 stellt hier keine Ausnahme dar“, heißt es dazu in der internen Analyse des Gesundheitsressorts.

Auch Studien des Robert Koch-Instituts bestätigen diesen Zusammenhang. Bei einer Untersuchung von knapp 190.000 Infektionsfällen aus dem ersten Halbjahr hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Situation der Betroffenen zeigte sich: In den ersten Wochen waren eher besser gestellte Bevölkerungsteile betroffen, die sich vor allem bei Urlaubsreisen angesteckt hatten. Je weiter die Pandemie voranschreitet, desto stärker spielen die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen eine Rolle für das Infektionsrisiko mit Sars-CoV-2.

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Ein weiterer auffälliger Faktor ist das Alter der Infizierten: Wie im Frühjahr ist Corona in Bremen eine Krankheit der jüngeren Bevölkerungsschichten. Die Tabelle zeigt die bekannten Sieben-Tage-Inzidenzien je 100.000 Einwohner vom 14. September an: In der Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen wurde der Wert von 50 zuerst überschritten. In den drei Wochen zuvor lag er über der Marke von 35. Zu diesem Zeitpunkt von der letzten Augustwoche bis Mitte September waren die entsprechenden Werte in den Altersgruppen über 50 noch einstellig. Insgesamt ist die Infektionsrate in der Altersgruppe der Jüngeren unter 30 Jahren hoch. Bei einem Anteil an der Wohnbevölkerung von 14 Prozent sind mehr als 24 Prozent aller Infektionen seit Februar in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen festzustellen.

Hinsichtlich der Verteilung der jüngeren Bevölkerung innerhalb Bremens passen die Befunde zusammen. Die besonders von Corona-Infektionen betroffenen Stadtteile sind auch die mit den höchsten Anteilen jüngerer Bewohner. In Tenever beträgt der Anteil der Menschen unter 18 Jahren an der Wohnbevölkerung den Spitzenwert von fast 25 Prozent. Auch in Gröpelingen, Huchting und Hemelingen liegt der Anteil dieser Altersgruppe jeweils über 20 Prozent.

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Die Veröffentlichung der Infektionszahlen aufgeschlüsselt nach Stadtteilen ist seit Beginn der Pandemie ein Politikum. Das Gesundheitsressort hat dies bislang nur einmal offiziell mitgeteilt, obwohl Nordbremer Beiräte dies von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) fordern. Der Beirat Burglesum wünscht sich, dass die Infektionszahlen im Stadtteil täglich nach Postleitzahlen ausgewiesen werden.

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Die Auswertung auf Stadtteilebene sei mit viel Aufwand verbunden, sagt Senatssprecher Christian Dohle. Vordringliche Aufgabe der Regierung sei es, die Pandemie unter Kontrolle zu behalten und alles zu unternehmen, um das Infektionsgeschehen zurückzudrängen. „Eine tagesaktuelle Information hält das Rathaus angesichts der Arbeitsbelastung des Gesundheitsressorts nicht für notwendig.“

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