Serie „Ehrenamt in Bremen“

„Ohne Engagement funktioniert unsere Gesellschaft langfristig nicht“

Wie wichtig freiwilliges Engagement für den Zusammenhalt und das Funktionieren einer Gesellschaft sei, verdeutliche Corona wie unter einem Brennglas, erklärt der Bremer Experte Jan-Hendrik Kamlage.
27.01.2021, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Ohne Engagement funktioniert unsere Gesellschaft langfristig nicht“
Von Maurice Arndt
Ist Ehrenamt so wichtig, dass unsere Gesellschaft ohne freiwilliges Engagement nicht funktionieren würde?

Jan-Hendrik Kamlage: Das kann man so natürlich nicht beantworten, weil es immer Ehrenamt gab und wohl auch immer geben wird. Schaut man allerdings auf die Corona-Situation, kann man sich der Frage annähern. Menschen leben aktuell isolierter. Das führt zu psychischen Belastungen. Wesentliche Bestandteile von Kultur über Sport bis zur freiwilligen Feuerwehr stehen zudem nicht zur Verfügung, weil sie nicht ausgeübt werden können. Das sind aber Dinge, die unsere Gesellschaft ausmachen und zusammenhalten - Bereiche, die nicht rein ökonomisch laufen, ohne die unsere Gesellschaft auf lange Sicht aber wohl nicht funktioniert. Wie wichtig Ehrenamt und freiwilliges Engagement ist, sieht man auch beim Blick in die USA. Dort erkennt man was passiert, wenn eine Gesellschaft den Zusammenhalt verliert, für den das Engagement steht.

Wie beeinflusst ehrenamtliches Engagement unsere Gesellschaft?

Freiwilliges Engagement übt Kritik, entwickelt Lösungen, setzt diese um und nimmt so eine wichtige Rolle ein - als demokratischer und selbstorganisierter Teil der Zivilgesellschaft. Auch das sehen wir durch Corona wie unter einem Brennglas: hier wird einer gesellschaftlichen Herausforderung mit Engagement begegnet, etwa durch Einkaufshilfen.

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Daran anschließend: Welchen Einfluss hat Engagement auf den Einzelnen.

Engagement sorgt – wenn es gut läuft – für eine Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit. Umgangssprachlich würde man sagen Ehrenamtler und Ehrenamtlerinnen merken, dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken. Darüber hinaus hilft Engagement dabei, sich fachlich wie charakterlich weiterzubilden und vermittelt Dinge, von denen später wiederum die Gesellschaft profitiert. Es stärkt zudem soziale Kontakte und fördert die Fähigkeit sich politisch zu beteiligen. Also: Vereine, Verbände und Gruppen sind letztlich „Schulen der Demokratie“. Ganz wichtig ist auch, dass soziales Vertrauen vermittelt wird: Man lernt mit anderen zusammenzuarbeiten und Konflikte zu lösen.

Wie steht es um die Bereitschaft zu ehrenamtlichen Engagement in unserer Gesellschaft?

Grundsätzlich nimmt Engagement zu. Das ist mindestens seit den 1970er-Jahren ein Trend. Der hängt unter anderem mit dem sozialen Wandel zusammen, also etwa der Bildungsexpansion, einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft oder der Stärkung von postmateriellen Werten. Zudem hat auch die Digitalisierung ihren Anteil, da sie Vernetzung und Engagement erleichtert. Dadurch hat das Ehrenamt sowohl in der Summe als auch in der Vielfalt stark zugenommen. Die Motive für freiwilliges Engagement sind dabei komplexer geworden, wodurch man es nicht mehr so einfach von anderen Formen, wie dem politischen Engagement trennen kann.

Dennoch – so scheint es – fällt es etwa Sportvereine immer schwerer Trainer zu finden. Ist das Ehrenamtsangebot zu breit?

Das würde ich so nicht sagen. Aber es stimmt, dass das Engagement kurzfristiger geworden ist. Das hat zeitlich Gründe, hat aber auch mit Individualisierung zu tun. Menschen haben eigene Interessen, die sie manchmal auch nur sehr kurzfristig verfolgen. Hinzu kommen Wohnortswechsel, etwa durch Beruf oder Studium. Dadurch tun sich Menschen schwerer, sich an klassische, langfristige Engagementformen wie Feuerwehr, Sportvereine, Kirchen oder Gewerkschaften zu binden. Darauf müssen sich diese Institutionen einstellen.

Sind Vereinsfusionen wie bei der SG Bremen-Ost der Weg, um sich darauf einzustellen?

Das kann sicher eine Möglichkeit sein. Kirchen etwa tun das auch sehr umfänglich. Ich glaube aber nicht, dass das ein Weg für alle ist. Es braucht immer einen individuellen Blick. Viele Probleme sind auch hausgemacht: keine ausreichende Förderung des Nachwuchses oder eine schlechte Stimmung im Vorstand beispielsweise.

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Schauen wir nochmal auf einen Mythos: Verdrängt Ehrenamt reguläre Arbeitsplätze?

Die Verdrängungsthese ist ein Klassiker. Ich argumentiere immer, dass Freiwillige, die ihre moralischen Rechte und Pflichten kennen, sich eigentlich nicht auf diese Weise ausnutzen lassen. Man muss aber auch sagen, dass das oft ein schmaler Grat ist: Was ist eine zusätzliche Leistung und was sollten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen leisten?

Müsste es bessere Möglichkeiten geben, um Berufsleben und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen?

Es gibt zumindest Möglichkeiten, wie Unternehmen Engagement fördern können, etwa durch Freistellungen für freiwillige Arbeit oder das zur Verfügung stellen von Räumen und Material. Da können wir von Amerika und englischsprachigen Ländern etwas lernen, wo Ehrenamt als wichtiger zu fördernder Aspekt angesehen wird.

Wird Ehrenamt ausreichend von staatlicher Seite gefördert?

Da ist Luft nach oben. Die Engagementstrategien und -förderungen der Länder sind teilweise nicht sehr weit entwickelt. Ehrenamt ist kein Thema, mit dem man politisch groß punktet und Geld ist dafür dann nicht da. Ich glaube allerdings, dass viele Kommunen - wie beispielsweise Bremen - mittlerweile erkannt haben, dass freiwilliges Engagement in hohem Maße wichtig ist. In Bremen sind Freiwillige in den Schulen wie beispielsweise Lese- und Mathehelfer als zusätzliche Leistung unglaublich wichtig. Um freiwilliges Engagement zu fördern, sollte man aber vor allem soziale Ungleichheit, als größten Hemmschuh für freiwilliges Engagement, stärker bekämpfen. Denn: Wohlstand, Sicherheit und Bildung sorgen immer für mehr Engagement. Wir brauchen mehr durchmischte Gesellschaft und eine größere Gleichheit, um Engagement auf allen Ebenen zu stärken.

Info

Zur Person

Jan-Hendrik Kamlage (43)

leitet den Bereich Partizipationskultur am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. In Bremen, wo er wohnt, ist er zudem Aufsichtsratsvorsitzender des Sozialen Friedensdienstes, in dem auch die Bremer Freiwilligenagentur organisiert ist. In beiden Funktionen beschäftigt er sich auch mit dem Ehrenamt und seiner gesellschaftlichen Bedeutung.

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