Tradition in der Hansestadt

Bremer Eiswette: Die Weser "geiht"

Die traditionelle Bremer Eiswettprobe hat am Sonntag - dem Dreikönigstag - rund 2000 Zuschauer an die Weser gelockt. Sie genossen die kabarettistischen Seitenhiebe auf so manche Bremer Eseleien.
06.01.2019, 15:39
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Eiswette: Die Weser
Von Sigrid Schuer
Bremer Eiswette: Die Weser "geiht"

Eiswettenschneider Peter Lüchinger trug in diesem Jahr - zum Jubiläum der Bremer Stadtmusikanten - einen Eselskopf.

Frank Thomas Koch

Graue Wolken ballten sich bedrohlich über dem Punkendeich zusammen. Vom eisklaren Sonnenschein, der sonst oft am Dreikönigstag herrscht, keine Spur. Trotz des ungemütlichen Nieselregens kamen auch dieses Mal Hunderte von Schaulustigen an den kleinen Platz vor der Sielwall-Fähre, um beim kabarettistischen Spektakel dabei zu sein, das seit 1829 immer am 6. Januar von Bremer Kaufleuten abgehalten wird: die Eiswette. Zentrale Frage der Wette: Geiht oder steiht die Werser, ist die Weser zugefroren oder eben nicht? Erproben soll das der Eiswett-Schneider, der nicht mehr als 99 Pfund auf die Waage bringen darf und mit seinem dampfenden Bügeleisen die Weser überqueren soll.

Das kann er seit vielen Jahren natürlich nur mit Hilfe eines Schiffes der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, der auch die Spenden zufließen, die beim Eiswett-Fest, am 19. Januar, von den betuchten Eiswett-Genossen und ihren Gästen gesammelt werden. Und so fuhr schon vor Beginn der eigentlichen Eiswette der Seenot-Kreuzer Hermann Rudolf Meyer ungeduldig und unablässig die Weser hoch und runter. Zwischendurch zogen ein Binnenschiff und ein Ruder-Achter vorüber, begleitet von Seemannsliedern und Rio Reisers melancholischem "Übers Meer" sowie launigen Sprüchen, mit denen Johnny Gluth und Gila Fischer an Gitarre und Akkordeon das Publikum zum Vorglühen brachten. Und das fröstelte schon gleich weniger vor sich hin, klatschte, sang und swingte fröhlich mit. Und raunte schließlich voller Vorfreude: "Jetzt geht's looos!"

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Und da paradierten sie schon zur Fanfarenmusik den Deich herunter: Zeremonienmeister Stefan Bellinger samt Pagen, gefolgt von den Herren des Präsidiums, angeführt von dem ehrenwerten Präsidenten Patrick Wendisch, und lüpften ihre Zylinder genauso wie die sieben diesjährigen Novizen ihre Melonen. Patrick Wendisch spielte sich mit Thomas Röwekamp als Notarius publicus und Christian Bergmann als Medicus publicus, beide mit weißer Allonge-Perücke, die Bonmots und Pointen zu. So betonte Wendisch, wie wichtig es in einer Welt sei, die zunehmend ins Wanken geriete, aufs Sorgfältigste Traditionen zu hegen: Denn, so sein Fazit: AKK "Alles kann kommen!" Der Präsident pflaumte den nörgelnden Medicus an: "Sie sind CSU, eine chronische Stänker-Unke!"

Getoppt wurde das Ganze von Bergmanns Kollegen von der Bremer Shakespeare Company, den Heiligen Drei Königen mit Migrationshintergrund Tobias Dürr, Michael Meyer, und Markus Seuß und last not least dem Schneider in Person von Peter Lüchinger, der sich auch dieses Mal wieder Zeit ließ. Er kam mit einem markerschütternden "Iah!" wie gewohnt zu spät. Denn der Eiswett-Schneider gab dieses Mal gemeinsam mit den Heiligen Drei Königen die Bremer Stadtmusikanten, die ja bekanntlich in diesem Jahr 200 Jahre alt werden – und machte mit ihnen Männchen für eine Pyramide. "Fahrende Stadtmusikanten, das sind wir! Geflohen aus einem Land, in dem nur Krieg und Wahnsinn herrscht", sangen sie und Michael Meyer zupfte dazu die Ukulele. Lüchinger prangerte als Esel so manche Eselei an, die im abgelaufenen Jahr in Bremen schief gelaufen sei. Und da gab es so einige, befand er. Aus der Geno wurde bei ihm die Krano (Krankheit statt Gesundheit Nord) mit ihren chronischen Geldnöten: "400 Millionen Baukosten und ein offenes Ende."

Da wollten die Heiligen Drei Könige doch gleich ein Wörtchen mitreden und boten sich als Berater zu Traumpreisen an: "27 Euro pro Minute Beraterhonorar und das schwarz!" Auf die süffisante Frage des Notarius publicus hin, ob sie denn überhaupt irgendeine Qualifikation vorweisen könnten, kam prompt die Antwort: "Wir haben in Bremen schon so manchen Räuber vertrieben!" Als ihnen allerdings der Notarius mit dem Vermummungsverbot drohte, da strichen sie doch verzagt die Segel: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!" Dieser Abgang konnte natürlich unmöglich ohne Retourkutsche bleiben: "Sie Hut-Bürger aus der unteren Mittelschicht, wie wäre es, wenn sie sich selbst mal die Finger schmutzig machen und die Eiswette ausmerzen würden?" schnauzte Lüchinger. Das konnte Eiswett-Präsident Wendisch nicht auf seinem Präsidium sitzen lassen: "Hier wird gar nichts ausgemerzt, auch nicht die Eiswett-Probe!" Und das Präsidium habe schon gar nicht ausgemerkelt, schließlich müsse es ja noch Steine werfen, um festzustellen, ob die Weser geiht oder steiht. Soweit der dezente Spott an die Adresse der Bundespolitik.

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Bremen sei ja überhaupt Weltspitze im Planen, lästerte Lüchinger: "Vier Jahre für den Busbahnhof!" Und weiter: "Ach, ich habe ja ganz das ASV, das Amt für Straßen und Verkehr vergessen: Alle sind verwirrt! War das nun ein Marathon oder eine Mega-Baustelle? Na klar, das war ein Baustellen-Marathon!", beantwortete er sich gleich selbst die Frage. Zuvor bekamen die Macho-Präsidenten, die zurzeit die Welt beherrschen, ihr Fett weg: der "Trumpsche Blondesel mit der Föhnfrisur, die Salami im Süden mit extra scharfer Sauce und der Krimsekt trinkende Testosteron-Protz mit freiem Oberkörper".

So ganz anders eben als der schmächtige Schneider, der auch 2019 nur mit Ach und Krach die erforderlichen 99 Pfund auf die Uralt-Waage brachte. Er gelangte dank des beherzten Einsatzes der Seenotretter auch dieses Mal trockenen Fußes an das andere Weser-Ufer. Wie sangen es doch gleich die Heiligen Drei Könige in Anspielung auf den leer gepumpten Tietjensee: "Wunder gibt es an der Weser, wenn sie leer ist, kannst Du in ihr gehn!" Dabei habe Bremen Wunder doch so bitter nötig, resümierte Lüchinger, der sich als Goldesel anbot. Aber vielleicht wär's das ja überhaupt: "Wie könnte das schön sein, ein Bremen ohne Bremer, nur mit hell erleuchteten Dideldu-Bauten und niemand stünd' im Stau", wenn die Pläne des Verkehrssenators für eine "grüne, stille Stadt" denn aufgehen sollten. All das sehr zum Amüsement des Publikums, unter dem sich auch Frank Schmidt, Direktor der Museen Böttcherstraße befand: "Ich war mit meiner Familie zum ersten Mal dabei. Wir fanden es ganz toll!" Sprach's und nahm die guten Neujahrswünsche des Eiswett-Präsidenten mit auf den Heimweg.

(Dieser Artikel wurde um 18.19 Uhr aktualisiert.)

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