Mühsamer Weg zur Inklusion

Bremer Eltern ringen monatelang um eine Schulassistenz für ihr Kind

Ralf Siebelt und Simone Sterr haben lange mit verschiedenen Ämtern gerungen, bis sie die Zusage bekamen, dass ihr Kind eine Assistenz bekommt, die es in der Oberschule unterstützt.
17.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Eltern ringen monatelang um eine Schulassistenz für ihr Kind
Von Sara Sundermann
Bremer Eltern ringen monatelang um eine Schulassistenz für ihr Kind

Simone Sterr und Ralf Siebelt haben lange darum gekämpft, weiter eine Assistenz für ihr Kind zu bekommen.

Christina Kuhaupt

„Dieser ganze Wahnsinn.“ So nennt es Ralf Siebelt inzwischen, wenn er erzählt, was er und seine Frau Simone Sterr alles unternommen haben, um von Behörden eine Entscheidung zu bekommen, ob ihrem Kind eine Schulassistenz zusteht. Von Januar bis August dauerte es, bis sie schließlich eine schriftliche Zusage erhielten. Das Kind des Paares ist beeinträchtigt beim Sehen und Lernen und wechselt nach den Sommerferien auf eine weiterführende Schule. In der Grundschule hatte ihr Kind eine Assistenz, die es im Unterricht unterstützte.

Den Antrag stellten Ralf Siebelt und Simone Sterr erstmals im November 2019 bei der Bildungsbehörde. Sie wurden weiterverwiesen an die Sozialbehörde, diese sei nun zuständig – laut Sozialbehörde deshalb, weil nun Schüler mit Beeinträchtigung nicht mehr über ein Gesetz für Behinderte, sondern über die Jugendhilfe gefördert werden – und die ist bei der Sozialbehörde angesiedelt. Die Eltern reichten also erneut den kompletten Antrag inklusive medizinischer Gutachten ein, diesmal beim Amt für Soziale Dienste.

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Die Eltern erzählen von Dutzenden Anrufen und E-Mails an verschiedene Stellen: an den Fachdienst junge Menschen, an verschiedene Stellen des Amts für Soziale Dienste, an ihre Casemanagerin. Auch die Sonderpädagogin der Schule habe immer wieder beim Amt nachgefragt, erzählen die Eltern.

Die beiden schlugen vor, die bisherige Assistenz des Kindes an die Oberschule mitzunehmen. „Unsere Assistenz hätte den Wechsel auch begleitet, es hieß aber, für eine weiterführende Schule fehle ihr die formale Qualifikation“, erzählt Simone Sterr. Mehrmals hätten sie und die Schule die Casemanagerin gebeten, entweder für die bisherige Assistenz eine Ausnahme zu machen oder eine neue Assistenz zu suchen.

Von Januar bis Mitte Juli sei offenbar nichts bei der Behörde passiert, sagt Ralf Siebelt. Das Verfahren sei völlig intransparent. Es sei unklar, wer zuständig sei – es könne nicht effektiv sein, dass so viele Stellen mit einem Antrag befasst seien. Es sei praktisch unmöglich gewesen, die Casemanagerin zu erreichen. „Man spricht 20 Mal aufs Band, und immer läuft der Anrufbeantworter“, sagt Siebelt.

Mit der Polizei gedroht

Kurz vor den Sommerferien kommt es zu einem Streit der Mutter mit der Casemanagerin. Den Eltern geht die Geduld aus. Der Schulstart ist nicht mehr fern. Simone Sterr und Ralf Siebelt laufen am 14. Juli bei zwei Standorten des Amts für Soziale Dienste auf, ohne Termin. „Wir haben gesagt, wir gehen nicht hier weg, bis wir einen Termin bekommen.“ Beim Amt in der Rembertistraße sei ihnen mit der Polizei gedroht worden – soweit kam es aber nicht, ein Gespräch kam zustande.

Schließlich bekommen die Eltern am 17. Juli die mündliche Zusage von einer Mitarbeiterin des Amts für Soziale Dienste, dass ihrem Kind weiter eine Assistenz zustehe und auch bereits eine Person vom Martinsclub gefunden sei. „Wir hatten Glück“, sagen die Eltern: Es habe beim Martinsclub nur zwei Tage gedauert, eine Assistenz zu finden. Laut Martinsclub kann die Suche aber auch sechs Wochen dauern. Offiziell kann ein Träger erst eine Assistenz suchen, wenn er von der Behörde beauftragt wird. Am vergangenen Sonnabend kam nun auch die schriftliche Bewilligung der Behörde bei der Familie an.

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Die Eltern sind erleichtert, Kritik üben sie dennoch: „Die Behörde kommuniziert nicht mit den für das Kind wichtigsten Stellen, mit den Eltern, der Schule, dem Martinsclub“, sagt Sterr. „Im System ist offenbar nicht vorgesehen, mit Eltern zu sprechen“, sagt Siebelt. Beide betonen, es gehe ihnen nicht nur um ihren Einzelfall: „Ich frage mich, was andere Eltern gemacht hätten, die vielleicht nicht die Kapazitäten haben, immer wieder nachzuhaken“, sagt Sterr. Hier zeige sich Ungerechtigkeit im Bildungssystem, wenn nur die Eltern rechtzeitig eine Entscheidung bekämen, die extrem hartnäckig und frech aufträten. „Es kann nicht sein, dass ein Kind dermaßen abhängig vom Engagement und den Fähigkeiten der Eltern ist.“

Es komme öfter vor, dass einige Zeit vergehe, bis über einen Antrag entschieden werde, sagt Katharina Lankenau-Wettstein, Fachbereichsleiterin für den Bereich Schule beim Martinsclub. „Da sind die Eltern oft schon an dem Thema dran und rufen uns an, und es dauert dann noch länger, bis die Behörde den Auftrag erteilt, eine Assistenz zu suchen.“ Besonders schwierig seien die Antragsverfahren oft, wenn ein Kind Beeinträchtigungen in mehreren Bereichen habe, zum Beispiel eine körperliche und eine geistige Behinderung.

Keine Fallbearbeitung aus einer Hand

„Die Behörde war hier sicherlich in einem sensiblen Prozess schwer erreichbar“, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde, auf Nachfrage des WESER-KURIER. „So sind Informationen nicht so an die Eltern geflossen, wie das unserem eigenen Anspruch entspricht.“ Das bedauere man. „Im Fall von Schulassistenzen gibt es keine Fallbearbeitung aus einer Hand, die Akten durchlaufen verschiedene Stationen.“

Zudem sei das Verfahren neu geregelt worden und müsse sich noch einlaufen. „Die Probleme mit der Erreichbarkeit und der verzögerten Bearbeitung sind begründet in der Corona-Pandemie“, so Schneider. Beschäftigte hätten zum Teil zu Hause bleiben müssen und hätten auch nicht im Homeoffice arbeiten können, da sie von dort keinen Zugriff auf die Akten hätten. Die Behörde könne nicht ausschließen, dass noch weitere Eltern länger auf den Bescheid zur Schulassistenz warten mussten. Bernd Schneider: „Wir bedauern das, aber wir gehen davon aus, dass sich die Prozesse auch unter Corona-Bedingungen wieder normalisieren werden.“

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