Hilfe auch in Zeiten von Corona Bremer Engel unterstützen Eltern und Frühgeborene

Frühgeborene brauchen viel Unterstützung für den Start ins Leben. Krankenschwester Beate Tinnemeyer hilft den Familien und muss sich in der Krise um neue Sorgen der Eltern kümmern.
28.04.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Engel unterstützen Eltern und Frühgeborene
Von Björn Struß

Das Gebot der Krise, soziale Kontakte zu vermeiden und etwa durch ein Telefonat zu ersetzen, haben inzwischen fast alle Menschen in ihren Alltag integriert. Doch in sozialen Berufen, bei denen der Menschenkontakt Teil der täglichen Arbeit ist, fällt dies schwer. „Ich mache jetzt etwas weniger Hausbesuche. Manche Eltern möchten das aktuell nicht“, sagt Beate Tinnemeyer. Die Krankenschwester arbeitet mit neun weiteren Frauen für die Bremer Engel und kümmert sich um Säuglinge, Kinder und Jugendliche während und nach einem Krankenhausaufenthalt. Auch wenn manche Fragen nun am Telefon geklärt werden, hat die Arbeit von Tinnemeyer in der Krise an Bedeutung gewonnen. Denn die jungen Patienten gehören zur Risikogruppe.

„Derzeit kümmere ich mich sehr viel um Frühgeborene“, sagt Tinnemeyer. Eine besondere Bedeutung habe die Entwicklung des Körpergewichts. Die Säuglinge erhielten auch eine besondere Ernährung. Schon vor dem Coronavirus galt es, die Frühchen so gut wie möglich vor Krankheitserregern zu schützen. „Viele Fragen können die Eltern auch am Telefon stellen. Aber wenn es notwendig ist, fahre ich nach wie vor zu den Familien“, sagt Tinnemeyer. Die 54-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Krankenschwester, acht davon für die Bremer Engel. Neben Frühchen gehören auch Kinder und Jugendliche mit Herzfehlern, Nieren-, Darm- oder Stoffwechselerkrankungen sowie Immundefekten zu den Patienten von Tinnemeyer.

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In der Pandemie entstehen für Familien mit Frühchen oder erkrankten Kindern plötzlich ganz neue Sorgen. „Im Krankenhaus ist die Belastung groß. Nach einem langen Aufenthalt ist der Weg zurück nach Hause dann eine Entlastung“, sagt Tinnemeyer. Bei vielen Familien überwiege dieses positive Gefühl und dränge die Angst vor dem Virus in den Hintergrund. „Trotzdem ist da auch die Frage: Schaffe ich das?“, sagt Tinnemeyer. Hier setze ihre Arbeit an. Einige Familien hätten kein eigenes Auto. Dann sei es eine große Erleichterung, wenn das regelmäßige Wiegen der Frühchen auch in den eigenen vier Wänden möglich ist.

Tinnemeyer arbeitet an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Links der Weser. Anders als die Kollegen dort wird sie aber nicht aus Mitteln der Krankenkassen bezahlt. Hinter der Arbeit der Engel steht die Erika Müller Stiftung, die das Projekt seit 2005 betreut. Für die Finanzierung der Engel ist die Stiftung auf Spenden angewiesen.

Rückgang der Spendeneinnahmen

Seit dem Beginn der Krise verzeichnet Stiftungsmanagerin Marie Tentrup Martin aber einen Rückgang der Spendeneinnahmen. „Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, da viele Veranstaltungen, die für unsere Arbeit wichtig sind und auf denen für die Familienhilfe der mobilen Kinderkrankenschwestern gesammelt und gespendet wird, bedauerlicherweise nicht stattfanden beziehungsweise ausfallen werden“, sagt Tentrup Martin. Insbesondere mit ehrenamtlichem Engagement versuche die Stiftung derzeit, die Leistungsfähigkeit zugunsten der Patienten und Familien zu erhalten.

Die aktuelle Arbeit der Engel ist für die Stiftungsmanagerin auch nur in dem aktuellen System möglich, das auf Spenden aufbaut. „Denn unsere mobilen Kinderkrankenschwestern können Freiräume nutzen, was Zeit und Umfang ihres Engagements angeht, die das öffentliche Gesundheitsvorsorgesystem nicht in diesem Maße vorsieht“, sagt Tentrup Martin. So sei es auch möglich, sich über Jahre um ein krankes Kind oder dessen Familie zu kümmern.

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Aktuell ist die Bezahlung der Engel gesichert, weil die Stiftung in den Vorjahren nach eigenen Angaben nachhaltig kalkuliert und Reserven gebildet hat. Kurzarbeit will die Stiftungsmanagerin ausdrücklich vermeiden. „Diese wollen wir nicht, weil unsere Patienten den Engel an ihrer Seite brauchen“, sagt Tentrup Martin.

So kann die Krankenschwester Tinnemeyer auch weiterhin auf die Eltern eingehen, sie beruhigen und ihnen Unsicherheiten nehmen. Sie arbeitet mit den Familien länger und intensiver als sonst im Gesundheitssystem vorgesehen. Deshalb ist Tinnemeyer wie auch die übrigen Kolleginnen bei den Engeln besonders ausgebildet. Neben dem Klinikum Links der Weser arbeitet das Team noch an zwei weiteren Kinderkliniken in Bremen sowie am Josef-Hospital in Delmenhorst. Die Hilfe setzt während der Zeit im Krankenhaus an und geht dann so lange, wie es nötig ist.

Aufklärungsarbeit fällt in der Krise komplett weg

Wie wichtig die Hilfe der Engel sein kann, zeigt sich bei Tinnemeyer an einem Mädchen, das sie schon über viele Jahre begleitet. Mit der Verabreichung eines Immunglobulins bekämpft Tinnemeyer ein Eiweißverlustsyndrom, welches den Zustand des Mädchens ohne Behandlung schnell verschlechtern würde.

Eine Form der Hilfe ist in der Krise komplett weggefallen. Die Engel betreiben sonst Aufklärungsarbeit in Kindergärten oder Sportvereinen und sensibilisieren dort für die Probleme der Patienten. Das gibt wiederum Kapazitäten für die neuen Herausforderungen. „Wichtig ist jetzt erst mal, Sicherheit in unsicheren Zeiten zu geben", sagt Tinnemeyer.

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