Jan Theysen von King Art Games

Bremer erzählt, wie er sein erstes Computerspiel entwickelt hat

Jan Theysen entwickelt mit seiner Firma King Art Games seit fast 20 Jahren Computerspiele in Bremen. Sein erstes Spiel erschien 2009, verkaufte sich gut – dann ging ein Geschäftspartner pleite.
08.07.2019, 06:00
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Bremer erzählt, wie er sein erstes Computerspiel entwickelt hat
Von Patrick Reichelt
Bremer erzählt, wie er sein erstes Computerspiel entwickelt hat
Illustrastion: Katja Stremmel

Mit zwölf Jahren war für meinen Kumpel Marc und mich klar: Wir gründen eine Computerspielfirma! Das war Anfang der 1990er-Jahre. Viele Spiele gab es noch nicht, wir haben damals nach der Schule zusammen „Monkey Island“ und „Indiana Jones“ gespielt – heute sind das Klassiker. Irgendwann haben wir uns gefragt: Wer macht diese Spiele eigentlich und wie entstehen sie? Es gab damals noch kein Internet, aber zwei oder drei Bücher zum Thema Programmieren und spezielle Zeitschriften.

Gemeinsam haben wir uns das Programmieren beigebracht, Grafiken erstellt und Geschichten geschrieben. Wir haben viel ausprobiert und getüftelt, aber die Spiele nie wirklich fertig bekommen, geschweige denn veröffentlicht.

Nach Abitur und Zivildienst, wir waren etwa 20 Jahre alt, haben wir King Art Games ins Leben gerufen. Damals gab es noch keinen Studiengang für Spieleentwickler, wie es sie heute gibt, also habe ich mich sofort komplett auf die Firma eingelassen. Marc hat erst einmal BWL studiert, ist später aber auch komplett eingestiegen.

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Unser erstes großes Projekt war ein klassisches Adventure-Spiel, „The Book of Unwritten Tales“. Das Genre war damals nicht mehr wirklich beliebt und aus der Mode gekommen. Trotzdem haben wir gesagt: Wir machen ein Adventure im modernen Gewand, mit aktueller Technik und einer eigenen Geschichte. Es ist wichtig, von Beginn an eine starke Idee und eine Vorstellung davon zu haben, was bei den Spielern gut ankommen könnte.

Programmieren ist nur einer von vielen Jobs bei der Entwicklung eines Spiels. Es gibt Grafiker und Animatoren, die für die Bewegungen zuständig sind oder Sound-, Charakter- und Landschaftsdesigner. An einem Spiel arbeiten oft mehr als 20 verschiedene Berufszweige. Bei unserem ersten Spiel war ich für die Story zuständig und habe die Welt mit ihren Charakteren und Rätseln entworfen. Diese unterschiedlichen Mentalitäten zusammenzubringen und an einem Projekt arbeiten zu lassen, macht die Entwicklung eines Spiels so spannend.

Auf alle Eventualitäten vorbereitet

Gemeinsam entwerfen wir quasi einen Film, bei dem man nicht weiß, in welcher Reihenfolge er später geschaut wird. Es gibt immer die Extradimension des Spielers, wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wie sich später etwas bewegt, wie es klingt oder aussieht – alles wird bewusst von uns so designt.

Während der Entwicklung von „The Book of Unwritten Tales“ gab es manchmal Zweifel, ob das alles richtig ist, was wir machen, ob das nicht andere schon einmal besser gemacht habe. Dann kam 2008 die Messe Games Convention in Leipzig, der Vorgänger der heutigen Gamescom. Dort haben wir das Spiel einer internationalen Presse präsentiert und bekamen viel Zuspruch, viele waren begeistert. Das war wie eine Beruhigungspille und hat uns bestätigt, gleichzeitig war es auch ein Ansporn.

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Als das Spiel 2009 erschien, wurde es von den Kritikern gelobt und verkaufte sich sehr gut. In der Spielebranche ist es üblich, dass ein Publisher, ähnlich wie ein Verlag, die Einwicklung vorfinanziert. Nach den guten Verkaufszahlen wollte unser Publisher, dass wir sofort nachlegen und ein größeres Spiel entwerfen. Dann ist er pleite gegangen. Von einem Tag auf den anderen saßen wir ohne Geld und ohne großes Projekt da. Das war ein Schock. Unsere Firma hat das nur knapp überlebt. Seither machen wir uns nicht mehr von nur einem Publisher abhängig, sondern produzieren fast immer drei Spiele gleichzeitig für unterschiedliche Partner.

Öffentliche Wahrnehmung der Spielebranche hat sich gewandelt

Generell hat sich die öffentliche Wahrnehmung der Spielebranche gewandelt. In den 1990er-Jahren hat Deutschland leider viel verschlafen. Es gab damals gute deutsche Studios, es fehlte aber an Wagniskapital und Mut. Man hat das Feld anderen überlassen, international sind viele große Spielefirmen entstanden, die jetzt Milliardenumsätze machen. In den 2000er-Jahren kam dann die Killerspiel-Debatte dazu. So langsam haben aber viele kapiert, dass Computerspieler normale Menschen sind: Das Durchschnittsalter liegt etwa bei 36 Jahren, mehr als die Hälfte sind weiblich.

Viele Gründe eine Spielefirma in Bremen zu gründen, gibt es nicht, die großen Firmen sitzen eher in Berlin, München und Hamburg. Wir haben dadurch aber auch einen Vorteil: In der Region sind wir eines von zwei größeren Entwicklerstudios. Jeder, der in dem Bereich etwas machen möchte, meldet sich früher oder später bei uns. Wenn etwa jemand Medieninformatik an der Hochschule studiert und sich für Games interessiert, dann kommt derjenige für ein Praktikum wahrscheinlich zu uns – und einige bleiben dann auch gleich da.

Aufgezeichnet von Patrick Reichelt .

King-Art-Games-Mitbegründer Jan Theysen hat mit seinem Unternehmen schon viele Preise abgeräumt.

King-Art-Games-Mitbegründer Jan Theysen hat mit seinem Unternehmen schon viele Preise abgeräumt.

Foto: Charlotte Behr

Info

Zur Person

Jan Theysen (40) ist im Bremer Süden aufgewachsen, im Ortsteil Grolland. Zusammen mit seinem Jugendfreund Marc König gründete er 2000 das Entwicklerstudio King Art Games. Die mehr als 40 Mitarbeiter arbeiten derzeit an dem Strategiespiel Iron Harvest, das mehr als 1,5 Millionen US-Dollar über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter einsammelte.

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