Nach sechs Monaten im Landesvorstand

Bremer Ex-AfD-Vorstand Lührssen: Der Preis des politischen Engagements

Ein halbes Jahr gehörte der Journalist Hinrich Lührssen dem Bremer AfD-Landesvorstand an. Er fühlt sich ausgebootet, hadert aber auch mit sich selbst.
03.02.2019, 06:14
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Ex-AfD-Vorstand Lührssen: Der Preis des politischen Engagements
Von Jürgen Theiner
Bremer Ex-AfD-Vorstand Lührssen: Der Preis des politischen Engagements

Der Journalist Hinrich Lührssen sah seine Zukunft in der Bremischen Bürgerschaft, doch daraus wird nichts.

Frank Thomas Koch

Er wollte AfD-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl werden, doch dieser Plan hat sich zerschlagen. Vielleicht ist es ganz gut so, sagt Hinrich Lührssen in der Rückschau auf ein halbes Jahr, das sich für ihn wie ein einziger großer Scheuersack anfühlen muss. Eine Zeit, die ihn beruflich und privat ins Abseits führte, in der alte Freundschaften zerbrachen und sich neue als Trugbild erwiesen. Der 60-Jährige hat einen hohen Preis gezahlt für seinen Trip „nach Nordkorea und zurück“, wie er es heute empfindet.

Nordkorea – so bezeichnet Lührssen den Landesvorstand der Bremer AfD. Ein exotisches Reiseziel, um im Bild zu bleiben; eines, auf das man sich gründlich vorbereitet, bevor man sich auf den Weg macht. Genau das hatte Lührssen offenbar versäumt, als er im Juni 2018 der AfD beitrat. Der 60-Jährige war bis zu diesem Zeitpunkt nie mit politischen Aktivitäten in Erscheinung getreten. Man kannte ihn als Journalisten des Fernsehmagazins „Buten un Binnen“. Boulevardeske und humorvolle Beiträge waren dort sein Metier. Viele Jahre hatte er außerdem für „Stern-TV“ gearbeitet, eine Zeitlang als Chef vom Dienst.

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Man sitzt wohl keiner rechten Propaganda auf, wenn man konstatiert, dass viele Journalisten in Deutschland eher rot-grüne oder liberale Präferenzen haben. Für Hinrich Lührssen gilt das nicht. Er hat sein Kreuz in der Vergangenheit meist bei der CDU gemacht. Die Aufgabe konservativer Positionen durch die Christdemokraten in der Ära Merkel verfolgte der gebürtige Bremerhavener mit Unbehagen.

Flüchtlingskrise als Auslöser

„Als dann 2015/16 Hunderttausende Migranten ins Land strömten, bin ich sehr ins Nachdenken gekommen, ob das gutgeht“, erzählt Lührssen. „Ich fand und finde noch heute: Man kann nicht so viele Leute aus fremden Kulturen unkontrolliert reinlassen und erst später schauen, wer denn da gekommen ist.“ Er habe den Drang verspürt, politisch etwas dagegen zu unternehmen. Als einzige relevante Kraft im Parteienspektrum sei dafür die AfD infrage gekommen.

Zwei Monate nach seinem Eintritt, im August 2018, überschlugen sich die Ereignisse. Durch eine Indiskretion wurde via Facebook nicht nur Lührssens Mitgliedschaft bekannt, sondern auch seine Aufnahme in den Landesvorstand. „Dass ich in den Vorstand berufen worden war, ist mir selbst zunächst gar nicht bekannt gewesen“, beteuert Lührssen. Das habe ihm Landeschef Frank Magnitz erst auf Nachfrage bestätigt.

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So oder so: Die Sache versetzte dem 60-Jährigen beruflich wie privat einen schweren Schlag. Radio Bremen verhängte eine faktische Beschäftigungssperre, soziale Kontakte rissen von einem Tag auf den anderen ab. „Es gab Bekannte, die mich als Nazi-Schwein beschimpft haben. Der Lehrer meines Sohnes grüßte mich nicht mehr.“

Über Nacht zur Unperson geworden

Einige Wohlmeinende aus der Journalisten-Community hätten ihm zugetraut, eine Art „Wallraff-Nummer“ im Sinn zu haben. Also in Wahrheit gar nicht mit der AfD zu sympathisieren, sondern dort Material für eine Insider-Geschichte zu sammeln, um dann später mit Aplomb auszutreten und die Erfahrungen in einem Buch- oder Filmprojekt öffentlich auszubreiten. Doch für die Allermeisten, sagt Lührssen, sei er quasi über Nacht zur Unperson geworden.

Dass es unauflösliche Widersprüche gab zwischen seiner jahrzehntelang ausgeübten Profession und einer Vorstandstätigkeit bei der AfD konnte der 60-Jährige nicht leugnen. Weder gegenüber sich selbst noch vor der breiteren Öffentlichkeit, der Lührssen Anfang September durch einen Auftritt in der ZDF-Talkrunde „Markus Lanz“ bekannt wurde. Wie er es denn mit seinem journalistischen Selbstverständnis vereinbaren könne, dass aus der AfD, seiner neuen politischen Heimat, häufig der Vorwurf der „Lügenpresse“ erhoben wird, wurde er dort gefragt. Lührssens Antwortversuche fielen eher kläglich aus.

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Erste Zweifel an seinem politischen Engagement kamen Lührssen schon nach einigen Wochen. So stellt er es jedenfalls heute dar. Verblüfft habe ihn vor allem das Fehlen jeglicher Debattenkultur. „Es gibt in der Bremer AfD praktisch keine Foren, in denen politische Diskussion stattfindet“, sagt Lührssen. Keine thematischen Arbeitsgruppen, keine Stammtische, keine sonstige Gelegenheit zur Meinungsbildung.

Bei den Vorstandssitzungen seien inhaltliche Aussprachen über aktuelle Themen eine Rarität. Der Landesvorstand diene eher der Befehlsausgabe durch Magnitz und seinen Bremerhavener Statthalter Thomas Jürgewitz. „Ich hätte mich damit früher kritisch auseinandersetzen müssen“, räumt Lührssen ein. Allerdings habe es Frank Magnitz auch immer verstanden, seine einsamen Entscheidungen in dem Gremium überzeugend zu verkaufen – die immer neuen Parteiordnungsverfahren gegen aufmüpfige Mitglieder, die Abwicklung widerborstiger Kreisverbände, das Meldeportal „gegen Ideologie und Indoktrination an Bremer Schulen“.

Bruch mit Magnitz erfolgte spät

Der endgültige Bruch mit Magnitz erfolgte spät, und auch erst, nachdem dieser Lührssens Karriereambitionen durchkreuzt hatte. Es ging um die Spitzenkandidatur für die Bürgerschaftswahl am 26. Mai. Lührssen hatte sie frühzeitig angepeilt, nach eigener Darstellung war er darin von Magnitz bestärkt worden. Ende Oktober kam es zu einer Art Probeabstimmung, zu der die AfD-Spitze die Mitglieder in eine Hemelinger Gastronomie eingeladen hatte.

„Ich bekam da große Zustimmung“, sagt Lührssen. Allerdings hätten sich Landesvize Jürgewitz und der Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Tassis bei der Veranstaltung so heftig beharkt, dass klar gewesen sei: Eine öffentliche Aufstellungsversammlung kann sich die Bremer AfD nicht leisten, sonst würde die innerparteiliche Zerrissenheit für Außenstehende deutlich. Die Listenaufstellung wurde schließlich für Anfang Januar anberaumt, die Presse musste vor der Tür bleiben.

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Wie die Sache ausging, ist bekannt: Obwohl er entsprechende Absichten zuvor vehement bestritten hatte, erklärte Magnitz seine Kandidatur für den Spitzenplatz auf der AfD-Liste und setzte sich in einer Kampfabstimmung klar gegen Hinrich Lührssen durch. Es gibt Fernsehbilder, die Lührssen nach verlorener Schlacht vor der Gaststätte „Alt-Tiflissi“ zeigen. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wenig später erklärte er seinen Rückzug aus dem AfD-Landesvorstand. Er sei wohl auch deshalb von Magnitz ausgebootet worden, sagt Lührssen in der Rückschau, weil Magnitz‘ innerparteiliche Gegner ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt hätten. Magnitz habe davon Wind bekommen und entsprechend gehandelt.

Er hatte Berufspolitiker werden wollen

Es wird also nichts aus der zweiten Karriere des Hinrich Lührssen. Er hatte Berufspolitiker werden wollen, Fraktionsvorsitzender der AfD in der Bürgerschaft, ein 12 000-Euro-Job. Stattdessen ist er nun ein Ex-Journalist, der es schwer haben wird, wieder in einer Redaktion Fuß zu fassen. Materiell sei ihm nicht bang, versichert er. Er habe stets gut verdient und einiges zurücklegen können.

Schwerer wiege die Enttäuschung über die Art und Weise, wie mit ihm umgegangen worden sei. Lührssen hadert auch mit sich selbst, mit seiner zeitweiligen Realitätsverweigerung. „Ich stehe jetzt natürlich doof da“, sagt der 60-Jährige. Eine interessante Erfahrung seien die vergangenen sechs Monate gleichwohl gewesen. Interessant auch für Außenstehende. Vielleicht werde er die Innenansichten, die er in der AfD gewann, nun doch in journalistischer Form verarbeiten. Als eine Art Reisebericht. Einmal Nordkorea und zurück.

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