Mehr Schutz für Risikogruppen Experten fordern langfristige Corona-Strategien

Was kommt nach dem harten Lockdown im Januar? Bundesweit werden die Rufe nach einer zukunftsgerichteten Corona-Strategie lauter. Auch Bremer Experten fordern, langfristige Ziele in den Blick zu nehmen.
17.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Experten fordern langfristige Corona-Strategien
Von Nico Schnurr

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb fordert ein Umdenken in der Corona-Bekämpfung. „Es ist wichtig, nicht nur auf das Infektionsgeschehen zu reagieren, sondern Ziele im Umgang mit der Pandemie festzulegen“, sagt Zeeb, „uns fehlen diese langfristigen Ziele bislang“. Ein wichtiger Teil einer solchen Strategie müssten umfangreichere Schutzmaßnahmen für Risikogruppen sein. „Wir müssen Pflegeheime endlich zu sicheren Orten machen“, so Zeeb.

Seit Mittwoch gilt bundesweit ein harter Lockdown – vorerst bis zum 10. Januar. Die Kontakte sind damit weiter eingeschränkt, auch an den Feiertagen. Wie geht es danach weiter? Seit der Ankündigung der neuen Einschränkungen werden die Forderungen nach einer langfristigen Strategie in der Corona-Pandemie wieder lauter.

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Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hält den harten Lockdown für den „richtigen Weg“, betonte gegenüber dem „Münchner Merkur“ aber auch: „Drohkulissen und Verbote losgelöst von einer langfristigen Strategie reichen nicht aus.“ Anton Hofreiter, Bundesfraktionsvorsitzender der Grünen, spricht sich für einen Stufenplan aus. Der Plan müsse Maßnahmen an verschiedene Faktoren im Infektionsgeschehen knüpfen.

„Es ist an der Zeit, dass die Maßnahmen verlässlich und planbar werden“, sagte Hofreiter weiter, „es kann nicht sein, dass wir nach der zweiten Welle wieder planlos in eine dritte Welle stolpern.“ Auch Christian Lindner, Bundesvorsitzender und Fraktionschef der FDP im Bundestag, wirbt für einen Kurswechsel in der Corona-Politik. Der Lockdown sei angesichts des Infektionsgeschehens „nachvollziehbar“, sagte Lindner dem ZDF: „Die Notbremse ersetzt aber nicht eine dauerhaft durchhaltbare Strategie.“

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Forderung nach regelmäßigen Schnelltests in Pflegeheimen

Ein langfristiger Plan müsste aus Sicht von Epidemiologe Hajo Zeeb auch dazu dienen, die Risikogruppen besser zu schützen. „Was die Pflegeheime betrifft, hat die Politik kaum aus der ersten Welle gelernt“, sagt Zeeb, „man kann die Risikogruppen gleichzeitig vor Vereinsamung und vor dem Virus schützen, doch derzeit schaffen wir das nicht.“ Der Professor vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie betont, FFP2-Masken und regelmäßige Schnelltests für Pflegekräfte und Bewohner müssten zum Standard in Pflegeheimen werden. Unabhängig davon, ob die Einrichtungen in Corona-Hotspots mit sehr hohen Inzidenzwerten liegen, sollten Angehörige die Bewohner nur nach einem negativen Test besuchen dürfen, fordert Zeeb.

Um die vielen Schnelltests durchführen zu können, müssten die Pflegeheime etwa von Studenten und Auszubildenden aus entsprechenden Fachrichtungen unterstützt werden. „Die Pflege ist schon jetzt überlastet, sie kann nicht auch noch massenweise Tests in den Heimen durchführen“, so Zeeb weiter, „man müsste hier auch die Zivilgesellschaft stärker einbeziehen.“

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Andreas Dotzauer, Virologe an der Uni Bremen, befürwortet die Debatte um längerfristige Strategien. „Es muss etwas passieren, wir brauchen eine Alternative zum ständigen Auf und Ab“, sagt Dotzauer, „die Menschen erhoffen sich mehr Planbarkeit.“ Man müsse etwa schon jetzt darüber diskutieren, wie man bis zum nächsten Sommer mit Reisen umgehen wolle. Im zurückliegenden Jahr sei der Reiseverkehr mehrfach zum Treiber des Infektionsgeschehens geworden. „Es wäre wichtig, wenn wir uns als Gesellschaft auf einen Verzicht verständigen könnten“, sagt Dotzauer.

Der Virologe rät auch dazu, den Schulunterricht über den Januar hinaus in halben Klassen stattfinden zu lassen. Zudem brauche es Lösungen, wie sich der Andrang in Supermärkten entzerren ließe, etwa durch Zeitfenster, in denen nur die Risikogruppen einkaufen gehen dürften.

Grüne: Stufenplan ist sinnvoll

„Einen genauen Langzeitplan kann man nicht aufstellen“, sagt Ilona Osterkamp-Weber, gesundheitspolitische Sprecherin der Bremer Grünen. Ein Stufenplan, der Maßnahmen an Inzidenzen und die Lage in den Kliniken knüpfe, sei sinnvoll, doch das Infektionsgeschehen sei zu dynamisch, um schon jetzt festzulegen, was etwa im Februar gelte.

„Die Leute wollen Zukunftssicherheit“, sagt Magnus Buhlert, gesundheitspolitischer Sprecher der Bremer FDP, „es braucht endlich klare Konzepte für Schulen und Pflegeheime.“ Auch Rainer Bensch, gesundheitspolitischer Sprecher der Bremer CDU, tritt für einen längerfristigen Ansatz ein. Neben einem besseren Schutz der Risikogruppen und einer klaren Impfstrategie brauche es mehr Forschung zum Infektionsgeschehen und eine konsequentere Digitalisierung der Gesundheitsämter. Zudem müsse die Einhaltung der Regeln strikter kontrolliert werden. Oberstes Gebot müsse noch über Monate sein, die Kontakte gering zu halten.

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Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, rechnet damit, dass Einschränkungen noch lange notwendig sein werden. „Wir werden mindestens noch bis Ostern mit verschiedenen Lockdown-Maßnahmen leben müssen“, sagte er. Epidemiologe Zeeb dämpft auch die Erwartungen an zukunftsgerichtete Pläne in der Corona-Bekämpfung. „Ich bin skeptisch, ob eine langfristige Strategie allein genügt, um weitere Lockdowns zu vermeiden“, sagt Zeeb, „trotzdem ist es wichtig, diese Diskussion jetzt zu führen.“

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