Familie verliert Vater Bremer Familie braucht nach Brandkatastrophe eine neue Wohnung

Verzweifelt sucht Sandra Schirmer für sich und ihre sieben Kinder im Alter von neun bis 19 Jahren in Bremen ein neues Zuhause. Durch eine Brandkatastrophe hat die Familie den Vater und ihre Wohnung verloren.
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Bremer Familie braucht nach Brandkatastrophe eine neue Wohnung
Von Ulrike Troue

„Es wird alles gut, wir werden wieder ein schönes Zuhause haben.“ Mit diesen Worten spricht Sandra Schirmer ihren sieben Kindern im Alter von neun bis 19 Jahren Mut zu. „Ich versuche, selbst daran zu glauben“, bekennt die 51-Jährige, die wegen einer Zyanidvergiftung durch Rauchgas gerade erst aus der Klinik entlassen worden ist.

Durch den Brand in der Bismarckstraße vor vier Wochen hat sie ihren 64-jährigen Mann, die Familie den Vater und ihr Zuhause verloren. In den Räumen eines Schlüsseldienstes mit Schuhreparaturwerkstatt im Erdgeschoss des dreistöckigen Wohn- und Geschäftshauses mit 14 Bewohnern war aufgrund eines technischen Defekts ein Feuer ausgebrochen.

„Wir hörten gegen 23 Uhr einen lauten Knall“, erinnert sich Sandra Schirmer an die erste Schrecksekunde. „Das Glas aus dem Lichthof ist auf den Boden gekracht. Im Treppenhaus zog sofort schwarzer Rauch hoch. Ich habe schnell die vier Kleinen aus dem Bett gerissen, nur gesagt: Nichts mitnehmen und nicht stehen bleiben!“, schildert sie. Auch die beiden größeren Mädchen, 16 und 17 Jahre, hätten eine klare Ansage bekommen und konnten mithilfe von Nachbarn in Sicherheit gebracht werden.

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Eine Minute später war der Weg durchs Treppenhaus bereits völlig durch den schwarzen Rauch versperrt. Er breitete sich sekundenschnell in der 120 Quadratmeter großen Wohnung der Familie im dritten Stock aus. Sandra Schirmer alarmierte die Feuerwehr, entdeckte noch einen letzten Fluchtweg: das Fenster zur Straße.

Als sie mit ihrem 19-jährigen Sohn dorthin eilte, konnte sie nur einen kurzen Blick auf ihren Ehemann werfen. Es sollte der letzte sein. Denn nach einem harten Arbeitstag als Neurochirurg im Klinikum Bremen-Mitte lag er bereits im Bett – und schaffte es nicht mehr, sich in Sicherheit zu bringen. „Aus den Fenstern unter uns zog dichter dunkler Qualm herauf“, fährt sie in der Schilderung des Unglücks fort. „Jemand rief: Die Kinder sind alle raus, nicht springen, die Feuerwehr ist da. Danach weiß ich nichts mehr.“

Schwer verletzt in die Klinik gebracht

Die 51-Jährige und ihr ältester Sohn Tim wurden schwer verletzt ins St.-Joseph-Stift gebracht. Weitere Hausbewohner, die nicht mehr übers Treppenhaus hinausgekommen sind, rettete die Feuerwehr mit Drehleitern.

Die sechs weiteren Kinder der Familie hätten durch die Vermittlung eines Halbbruders die erste Nacht bei der ersten Frau ihres Mannes verbracht, weiß die gelernte Krankenschwester heute. Für diese Unterstützung ist sie unglaublich dankbar. Ebenso für die unermüdliche Hilfe ihrer Mutter und ihres Vaters, beide Ende 70. Sie haben die Kinder tags darauf zu sich genommen und während ihres Klinikaufenthaltes alles Mögliche geregelt, von Versicherungsangelegenheiten bis hin zum Schulbesuch.

In deren kleinem Reihenhaus in Moordeich leben Sandra Schirmer und ihre sieben Kinder auch zurzeit. Denn nach dem Brand sei das ganze Haus nicht mehr bewohnbar, berichtet die gesundheitlich gehandicapte Mutter. Sie kann nur mit Mühe eine Treppe hinaufsteigen. „Mir fehlt einfach die Energie“, stellt die 51-Jährige fest.

Sie und ihre älteste Tochter würden im Ehebett schlafen, ihre Eltern auf dem Sofa und einer Campingliege im Wohnzimmer, der 19-jährige Sohn im Gästebett und die fünf anderen Kinder im Bettenlager unterm Dach, beschreibt Sandra Schirmer die momentane Lebenssituation. Über die Enge will sie nicht klagen. „Das sind Kleinigkeiten, damit kann man leben. Wir alle haben schon in der alten Wohnung Abstriche gemacht, weil wir nur ein Bad hatten“, erzählt die Bremerin, die am liebsten alles alleine bewältigen will und nur schwer Hilfe annehmen kann.

Familie findet keine neue Wohnung

Aber die aktuelle Wohnsituation belaste ihre Eltern sichtbar und brächte sie nicht nur bei der Haushaltsführung an ihre Grenzen, sagt Sandra Schirmer. Dass unterschiedliche Ansichten in Erziehungsfragen und verschiedene Bedürfnisse jedes einzelnen Familienmitglieds zu Spannungen führten, sei normal, findet sie. Nur: „Wir alle vermissen unsere Privatsphäre.“ Trotz intensiven Studiums von Wohnungsanzeigen, mehrerer Makler, die eingeschaltet wurden, und Anfrage beim Pastor der St.-Petri-Domgemeinde findet ihre Familie keine neue Wohnung. Langsam verzweifele sie, gesteht Sandra Schirmer.

Deshalb hat sie sich „notgedrungen“ entschlossen, dem Anstoß eines Nachbarn zu folgen und einen Hilferuf zu starten. „Ein neues Zuhause ist für unsere Familie das Wichtigste im Moment“, sagt Sandra Schirmer voller Überzeugung und meint eine Zukunftsperspektive. „Wir suchen dringend eine neue Wohnung, 120, 130 Quadratmeter groß mit vielen Zimmern, die brauchen die Kinder in dieser Situation“, schiebt sie mit Blick auf die psychisch belastenden Folgen des traumatischen Erlebnisses nach: „Wir wollen alle zusammenbleiben.“

Als „Übergangslösung“ hat Sandra Schirmer ab 1. Dezember für einen Monat eine Ferienwohnung in der Nähe ihres alten Zuhauses gemietet. „Die Kinder haben fast alles verloren, da sollen sie wenigstens in ihrer vertrauten Umgebung, in der Nähe ihrer Schule und Freude bleiben können“, betont sie. Daher wünscht sie sich in der östlichen Vorstadt, im Viertel oder Hulsberg ein neues Zuhause. Ein kleines Haus mit Garten wäre auch schön, wagt sie kaum zu sagen. „Wir hatten einen in der Bismarckstraße – und haben ihn geliebt.“

Nur wenige Sachen retten können

„Alles, was wir hatten, ist durch die Rauchgase Sondermüll, stinkt widerlich“, berichtet Sandra Schirmer. Nur die wichtigsten Ordner hätten sie geholt und ganz wenige andere Sachen retten können, die noch in einer Sauerstoffkammer gereinigt werden müssten. Die Sachschäden ersetzt die Hausratversicherung. Auf den von einer Schule der Kinder und der Klinik ihres verstorbenen Mannes eingerichteten beiden Spendenkonten seien schon beträchtliche Summen eingegangen, erzählt sie dankbar und gerührt ob der großen Anteilnahme.

Von persönlichen Fotos, beliebten Kleidungsstücken, Spielsachen oder gemalten Bildern der Kinder sei nichts geblieben, sagt sie traurig. „Wir fangen praktisch wieder bei Null an“, konstatiert sie. Aber die siebenfache Mutter ist sich sicher: „Als Familie schaffen wir das!“

Weitere Informationen

Wer Familie Schirmer eine Wohnung anbieten oder vermitteln kann, erreicht Sandra Schirmer oder ihren ältesten Sohn Tim bei den Großeltern unter der Telefonnummer 04 21 / 49 20 70.

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