Eltern erzählen Wie es Bremer Familien in Quarantäne geht

Kinder, mit denen man nicht rausgehen kann, Kinder, zu denen man vielleicht sogar zu Hause Abstand halten soll? Und was sagt der Arbeitgeber? Wenn Familien in Quarantäne gehen, stellen sich viele Fragen.
02.12.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie es Bremer Familien in Quarantäne geht
Von Sara Sundermann

Wer als Kontaktperson in Quarantäne geschickt wird, soll sich zu Hause isolieren – soweit möglich auch von den Menschen, mit denen er zusammen lebt. Ein Abstand von 1,5 Metern auch in der Wohnung, getrennt eingenommene Mahlzeiten, das sehen die Regeln vor. Doch ist das überhaupt möglich, wenn man mit kleinen Kindern zusammen lebt? Und was für Schwierigkeiten bringt die Quarantäne mit sich? Wir haben mit zwei Bremer Familien gesprochen.

Taike Burghardt wohnt mit ihrer Familie in Horn. Ihr fünfjähriger Sohn hat gerade zwei Wochen Quarantäne hinter sich. „Nachdem eine seiner Erzieherinnen positiv getestet wurde, war klar, dass unser Sohn in Quarantäne gehen muss“, erzählt die Mutter. Daraufhin stellten sich die Eltern viele Fragen. Zum Beispiel hätte die kleine Schwester des Quarantäne-Kinds weiter von ihrer Tagesmutter betreut werden dürfen – „aber wir hielten es für sinnvoll, sie nicht mehr extern betreuen zu lassen“, sagt Taike Burghardt.

Unterrichtsvorbereitung spätabends

Für die beiden Geschwister sei die Quarantäne letztlich eine schöne Zeit gewesen, sie hatten viel Zeit zusammen zum Spielen, glaubt die 37-Jährige. Für die Erwachsenen bedeutete es Stress: „Ich arbeite an einer Schule, mir wurde von der Leitung zunächst gesagt, dass ich eine Dienstpflicht habe und zum Unterrichten kommen muss“, sagt Taike Burghardt. Sie sagte ihrem Arbeitgeber offen, wie die Situation war. „Blöd war, dass ich vom Gesundheitsamt nichts Schriftliches hatte.“ Ihr Partner arbeitet im Homeoffice und konnte während wichtiger Telefonate die Kinder nicht betreuen. Sie selbst blieb letztlich drei oder vier Tage zu Hause und ging ansonsten arbeiten. Ihren Unterricht bereitete sie oft spätabends vor. „Wir konnten uns zum Teil gut abwechseln, aber der Tag war komplett durchgetaktet, damit es funktioniert – das war anstrengend“, sagt sie.

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Was sie sich wünschen würde? „Gut wäre, wenn schon die Email des Gesundheitsamtes an die Kita rechtskräftig für den Arbeitgeber wäre“, sagt sie. „Und für mich wäre es schlüssig, wenn die ganze Familie in Quarantäne geschickt würde, denn wäre ich nun infiziert gewesen, dann hätte ich weiter andere Kontakte gehabt.“

Abstand ist kaum möglich

Ähnliches hat Nikola Siemer erlebt. Sie und ihr Mann haben drei Kinder im Kita-Alter: zwei, vier und sechs Jahre alt. Im Oktober wurde in der Kita, die alle drei besuchen, ein Corona-Fall bekannt. Die zwei jüngeren Kinder, in deren Kohorte der Fall auftrat, wurden in Quarantäne geschickt. Die ganze Kita machte für 14 Tage zu. „In der ersten Woche hatte ich noch Urlaub, in der zweiten Woche wurde es schon schwieriger“, erzählt Nikola Siemer. Vom Gesundheitsamt gab es auch hier keinen individuellen Quarantänebescheid, sondern nur eine Email an die Kita. „Ein Teil der Eltern hatte Probleme, weil ihr Arbeitgeber dieses Schreiben nicht akzeptierte“, sagt Siemer. Und die Kita war für alle zu, nicht nur für die Kinder in Quarantäne. Schließlich fielen die Kita-Beschäftigten auch durch Quarantäne aus. „Man fühlt sich in der Situation ziemlich alleine gelassen“, sagt die Bremerin, die mit ihrer Familie in Osterholz wohnt.

Und wie war der Alltag zu Hause? „Mit kleinen Kindern ist Abstand halten kaum möglich“, sagt die 38-Jährige. „Je kleiner die Wohnung, desto unmöglicher.“ Sie gibt ein Beispiel: Der Vier- und der Sechsjährige teilen sich ein Zimmer. „Aber die Schlafsituation entscheidet sich nachts spontan“, sagt Siemer. Ein Teil der Kinder, meist die beiden Jüngsten, wandert dann rüber ins Elternschlafzimmer und kuschelt sich dazu. „Soll ich das Kind dann etwa wegschicken? Das fände ich schwierig.“

Anderthalb Wochen blieb die Familie allein, ohne rauszugehen und ohne Besuch. „Mit unseren Kindern kann man nicht stundenlang basteln“, sagt Nikola Siemer. „Die ganze Zeit zu Hause, das ist anstrengend.“ Ein Glücksfall war für die Familie der eigene Garten, der trotz Quarantäne betreten werden darf. Doch nach zwei Wochen war Siemer froh, dass die Quarantäne vorbei war.

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Die Zentralelternvertretung (ZEV) hat Zweifel, ob die Quarantäne-Regeln für Familien mit kleinen Kindern umsetzbar sind. „Für eine Familie, die in einer Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnung mit einem Badezimmer für alle wohnt, ist das schwierig“, sagt Petra Katzorke vom ZEV-Vorstand. Das Gebot, Abstand zum eigenen Kind zu halten, stelle Eltern vor soziale Probleme: „Soll man sein Kind dann wirklich nicht umarmen und auf den Arm nehmen? Wenn das Kind bei ihm auf den Schoß will, kann der Vater doch nicht sagen: Geh weg.“

Appell an die Eltern

Für sinnvoll hält Katzorke, dass Kinder möglichst nicht in die Kita gehen, wenn ein Elternteil oder Geschwisterkind als direkte Kontaktperson gilt. „Wir haben uns von Elternseite gewünscht, dass Kita-Kinder möglichst zu Hause bleiben, wenn jemand in der Familie getestet wird, bis das Testergebnis da ist.“ Sie appelliert an Eltern: „Es ist besser, ein Kind bleibt für wenige Tage zu Hause, bis das Ergebnis da ist, als dass eine ganze Kohorte für 14 Tage in Quarantäne geht.“ Eine solche Empfehlung gibt auch die Bildungssenatorin in einem Schreiben an Eltern: „Werden Sie oder Angehörige Ihres Haushalts getestet und das Ergebnis steht noch aus, bringen Sie Ihr Kind möglichst nicht in die Kita“, heißt es darin.

Allerdings hätten Eltern, die als direkte Kontaktperson eingestuft wurden, zum Teil von Problemen berichtet, sagt Petra Katzorke: „Denn wer in Quarantäne geht, wechselt oft ins Home-Office.“ Und dann stellt sich wieder die Frage, die vielen Familien noch aus dem Lockdown im Frühling vertraut sein dürfte: wie man im Homeoffice arbeiten soll, wenn man parallel ein Kleinkind betreuen muss.

Welche Rechte Eltern und Kinder haben

„Wenn das Kind in Quarantäne geschickt wurde, teilt man seinem Arbeitgeber diesen Sachverhalt mit“, sagt Torben Diers, Rechtsberater der Bremer Arbeitnehmerkammer. Wenn Eltern nicht arbeiten können, weil sie keine zumutbare Betreuungsmöglichkeit für ihr Kind haben, müssen sie keinen Urlaub und auch keinen unbezahlten Sonderurlaub nehmen, stellt Diers klar. „Falls der Arbeitgeber so etwas vorschlägt, sollten Beschäftigte ablehnen.“

Seit Kurzem gibt es eine neue gesetzliche Regelung. Seit 19. November erhalten Eltern von Kindern in Quarantäne (unter 12 Jahren) eine Entschädigung für ihren Verdienstausfall. „Das heißt, der Arbeitgeber zahlt 67 Prozent des Gehalts weiter und kann sich dieses Geld später vom Staat zurück holen.“ Die Entschädigung kann jedes Elternteil bis zu zehn Wochen und Alleinerziehende bis zu 20 Wochen in Anspruch nehmen. Die Regelung ist bis zum 31. März 2021 befristet.

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Eine Recht auf Entschädigung wegen Verdienstausfalls gibt es auch für Eltern, die ihre Kinder betreuen müssen, weil Kitas oder Schulen vorübergehend geschlossen wurden. So steht es im Infektionsschutzgesetz, darauf weist die Bildungsbehörde hin. Die Entschädigung kann man beim Bremer Ordnungsamt beantragen.

Wenn das Kind Kontaktperson ist, gilt die Quarantäne nur für das Kind, die übrigen Familienmitglieder dürfen sich weiter frei bewegen, betont die Arbeitnehmerkammer. Zum Thema Abstand halten stellt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) klar: Wenn Kinder von Quarantäne betroffen sind, sei es wichtig, verhältnismäßig und mit Augenmaß vorzugehen. „Nicht immer können beispielsweise die Abstandsregeln konsequent umgesetzt werden, da Kinder die unter Quarantäne stehen, die Fürsorge und Zuwendung ihrer Eltern oder anderer familiärer Bezugspersonen brauchen“, heißt es in den Empfehlungen der BzgA. „Es sollte versucht werden, die Hygieneregeln so gut es geht einzuhalten.“

Die Grünen haben zuletzt Fragen zur Quarantäne bei Kindern bei der Bürgerschaft eingereicht. Die Abgeordnete Sahhanim Görgü-Philipp hat sich erkundigt, ob die Quarantäne-Richtlinien die Vorgaben des Kinder- und Jugendschutzes wahren. Sichergestellt werden müsse, dass eine Absonderung von der Familie mit getrennten Mahlzeiten oder eine Isolierung von Geschwistern nicht angeordnet werden. Antworten dazu werden im Dezember erwartet.

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