Nach verheerender Explosion Bremer Firma räumt nach Katastrophe im Beiruter Hafen auf

Im Hafen von Beirut tickt weiterhin eine Zeitbombe. Nach der großen Explosion im August lagern noch immer über 1000 Tonnen Gefahrgut auf dem Gelände. Eine Bremer Firma kümmert sich jetzt um die Aufräumarbeiten.
24.01.2021, 21:55
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Bremer Firma räumt nach Katastrophe im Beiruter Hafen auf
Von Marc Hagedorn

Als Heiko Felderhoff zehn Tage nach der großen Explosion den Hafen von Beirut besucht, denkt er: „So muss es 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg bei uns ausgesehen haben. Wie am jüngsten Tag.“ Der Hafen ist komplett verwüstet, ganze Häuserblöcke in den angrenzenden Wohnvierteln sind weggesprengt. Überall zersplittertes Glas und verbeultes Metall, bergeweise Schutt und Asche. Am 4. August 2020 sind 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut in die Luft geflogen, ausgelöst vermutlich durch Schweißarbeiten in einem Lagerraum. Mindestens 190 Menschen sterben, über 6500 werden verletzt, 8000 Gebäude zerstört und 250.000 Menschen obdachlos.

Felderhoff ist kurz nach der Detonation aus Bremen nach Beirut geflogen, um sich ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe zu machen. Felderhoff und sein Partner Holger Hinrichs sind Experten darin, für Ordnung zu sorgen und aufzuräumen, wenn irgendwo ein großes Unglück passiert ist. Felderhoff und Hinrichs sind Geschäftsführer der Firma Combi Lift, die ihren Sitz im Büropark Oberneuland hat.

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Combi Lift agiert als Projektlogistiker weltweit. Spezialgerät und Ingenieure der Bremer haben zum Beispiel vor der Küste Georgias in den USA dabei geholfen, den schwerbeladenen Autofrachter Golden Ray zu bergen. Im Meerwasser liegend musste der 200 Meter lange Riese zerschnitten werden. In Russland organisiert Combi Lift seit drei Jahren Schwertransporte für den Bau einer gigantischen Gasaufbereitungsanlage in Sibirien.

Die Aufgabe in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, erscheint noch größer. Den Hafen wiederherzurichten und wiederzubeleben, ist ein Mammutprojekt, das noch viele Jahre dauern wird. Bremer Knowhow sorgt jetzt dafür, dass ein Anfang gemacht werden kann. Die Bundesregierung hat bei der Vermittlung von Kontakten geholfen.

Salzsäure, Nervengas und Flusssäure

Auf dem Hafengelände tickt eine Zeitbombe. Über 1000 Tonnen Gefahrgut lagert immer noch dort, zum Teil seit zehn oder sogar 20 Jahren. Hochgiftige, leichtentzündbare und ätzende Chemikalien. Als es im ersten Schritt darum ging, die Substanzen zu identifizieren, stießen die Experten aus Deutschland neben Unmengen an Salzsäure auch auf Nervengas und Flusssäure, ein ätzendes Kontaktgift, das entsprechend dosiert tödlich ist.

Woher die Stoffe genau stammen, und warum sich im Hafen niemand darum gekümmert hat, ist unklar. Darauf gebe es keine klare Antwort, da dieses schon vor vielen Jahren passiert sei, sagt der amtierende libanesische Minister für öffentliche Arbeiten. Die deutschen Experten mussten vor Ort feststellen, dass kaum Dokumente zu den Ladungen existieren. Das Magazin „Spiegel“ hat unter dem Titel „Die perfekte Bombe“ im November des vergangenen Jahres rekonstruiert, wie Korruption und Vetternwirtschaft die Docks in Beirut beherrscht haben. Das Ammoniumnitrat, das die Explosion auslöste, lagerte fast sieben Jahre lang nahezu ungeschützt in einer Halle.

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Combi Lift hat 30 Mitarbeiter bei den Aufräumarbeiten vor Ort. Einer von ihnen ist Michael Wentler. Der Diplom-Ingenieur für Umwelt- und Entsorgungstechnik ist mit seiner Firma Höppner aus dem niedersächsischen Städtchen Winsen dabei, die hochgiftigen Stoffe zu bergen. Wentler spricht von einer „furchtbaren Situation“, wie er sie bei der Lagerung von Gefahrgut noch nie erlebt habe.

Die Chemikalien haben Behälter zerfressen, sind aus Kanistern und Containern ausgelaufen. Der Inhalt versickert im Boden oder fließt ins Hafenbecken und von dort ins Meer. Mehrere Meter tief muss der Boden ausgehoben und ausgetauscht werden. Wentler selbst hat der Deutschen Presse-Agentur erzählt, wie er, mit dicken Stiefeln an den Füßen, plötzlich knietief in ätzenden Chemikalien stand, als Kanister beim Entladen einfach auseinanderfielen.

Nebel von Säure

Wenn er in Beirut Feierabend mache, sagt Umwelttechniker Wentler, würden ihm immer wieder die Augen brennen. Regelmäßig ständen über dem Gebiet auch „Nebel von Säure“. Felderhoff sagt: „Das, was dort immer noch liegt, ist mindestens so gefährlich wie das, was im August hochgegangen ist.“

Combi Lift hat einen Vertrag mit dem Hafen Beirut abgeschlossen. Zunächst sollen die Bremer 52 Container mit Gefahrgut bergen und entsorgen. „Aber die 52 Container sind nur die Spitze des Eisberges“, sagt Hinrichs. Es gibt noch viel mehr zu tun. Die Bremer gehen bei dem Projekt finanziell ein gewisses Risiko ein. 3,6 Millionen Dollar soll die Entsorgung kosten, lediglich für zwei Millionen Dollar kann die Beiruter Hafenbehörde aufkommen.

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Combi Lift geht nach Aussagen ihrer Geschäftsführer mit 1,6 Millionen Dollar in Vorleistung. Man hofft aber auf eine spätere Förderung durch die EU und aus anderen Töpfen. Auch die Bundesregierung hat Interesse daran, den Staat Libanon, der bankrott ist, zu stabilisieren. Weitere Hilfe aus Deutschland ist geplant: Der Logistikberater Hamburg Port Consulting arbeitet gerade an einer Studie für den Wiederaufbau des Beiruter Hafens.

Derweil schreiten die Arbeiten auf dem Gelände gut voran. Das Abpumpen und Umfüllen der Chemikalien aus den alten in die neuen, stabilen Behälter soll Ende Januar abgeschlossen sein. Danach werden sie auf ein Schiff verladen, nach Wilhelmshaven transportiert und an Ort und Stelle entsorgt. Auch um diesen Teil der Operation kümmert sich eine Bremer Firma, die Nehlsen AG. Sie schickt die Chemikalien direkt in die Verbrennung. Es ist lange genug sorglos mit den Schadstoffen umgegangen worden.

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