Eilverfahren vor Bremer Verwaltungsgericht

Schausteller klagen gegen „Freipark“-Schließung: „Es geht um unsere Existenz“

Die Schausteller wollen sich mit der Schließung des „Freiparks“ wegen gestiegener Corona-Zahlen nicht abfinden und haben vor dem Verwaltungsgericht Bremen Klage eingereicht.
13.10.2020, 19:44
Lesedauer: 3 Min
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Schausteller klagen gegen „Freipark“-Schließung: „Es geht um unsere Existenz“
Von Pascal Faltermann
Schausteller klagen gegen „Freipark“-Schließung: „Es geht um unsere Existenz“

Alle Fahrgeschäfte auf dem Bremer "Freipark" stehen derzeit still.

Christina Kuhaupt

Die Lampen sind aus, das Kassenhäuschen mit einer Plane abgedeckt, über die Pflastersteine wehen nur ein paar Herbstblätter. Gähnende Leere, nur die Desinfektionsmittelspender, die sind voll. Auf den blitzeblank geputzten Stufen des „Break Dancers“ steht Claudia Vespermann-Dreher. „Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich nicht weiß, was passiert“, sagt die Schaustellerin. Fünf Tage und ein paar Stunden hatte sie ihr Fahrgeschäft auf dem Bremer „Freipark“ im Betrieb. Dann teilte das Ordnungsamt am vergangenen Mittwoch mit, dass der Ersatz für den Freimarkt auf der Bürgerweide bis auf Weiteres geschlossen bleiben muss, weil die Corona-Infektionszahlen zu stark angestiegen waren. Damit wollen sich die Schausteller nicht abfinden und greifen zu juristischen Mitteln: Im Eilverfahren klagen sie vor dem Verwaltungsgericht gegen die Schließung.

„Mit diesen fünf Tagen schaffe ich es nicht, meine Kosten zu decken“, sagt Vespermann-Dreher. Mit dem Aufbau des Fahrgeschäftes sei es ja nicht getan – zusätzlich benötige sie mehrere Versicherungen, Personal, TÜV oder Lagerkosten. Vespermann-Dreher und ihre Familie sind in fünfter Generation Schausteller. Vier Angestellte hat sie beim „Freipark“, hinzukommen vier Familienmitglieder. Zwei Personen hat sie bereits nach Hause geschickt, ein Pole musste in seiner Heimat in Quarantäne, weil er aus dem Risikogebiet Bremen kommt. Und was macht sie selbst? „Ich räume die Halle auf, mache Dinge im Haushalt“, sagt Vespermann-Dreher. Und dann ist da das Warten. Das Warten, wann und ob es überhaupt weiter geht. „Action bis der Arzt kommt“, verspricht ihr Fahrgeschäft, der „Break Dancer“. Jetzt brauchen die Karussellbetreiber Hilfe.

„Es geht um unsere Existenz“

„Es geht um unseren Berufsstand, um unsere Existenz“, sagt Susanne Keuneke, Vorsitzende des Bremer Verbandes der Schausteller und Marktkaufleute (BSM). Bei einer Pressekonferenz am Dienstag haben sich die Präsidenten und Vorsitzenden zusammengefunden. Sie sind verärgert, manche gar wütend. Die plötzliche Schließung des temporären Freizeitparks auf der Bürgerweide in der vergangenen Woche sorgt bei den Schaustellern für viel Kopfschütteln. Bremen hatte die als Grenzwert festgelegte Zahl von 50 Neuinfektionen bezogen auf 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen deutlich überschritten – die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz lag bei einem Wert von 57,6. Seitdem ist sie nicht wieder unter 50 gefallen.

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„Wir haben Verständnis für diese schwierige Zeit. Uns fehlt aber das Verständnis für die Schließung“, sagt Bettina Robrahn-Böker, Geschäftsführerin der Veranstaltungsgesellschaft Bremer Schausteller, die den „Freipark“ ausrichtet. Alles finde unter freiem Himmel statt, es gebe ausführliche Hygiene- und Sicherheitskonzepte, eine kontrollierte Einlasssituation, einen eingezäunten Bereich, zahlreiche Sicherheitskräfte und eine Obergrenze für Besucher. Von den in der vergangenen Woche verkündeten Corona-Maßnahmen fühlten sich die Schausteller nicht angesprochen. „Wir verkaufen keinen Alkohol und schließen früher als zur verhängten Sperrstunde“, so Robrahn-Böker.

Das sei Grund genug, gegen die Schließung vorzugehen. Ganz formell ist laut dem Anwalt Kyrulf Petersen ein „Antrag auf Wiederherstellung eines Widerspruchs“ beim Verwaltungsgericht gestellt worden, der den Marktbeschickern erlauben soll, den temporären Freizeitpark wieder zu öffnen. Das würde auch den kleinen Freimarkt auf dem Marktplatz betreffen, der ebenfalls abgesagt wurde.

Die Betreiber von Fahrgeschäften und Buden fühlen sich benachteiligt, weil mit zweierlei Maß gemessen werde. So können beispielsweise die Gastronomie und der Einzelhandel weiter arbeiten, Freizeitparks in Niedersachsen dürften öffnen, die Schausteller hingegen nicht. Es gehe um die Verhältnismäßigkeit der Entscheidung, um die Gleichbehandlung. „Es stellt sich die Frage, wieso Schausteller anders behandelt werden“, sagt Petersen.

„Unser Misstrauen gegenüber der Politik, den Behörden und Ämtern steigt. Wir sind alle sprachlos“, sagt Rudi Robrahn, Vorsitzender des Bremer Schaustellerbundes (DSB). „Seit Monaten sind wir in einem emotionalen und finanziellen Desaster“, sagt Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB), der extra nach Bremen gekommen ist. Es dürfe kein Unterschied gemacht werden zwischen fahrendem und stehendem Gewerbe.

Bürgermeister sieht keine Alternative

„Dass wir den ,Freipaak‘ vorübergehend schließen mussten, tut mir aufrichtig leid – sowohl für die Menschen aus Bremen und umzu, denen ich das Vergnügen auf der Bürgerweide so sehr gegönnt hätte, als auch für die Schausteller. Zumal die Organisatoren ein überzeugendes Hygienekonzept vorgelegt haben“, sagt Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) auf Nachfrage.

Angesichts der aktuellen Infektionszahlen sieht Bovenschulte aber zu einer vorübergehenden Schließung keine Alternative. „Wir werden jetzt beraten, wie wir den Schaustellern helfen können. Eine Möglichkeit wäre, den ,Freipaak‘ nach hinten im Jahr zu verlängern. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass das eine Öffnung während der Herbstferien nicht gleichwertig ersetzen kann“, so Andreas Bovenschulte.

++ Dieser Artikel wurde um 19.38 Uhr aktualisiert ++

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