Reitsport-Tradition könnte am Sonntag enden

Bremer Galopprennbahn: Finale offen

Ist es der letzte Renntag in Bremen oder doch noch nicht? Einmal mehr ist offen, wie es weitergeht mit der Galopprennbahn in der Vahr. Am Sonntag laufen auf der Anlage noch mal die Pferde.
17.06.2017, 10:02
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Galopprennbahn: Finale offen
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Galopprennbahn: Finale offen

Galopprennbahn Bremen Karfreitag 2017 - Rennen

Frank Thomas Koch

Der achte und letzte Wettbewerb am Sonntag auf der Bremer Galopprennbahn trägt den Titel „Auf-Wiedersehen-Rennen“. Doch wird es das geben, ein Wiedersehen? Zwar hat die Stadt angeboten, dass der Rennverein die Anlage in der Vahr über das Vertragsende hinaus weiter nutzen kann, denn Schluss wäre eigentlich Ende dieses Jahres. Der Verein hat es trotz monatelanger Bemühungen aber noch nicht einmal geschafft, für die laufende Saison ein weiteres Rennen zu organisieren. Wird aus dem „Auf Wiedersehen“ also ein Adieu?

Die Ansage war klar: Bis zum 15. Mai sollte feststehen, ob der Rennverein weitermacht, mindestens noch mit einem Rennen im Herbst. Es wäre das vierte in der Saison, normalerweise sind es sechs. Der Vorstand hatte auch eine Summe aufgerufen, die bis zu diesem Termin aufgetrieben werden sollte. Mit dem Betrag von 50.000 Euro war das gar nicht mal so viel, wenn man bedenkt, welche potenten Geldgeber hinter dem Verein stehen und dort mit Ämtern im Vorstand sogar Verantwortung tragen. Doch als der Tag im Mai verstrichen war, die letzte Frist, wie es vorher hieß, war es wieder nur die vorletzte. „Wir können noch nichts sagen“, sagte Vorstandssprecher Frank Lenk. Es liefen Gespräche, die Sache sei in Bewegung, sie seien voller Hoffnung, es gebe Chancen – so in etwa der Tenor seiner Äußerungen. Und so hört es sich auch kurz vor dem Renntag am Sonntag an: „Wir können nicht sagen, ob es der letzte ist“, erklärt Lenk, „wir gehen mit zartem Optimismus davon aus, dass es weitergeht.“

Dem Verein mit seiner 160-jährigen Geschichte ist gekündigt worden, weil die Stadt auf dem 36 Hektar großen Gelände ein Wohngebiet schaffen will. Rechtlich war das möglich. Eine Klausel im Pachtvertrag besagt, dass er mit Frist von einem Jahr ausläuft, sobald die Stadt nicht nur die Absicht hat, die Fläche zu bebauen, sondern dafür auch konkrete Planungsschritte unternimmt. Mit einem entsprechenden Beschluss der Baudeputation im November vergangenen Jahres ist das geschehen. „Wir können es uns nicht leisten, ein so großes Areal mitten in der Stadt weitgehend ungenutzt liegen zu lassen, nur damit dort ab und zu Pferdchen im Kreis herumlaufen“, hatte Bausenator Joachim Lohse (Grüne) damals gesagt. Er und sein Senatskollege Martin Günthner (SPD), der für Wirtschaft zuständig ist, planen den Bau von 1000 Wohnungen. Es wäre ein großer Coup in dem Bemühen der Stadt, deutlich mehr Wohnraum zu schaffen. Der Senat hat sich für jedes der nächsten Jahre mindestens 2000 neue Einheiten zum Ziel gesetzt.

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Der Rennverein hat keine Mittel, um die Baupläne für das Areal der 110 Jahre alten Galopprennbahn zu stoppen. Wohl aber der Golfclub im 15 Hektar großen Oval des Geläufs. Er besitzt einen unkündbaren Pachtvertrag, der bis zum Jahr 2034 gilt. Die Neun-Loch-Anlage wird von dem süddeutschen Unternehmen Golf-Range betrieben. „Der Standort lohnt sich“, sagt Geschäftsführer Hans Peter Thomssen. Er hat wiederholt beteuert, bleiben zu wollen. Gespräche mit der Stadt gebe es mittlerweile aber schon, nachdem seine Firma zunächst auf Informationen aus der Zeitung angewiesen gewesen sei. Günthner hatte angekündigt, Golf-Range aus dem Vertrag herauskaufen zu wollen. Dafür dürften einige Millionen Euro fällig werden – entgangene Gewinne für die Jahre bis 2034 und ein Ausgleich für die Investitionen. Das Wirtschaftsressort berichtet aktuell von „intensiven und guten“ Gesprächen mit dem Golfclub.

Klar ist, dass so schnell nicht gebaut werden kann. Zunächst wird es in den nächsten Monaten Gutachten unter anderem über die Beschaffenheit des Bodens geben. Im kommenden Jahr sollen Konzepte zur Art der Bebauung entwickelt werden, gekoppelt an eine ausführliche Bürgerbeteiligung. Danach erst geht es an die konkreten Pläne, mit Beratungen, öffentlicher Auslegung und irgendwann auch den erforderlichen Beschlüssen der parlamentarischen Gremien. Bis dahin dürfte das Jahr 2019 erreicht worden sein, nicht unwahrscheinlich, dass die Bagger noch später anrollen.

Doch was passiert bis dahin mit dem Gelände? Dirk Kühling, Abteilungsleiter beim Senator für Wirtschaft, hat dazu in dieser Woche eine Ansage gemacht: „Wir haben nichts dagegen, wenn der Rennverein weiter Rennen veranstaltet“, sagte er vor dem Regionalausschuss Galopprennbahn, der von den beiden zuständigen Beiräten Vahr und Hemelingen ins Leben gerufen wurde. Denkbar sei das auch für die kommenden ein oder zwei Jahre. „Wir sind für eine vernünftige Zwischennutzung, das Gelände darf und wird nicht verkommen“, betonte Kühling.

Aus seiner Behörde ist diese Haltung am Freitag bestätigt worden. „Natürlich können wir uns einen Weiterbetrieb vorstellen, solange man nicht an die Fläche heran muss“, sagte Ressortsprecher Tim Cordßen. Es gebe in der Angelegenheit einen kontinuierlichen Kontakt zum Rennverein. Dem Verein sei dabei signalisiert worden, dass es von der Stadt auch Hilfe geben könne, allerdings keine finanziellen Zugeständnisse, keine Form von Subventionierung. Jahrzehntelang hatte Bremen dem Verein Geld gegeben – Zuschüsse für die Rennen und die Pflege der Rennbahn. Zuletzt waren es 830 000 Euro pro Jahr. Die Förderung lief bis zum Jahr 2010. Solche Zahlungen wiederaufleben zu lassen, kommt für die Stadt nicht infrage. Möglich wäre aus Sicht der Wirtschaftsbehörde stattdessen eine Unterstützung bei der Werbung im Rahmen des Stadtmarketings.

Einigen konnte man sich darüber aber noch nicht. „Offenbar lässt sich der Rennbetrieb wirtschaftlich nicht mehr darstellen“, so Cordßen. Sollte es am Ende über den Sonntag hinaus keine Renntage mehr geben, werde die Stadt nach einer anderen Form der Zwischennutzung suchen. Der Pachtvertrag mit dem Rennverein laufe noch bis Ende des Jahres, „daraus ergeben sich Rechte, aber auch Pflichten“. Schlüssel umdrehen, weglaufen und die Bahn sich selbst überlassen, ist nicht drin, heißt das.

Nach Darstellung des Rennvereins hat es über einen Weiterbetrieb der Rennbahn bislang keinerlei Verhandlungen mit der Stadt gegeben. „Das waren lediglich informelle Kontakte“, erklärt Vorstandssprecher Lenk. Sollte Bremen tatsächlich bereit sein, in seiner Werbung auf die Renntage hinzuweisen, wäre das an Unterstützung bei Weitem nicht genug. „Das ist zu einfach, dass es nichts kosten darf.“ Eigentlich müssten doch alle ein Interesse daran haben, dass die Bahn für die Jahre bis zum Baubeginn weiterhin für Galopprennen genutzt wird. „Was ist die Alternative?“, fragt Lenk, „soll die Bahn verwildern und eines Tages als Denkmal für planerische Fehlgestaltung dastehen?“

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