Volksentscheid am 26. Mai

Bremer Galopprennbahn ist seit einem Jahr geschlossen

Vor einem Jahr ist die Galopprennbahn geschlossen worden - seitdem hat sie sich in Bremen zu einem Politikum entwickelt.
17.04.2019, 20:31
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Galopprennbahn ist seit einem Jahr geschlossen
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Galopprennbahn ist seit einem Jahr geschlossen

Die Galopprennbahn aus der Vogelperspektive. Das Geläuf wird nicht mehr genutzt, wohl aber die Golfanlage im Oval.

Detmar Schmoll (Studio B)

300 Euro, die der Mann verloren hat, und er erzählt das, als wäre es nichts, als ob das kein Geld wäre oder jedenfalls nicht viel. Es war am Donnerstag, dass ihm das passiert ist, und jetzt ist Freitag. „Und dann bist Du schon wieder hier?“, fragt der Kumpel erstaunt. Sie sitzen zusammen am Tisch, trinken Wein und studieren die Wettzeitung. Auf den Monitoren an der Wand laufen die Pferde, mal im Galopp, mal beim Trabrennen.

Veranstaltungen in Lyon und im englischen Fontwell, die live gezeigt werden und Gelegenheit bieten, sein Glück zu versuchen. Ein paar Euro oder mehr auf diesen oder jenen Gaul und dann gespannt schauen, ob er‘s packt. „Traber spielst Du auch? Bist Du noch zu retten?“, pfeift der Kumpel den Mann an, der nach der Pleite vom Vortag schon wieder aufs Ganze geht. Traber, ja, und warum auch nicht? Irgendwas geht doch immer.

Ein Fest für die ganze Familie

Die beiden zocken, und es ist nicht ohne Ironie, dass sie es an diesem Ort tun, in einem etwas abgenutzten Wettbüro an der Galopprennbahn. Die Bahn ist geschlossen, keine Rennen mehr, das letzte fand an Karfreitag vor einem Jahr statt. Pferde laufen in Bremen also nur noch auf Monitoren um die Wette. Es gibt Menschen, die das schade finden, sie beklagen das Ende einer mehr als 150-jährigen Tradition. Die Renntage waren ein Fest für die ganze Familie. Die Bratwurst, das Eis, die Pommes, es wurde gepicknickt, den Pferden und Jockeys zugeschaut, und wer zusätzlich Spaß haben wollte, der ging zum Totalisator und hat was riskiert.

Ein bisschen Hautevolee gab‘s natürlich auch. Die Herrschaften versammelten sich bevorzugt in der Turf-Lounge, kleine Gesellschaften an den reservierten Tischen, gerne mal jemand von Werder oder Vertreter aus der Wirtschaft. Die sprichwörtlichen Damen mit Hut, wie man sie zum Beispiel auf der Rennbahn in Ascot erlebt, sah man dort nur selten. Etwas feiner ging‘s zu, distinguiert, aber keine Spur von Großspurigkeit.

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Macht man sich heute auf zur Galopprennbahn, ist sie immer noch da, Schilder weisen den Weg, als wäre nie entschieden worden, dass Schluss ist. Und ja, die Bahn gibt es noch, das 2000 Meter lange Geläuf, die mehr als 100 Jahre alte Holztribüne, der viergeschossige Turm daneben, in dem die Rennleitung saß. Ein rund 30 Hektar großes Gelände im Ganzen, mit dem Golfplatz in der Mitte und dem Atlantic-Hotel am Rand. Vieles in dem Vier-Sterne-Haus hebt auf den Galopprennsport ab, das Restaurant heißt Derby und bietet die Vorspeisen als Aufgalopp an, die Hauptgerichte als Hauptrennen und die Desserts als Zieleinlauf. „Wir gehen mit Ihnen über die volle Distanz!“, verspricht der Küchenchef auf der Homepage des Hotels.

Die Bahn und das Drumherum existieren also noch. Insofern ist gegen die Hinweisschilder an den Straßen nichts zu sagen, sie haben ihre Berechtigung. Nur dass die Bahn keine Rennbahn mehr ist, und wohl auch nie wieder eine sein wird. Die Stadt will auf der Fläche 1200 Wohnungen bauen, deswegen hat sie dem Rennverein gekündigt und den Golfclub für knapp vier Millionen Euro aus seinem langjährigen Pachtvertrag herausgekauft.

Volksentscheid könnte Bebauung verhindern

Es gibt am 26. Mai, dem Tag der Wahlen in Bremen, wenn über Europa, die Bürgerschaft und die Beiräte abgestimmt wird, zwar einen Volksentscheid, der die geplante Bebauung noch verhindern könnte. Mit der Frage, ob irgendwann wieder die Pferde laufen, hat das aber nichts zu tun. Sollte die Stadt mit ihrem Bauprojekt scheitern, dürfte sie mit der Fläche machen, was sie will, nur eben keinen Beton draufschütten. Von der Option, in so einem Fall die Rennbahn wiederzubeleben, war bisher nie die Rede.

Die Startmaschine ist weg, verkauft. Eigentümer war die Wirtschaftsförderung Bremen, nicht der Rennverein. Das Gerät wird jetzt in Berlin eingesetzt, auf der Rennbahn Hoppegarten. Dass die Freunde des Pferdesports beim Rennbahngelände trotz dieser negativen Vorzeichen noch nicht aufgegeben haben oder mindestens der Stadt in die Suppe spucken wollen, beweisen die Zuwendungen für die Bürgerinitiative, die sich mit Vehemenz gegen die Bebauung wehrt und den Volksentscheid erzwungen hat. Dem Vernehmen nach sollen aus der Turf-Szene bis zu 20 000 Euro kommen, um die Arbeit der Initiative zu unterstützen.

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Ein Beispiel ist die Spende des Deutschen Trainer- und Jockeyverbandes – 2000 Euro, um Flyer zu drucken, sie austragen zu lassen oder in den Zeitungen Anzeigen zu schalten. Die Scheckübergabe fand auf dem Gestüt Fährhof in Sottrum statt. Mitglieder der Bürgerinitiative und des Bremer Rennvereins waren dort zum Grünkohlessen eingeladen.

Laufen könnten die Pferde auf der Rennbahn ohne Weiteres wieder. Der Rasen verträgt zwar mal wieder einen Schnitt, taugt im Prinzip aber noch. Die Außenanlagen werden gepflegt, das Grün, der Rasen, die Hecken. Alles andere, die Büros der Rennleitung im Turm, die ehemalige Geschäftsstelle des Rennvereins, der Führring mit seinen zwölf Boxen, die Pavillons und die Tribüne, wird von der Stadt aber mehr oder weniger sich selbst überlassen und macht teilweise einen traurigen Eindruck. Was von den Menschen nicht mehr benutzt wird, erobert sich die Natur zurück. In diesem Fall sind es Tauben. Vorsicht, Kot!

Die Tribüne ist ein Schmuckstück, auch wenn das Holz an vielen Stellen rissig ist und Grünspan angesetzt hat. Der Denkmalpfleger will sich für ihren Erhalt einsetzen. Rennen beobachten wird man von den Plätzen aus aber sicher nicht mehr.

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