Tischgespräch mit Temi Tesfay

Muscheln, Wein und ein Baguette bei F. L. Bodes

Je hässlicher der Fisch, desto besser schmeckt er, lernt Gastro-Kritiker Temi Tesfay bei seinem Besuch bei F.L. Bodes. Fischsommelière Petra Koch-Bodes trumpft auch mit Minimalismus auf.
08.10.2020, 08:46
Lesedauer: 3 Min
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Muscheln, Wein und ein Baguette bei F. L. Bodes
Von Temi Tesfay

Bei ihrem Bruder sei es anders gewesen, erzählt Petra Koch-Bodes. Er sei sofort entschlossen gewesen, am Waller Freihafen das Großhandelsgeschäft zu übernehmen. „Aber ich habe mein Leben lang nein gesagt“, erklärt die 42-Jährige ihre ursprüngliche Abwehr, das Erbe ihrer über 160-jährigen Familiengeschichte anzutreten. Sie wollte nicht in den Fußstapfen ihrer Vorfahren marschieren, sondern eigene Wege gehen.

So fing die gebürtige Bremerin eine Ausbildung als Bürokauffrau an und blieb nach erfolgreichem Abschluss insgesamt zehn Jahre im Beruf. Dass sie letztlich doch im Einzelhandel an der Bischofsnadel landete, könnte man dann wohl als Berufung bezeichnen. Oder als echte Leidenschaft am Umgang mit einem Produkt, dessentwillen sie sich 2017 sogar zur Fischsommelière fortbilden ließ. „Wenn Leute zurückkommen und sagen, das war toll, ist es eine andere Erfüllung, als eine Ablage abzuarbeiten“, erklärt sie ihre Zufriedenheit.

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Dass es toll war, hätte ich auch gerne von unserem Hallig Frühstück (7,50 Euro) behauptet. Aber leider ist mir der Gaumen gebunden. Und ich kann den jeden zweiten Donnerstag angebotenen Klassiker Nordfrieslands nicht mehr als das nennen, was ich probiere: eine Bratkartoffel-Ei-Variante mit Nordseekrabben. Gewiss „eine nette Kombination“, wie Koch-Bodes juriert, doch neben Salz fehlt mir mindestens ein frisches Säure-Element. Als ich es meiner Gastgeberin sage, nimmt sie es immerhin konstruktiv auf: „Stimmt. Beim nächsten Mal gibts ein Gürkchen dazu.“

Probiert und empfohlen: Dass die Wirtin Gerichte gern „puristisch“ serviert, glaube ich ihr nach dem zweiten Tagesgericht aufs Wort (9,90 Euro). Nicht der entfernteste Ansatz eines Versuches ist zu erkennen, die Weißfläche des Tellers durch fein zerstreute Petersilie oder Zitronenscheiben zumindest alibihaft zu garnieren. Links Seeteufel, rechts Ofengemüse, das genügt. Ich muss gestehen, grundsätzlich ein Freund eines so selbstbewusst vertretenen Minimalismus zu sein.

Wenn denn die Qualität mitspielt. Und die kann sich beim tagesfrisch vom benachbarten Domshof-Markt bezogenen Allerlei aus Kürbis, Sellerie, Zucchini und Roter Beete absolut schmecken lassen. Was zusammen so aussieht wie Herbstlaub und farblich ein schönes Kolorit zum weißen Fleisch liefert, trumpft geschmacklich schön erdig und gehaltvoll auf.

Zum Fisch: „Je hässlicher, desto besser schmeckt er“, erklärt Koch-Bodes vorweg, weshalb der Seeteufel ihr Liebling sei. Und ergänzt: „Ich mag das feste, unkaputtbare Fleisch.“ Da bin ich wohl vom anderen Geschmacksufer. Handwerklich kann man zwar nichts aussetzen – der Seeteufel ist makellos. Da ich generell jedoch fettreichen Fisch bevorzuge, am liebsten mit Haut oder im Ganzen zubereitet, ist mir das magere Fleisch persönlich zu dezent.

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Ganz anders diese Muscheln nach rheinischer Art (9,90 Euro). „Wir reden uns immer wieder an der Theke den Wolf, dass man bei der Zubereitung kein Wasser benutzen soll“, erklärt die Expertin das Erfolgsgeheimnis. Der Sud, der beim Andünsten der Muschel entsteht, reiche nämlich völlig aus, um diese zusammen mit Zwiebeln, Lorbeeren, Pfefferkörnern und Zitrone zum Kochen zu bringen. „So mag Uwe das“, fährt sie fort und notiert, dass ihr Bruder sich den Sud des Topfes stets in ein Glas abschöpft und trinkt.

Das muss ich natürlich probieren. Wohl wahr: was für ein konzentrierter Muschel-Geschmack! Ein Glück für Liebhaber wie mich – und Pech für Menschen wie Koch-Bodes: sie kann die Schalentiere einfach nicht ab. Was sie nicht daran hindert, der theoretischen Mahlpraxis des Muschel-Essens eine positive Wirkung auf die Esskultur abzugewinnen. „Ich glaube, was das auch so sympathisch macht, ist, dass man langsam essen muss. Muscheln sind ein geselliges Gericht. Dazu gehört die Flasche Wein, einfaches Baguette und der Abend ist gerettet.“ Weise Worte. Aber von einer Fisch-Philosophin erwarte ich auch nichts anderes.

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F. L. Bodes Einzelhandel, Bischofsnadel 1-2, 28195 Bremen. Telefon: 0421/324144. Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag von 9.00 bis 17.00 Uhr, Freitag von 8.00 bis 17.00 Uhr, Samstag von 8.00 bis 14.00 Uhr, Sonntag und Montag geschlossen. www.bodes.de . Barrierefrei

Info

Zur Person

Temi Tesfay hat Hunger auf Bremen. Auf seinen wöchent­lichen Streifzügen durch die heimische Gastroszene hat er schon viele Küchen, Köche und ­kulinarische Schätze der Stadt kennengelernt. Unter dem Titel „Ein Bisschen Bremen“ schreibt er außerdem einen Foodblog.

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