Inhabergeführte Läden Bremer Geschäfte im Kampf gegen große Ketten

Nur noch zehn Prozent der Geschäfte in der Bremer Innenstadt werden von Inhabern geführt. Eines davon ist das Schuhhaus Meineke, das mit seinen fünf Filialen im September 125 Jahre Familientradition feiert.
27.08.2016, 00:00
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Bremer Geschäfte im Kampf gegen große Ketten
Von Kristin Hermann

Nur noch zehn Prozent der Geschäfte in der Bremer Innenstadt werden von Inhabern geführt. Eines davon ist das Schuhhaus Meineke, das mit seinen fünf Filialen im September 125 Jahre Familientradition feiert.

Eigentlich sollte man seinem Gegenüber beim ersten Kennenlernen in die Augen blicken. Bei Familie Petry ist das anders. Die schauen einem direkt auf die Füße. „Geht nicht anders, tut uns leid“, sagen sie und lachen. Ein kurzes Scannen reicht, dann wissen sie Bescheid, wie es um die Qualität der Fußbekleidung bestellt ist. Sie tun das schon ihr ganzes Leben, über Generationen hinweg – es ist ihr Job den richtigen Schuh für ihre Käufer zu finden. Anfang September feiern die Inhaber von Schuhhaus Meineke mit ihren fünf Geschäften in Bremen 125-jähriges Jubiläum.

Die bekannteste Filiale der Familie steht in der Sögestraße. Dort und in der Obernstraße gibt es nur noch wenige, die ihr Geschäft so führen, wie die Petrys. Die beiden Haupteinkaufsstraßen werden von Modeketten dominiert, wie es sie in vielen anderen Großstädten gibt. Nach Angaben der Bremer City-Initiative werden nur noch etwa zehn Prozent der Läden in diesem Bereich von Inhabern geführt.

Ein Trend, den der Handelsverband Nordwest in allen deutschen Städten verzeichnet. „Der Onlinehandel verschärft den Wettbewerb seit zehn Jahren“, sagt dessen Geschäftsführer Jan König. Aber auch der demografische Wandel sei schuld daran, dass es weniger Fachgeschäfte gebe. In Bremen gehe man bis 2020 von einem Umsatzrückgang im stationären Handel von bis zu 15 Prozent aus.

Kunden schätzen gute Beratung

Dass Petrys es trotzdem über all die Jahre hinweg geschafft haben, darauf sind sie schon ein bisschen stolz. Anders als andere Kollegen versuchen sie nicht, ihre Schuhe auch im Internet zu verkaufen. „Gegen Zalando und Amazon haben wir keine Chance“, sagt Tochter Martina Petry. Stattdessen setzen sie in ihrem Geschäft auf intensive Kundenberatung und auf Schuhe, für die man im Netz nur bedingt Beratung bekommt. Eine Abteilung im Laden steht voller Funktionsschuhe – dazu zählen Modelle mit speziellen Einlagen oder Sohlen.

„Das ist unsere Nische“, sagt Karin Petry. Sie und ihre Tochter suchen aber nicht nur solche Modelle für die Kunden aus, auch moderne Exemplare und feine italienische Schuhe gibt es im Laden der Familie. In solch einer Vorauswahl des Angebots liege ein Vorteil gegenüber des unbegrenzten Angebots von großen Filialen oder Internetshops, sagt Jan-Peter Halves von der City-Initiative. „Niemand will sich in 100 Hosen kämpfen, sondern die richtige Ware angeboten bekommen.“ Bei den Kunden käme das an, sagt die Familie. Einige kommen ganz bewusst immer wieder, weil sie die Beratung im Laden schätzen.

So wie dem Schuhhaus ist es einigen Geschäften in der Bremer Innenstadt nicht gelungen, sich den Herausforderungen des veränderten Marktes zu stellen. „Wir gehören zu den letzten unserer Art“, sagt Martina Petry. Zu denen zählt sie unter anderem auch das Café Knigge, oder die Modehäuser Ristedt und Stiesing. Die Familie beobachtet diese Entwicklung mit Bedauern. „Viele Traditionshäuser haben Probleme einen Nachfolger zu finden“, sagt Klaus Petry. Anderen Einzelhändlern sei die Miete zu hoch oder der Kampf gegen große Ketten zu anstrengend. Sie selbst hätten Glück, dass ihr Vermieter selbst ein Geschäft habe. „Da hat man ein anderes Verständnis für Mieten“, sagt Klaus Petry.

"Viele Familienunternehmen haben geschlossen"

„Viele Familienunternehmen haben geschlossen“, sagt Jens Ristedt vom gleichnamigen Modehaus. „Man denke nur an H.W. Meyer, Scheer, Thäte oder Dyckhoff.“ Tradition sieht der Geschäftsführer nicht als Hindernis, sondern als Wert. „Solche Geschäfte machen die Innenstädte erst spannend“, sagt er. Um die Qualität der Innenstadt zu verbessern, müsse man allerdings weiterhin darin arbeiten, dass die Wegeverbindungen zu den einzelnen Einkaufsgebieten werden. „Ich bin gespannt, wie es mit dem Lloydhof im Ansgari-Quartier weitergeht“, sagt Ristedt. Vor dem Hintergrund des Scheiterns des City-Centers sei es wichtig, dem Standort eine langfristige Perspektive zu geben.

Auch Vermieter müssten sich weiter öffnen, um mehr Leben in die Innenstadt zu bringen, sagt Jens Lütjen, Geschäftsführer von Robert C. Spies Immobilien. Dazu gehöre auch, dass man flexiblere Mietverträge als früher eingehe und nicht mehr auf langjährige Verträge bestehe. „Es gibt immer mehr Pop-up-Geschäfte“, sagt Lütjen.

"Viel Bewegung in der Innenstadt"

„Die verschwinden nach einer gewissen Zeit wieder, aber das muss nichts schlechtes bedeuten.“ Und sie könnten individuellere Geschäfte für die City bedeuten. Das sieht auch Martina Petry so. „Momentan ist viel Bewegung in der Innenstadt“, sagt sie. Von der geplanten Manufactum-Erföffnung in einigen Wochen und der neuen Markthalle erhofft sie sich neue Kunden, die auch in die Sögestraße spazieren.

Obwohl ihre Tochter längst übernommen hat, können sich Karin und Klaus Petry nicht von dem Geschäft verabschieden. „Wir arbeiten eigentlich noch mehr als früher“, sagt Karin Petry und lacht. Es mache einfach zu viel Spaß. Eine Regel hat die 65-Jährige übrigens nie gebrochen:„Ich habe noch nie ein anderes Paar Schuhe, als aus unserem Laden besessen“, sagt sie. „Das ist Tabu.“

Beteiligung im Internet Nach dem Scheitern der bisherigen City-Center-Planungen hat der SPD Ortsverein Altstadt-Mitte eine digitale Befragung zu einzelnen Themen der Innenstadtentwicklung online gestellt. Unter www.bremen-mitte-gestalten.de können Bürger bis zum 15. Oktober Ideen formulieren, was sie sich für den Entwicklungsprozess wünschen. Die Ergebnisse will der Ortsverein im Herbst präsentieren.
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