Kontrolle in der Corona-Pandemie verloren?

Gesundheitsbehörde verwirrt mit unvollständiger Grafik

Glaubt man einer Grafik der Gesundheitsbehörde, hat Bremen die Kontrolle über die Corona-Pandemie verloren. Die verarbeiteten Zahlen sind aber nicht aktuell. Unglücklich, sagt die Behörde.
23.10.2020, 12:29
Lesedauer: 2 Min
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Gesundheitsbehörde verwirrt mit unvollständiger Grafik
Von Jürgen Hinrichs

Eine Grafik der Gesundheitsbehörde zu den Infektionswegen des Coronavirus in Bremen hat für Verwirrung gesorgt. Beim größten Teil der Coronafälle aus dem Monat September konnte demnach bis heute nicht ermittelt werden, wer sich bei wem angesteckt hat. Das Gleiche gilt für die ersten beiden Wochen im Oktober. Die Darstellung ist Teil eines internen Kurzberichts von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Er trägt das Datum vom 17. Oktober.

Die Behörde bestätigt den Inhalt der Grafik, verweist aber darauf, dass er auf einer unvollständigen Datenbasis fußt. Es sei unglücklich, dass deshalb der Eindruck entstanden sei, Bremen verliere die Kontrolle über die Pandemie, erklärt Ressortsprecher Lukas Fuhrmann. Die Zahlen stammten vom Robert-Koch-Institut und entsprächen nicht dem aktuellen Stand. „Wir sind gerade dabei, das umzustellen und auf unsere eigene Datenbank zurückzugreifen. Solange das nicht der Fall ist, soll vorerst keine weitere Grafik zu den Infektionswegen in Umlauf gebracht werden“, sagt Fuhrmann weiter.

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Im Bericht mit dem Titel „Lagebild SARS-CoV-2“ sind im vierten Kapitel Skalen mit den Infektionsherden abgebildet. Im April waren es zum Beispiel hauptsächlich Personen, mit denen es einen unmittelbaren Kontakt gab. Im August überwog die Zahl derjenigen, die das Virus von einer Reise mitgebracht hatten. Eine weitere Kategorie taucht erstmals im September auf. Sie heißt „in Recherche“. Das sind solche Fälle, bei denen die Infektionswege noch unklar sind. Dies entspreche aber schon nicht mehr dem aktuellen Stand, versichert die Behörde.

Fuhrmann schlüsselt die Zahlen für Oktober auf und nimmt das als Beweis, dass sein Ressort bei der Ermittlung der Infektionswege sehr wohl weiterhin am Ball sei. Bis zum 20. Oktober habe es mehr als 1200 gemeldete Infizierte gegeben. Bei der Hälfte sei nicht klar, wo sie sich angesteckt habe. Anders beim Rest. „Wir haben als Stichprobe 324 Fälle genommen und sie exemplarisch analysiert“, sagt der Behördensprecher. Das Ergebnis: Zu 30 Prozent waren Familienangehörige die Quelle der Infektion. Zu 25 Prozent lag der Herd im beruflichen oder schulischen Bereich. Neun Prozent entfallen auf den Freundeskreis. Sechs Prozent auf Pflegeeinrichtungen. Die übrige Menge verteilt sich laut Fuhrmann auf Reiserückkehrer, den Sport, private Feiern und anderes.

Die Arbeit der Nachverfolgung sei im Vergleich zum Anfang der Pandemie deutlich schwieriger geworden. Seien es zunächst zwei, später fünf Kontakte gewesen, die von den Behörden recherchiert werden mussten, liege die Zahl heute bei elf Kontakten pro Infiziertem. Um dem Herr zu werden, sei die Gesundheitsbehörde wiederholt personell verstärkt worden, zuletzt mit Bundeswehrsoldaten. „Die Nachverfolgung der Infektionswege bleibt Hauptbestandteil der Pandemiebekämpfung“, betont Fuhrmann.

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Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer sieht keinen anderen Weg als den der Behörde: „Machen wir es nicht mehr, gibt es den Lockdown.“ Kritik äußert Dotzauer an der Umsetzung: „Die Regeln müssen klar sein, sie sind es aber nicht.“ Er könne zum Beispiel nicht verstehen, dass bei einer Ansteckung am Arbeitsplatz die unmittelbaren Kollegen in Quarantäne geschickt würden, die Familienangehörigen des Infizierten aber nicht. „Da läuft was schief.“

Schief gelaufen ist es allemal mit der Grafik auf Basis unvollständiger Zahlen. Dotzauer ist nach eigenem Bekunden einigermaßen fassungslos, als er von dem Vorgang erfährt: „Maßgabe war von Anfang an, die Bevölkerung nicht zu verunsichern, und dann passiert so etwas.“ Die Behörden dürften sich nicht wundern, wenn sie hinterfragt würden: „Ein gesundes Misstrauen ist angebracht.“

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