Gesundheitssenatorin Bernhard im Interview

„Wir haben das Beste daraus gemacht“

Seit Freitag ist in Bremen jeder vierte Bürger gegen Corona geimpft. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard bescheinigt ihrer Behörde, das Beste aus der schwankenden Impfstoffversorgung gemacht zu haben.
25.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir haben das Beste daraus gemacht“
Von Timo Thalmann

Am Freitag haben die Corona-Impfungen in Bremen die 25-Prozent Quote erreicht. Jeder vierte Bremer hat damit mindestens eine Erstimpfung. Wenn es mit dem aktuellen Tempo weitergeht, ist theoretisch in knapp 100 Tagen jeder geimpft. Also alles richtig gemacht, Frau Bernhard?

Claudia Bernhard: Ich würde sagen, wir haben aus der jeweiligen Situation immer das Beste gemacht. Die Corona-Impfungen bedeuten seit dem Beginn am 27. Dezember eine Mangelverwaltung von Beginn an. Alles steht und fällt mit der Menge des gelieferten Impfstoffes und darauf haben wir als Bundesland einfach keinen Einfluss. Unsere Verantwortung war der Aufbau eines Impfzentrums und die Organisation des Impfprozesses und dabei haben wir nach meiner Ansicht ziemlich viel richtig gemacht.

Was denn zum Beispiel?

Wir haben etwa bewusst eine eigene Terminvergabe und Hotline aufgebaut und sind dafür nicht an die zentrale Nummer der Kassenärztlichen Vereinigung angedockt. Das war nicht zuletzt dank der Initiative „Bremen impft“ aus der Privatwirtschaft möglich. Auch die Entscheidung, ein großes zentrales Impfzentrum aufzubauen, dass in jedem Fall alle notwendigen Kapazitäten bereit hält, war richtig. Ich bedaure es, dass wir durch die ständig begrenzten Impfstoffmengen diese Kapazitäten nie ausspielen konnten. Auch der Einstieg der Hausärzte in die Impfungen hat für die Bremer Verhältnisse meines Erachtens einfach zwei bis drei Wochen zu früh stattgefunden. Die in den ersten zwei Wochen über die niedergelassenen Ärzte verabreichten rund 16.000 Impfungen hätten das Impfzentrum nicht überlastet.

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Und wo hatten Sie einfach Glück, dass sich die Dinge ohne Ihr Zutun gefügt haben?

Glück ist hier keine Kategorie. Wir profitieren sicher von den überschaubaren Rahmenbedingungen eines Stadtstaates. Das macht uns ein gutes Impfmanagement vielleicht leichter, als in einem Flächenland. Dazu zählt etwa die Fähigkeit, die Schwankungen der Liefermengen aufzufangen. Auch auf das Hin-und-Her bei Astra-Zeneca, die mehrmals veränderten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission und die jeweils geltenden Impfverordnungen konnten wir flexibel reagieren. So haben wir es geschafft, immer fast alles zu verimpfen, was zur Verfügung stand. Diese Quote liegt in Bremen regelmäßig bei über 90 Prozent. Hier sind weder Impfdosen verfallen noch gebunkert worden.

In jüngster Zeit gibt es vermehrt Berichte von Menschen, die Impfungen mit Astra-Zeneca ablehnen und Termine verfallen lassen. Bremst das bereits den Impffortschritt?

Auch bei Astra-Zeneca konnten wir bislang weit über 90 Prozent der Liefermengen verimpfen. Der Anteil vereinbarter, aber nicht wahrgenommener Termine im Impfzentrum liegt unter einem Prozent, ganz unabhängig vom Impfstoff. Was anderes ist die Zahl derjenigen, die eine Impfung mit Astra-Zeneca angeboten bekommen und dann gar nicht erst einen Termin machen. Das könnte ein wachsendes Problem werden, dem wir nur mit verstärkter Aufklärung begegnen können. Wenn sich dennoch abzeichnet, dass Impfdosen ungenutzt bleiben, wird man tatsächlich überlegen müssen, die Impfprioritäten neu zu interpretieren.

In vier Bundesländern wurde der Impfstoff bereits für jedermann frei gegeben.

Denkbar wäre ja auch eine Variante, bei der der Impfstoff nicht komplett freigegeben wird, sondern erst einmal für weitere priorisierte Gruppen. Das wird man aber in jedem Fall gut vorbereiten und kommunizieren müssen, sonst gibt es wieder viel Unmut.

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Wie geht es überhaupt weiter mit den Impfungen? Die Hausärzte haben jetzt sämtliche Vorerkrankte übernommen, die die Impfverordnung aufzählt. Was verbleibt im Impfzentrum?

Wir prüfen derzeit, wie die Impf-Berechtigten erreicht werden, die in sogenannten kritischen Infrastrukturen arbeiten, die also weder wegen Vorerkrankungen noch aufgrund des Alters in Frage kommen. Und außerdem wird es auch mit den Hausärzten Menschen geben, die durchs Raster fallen: Kontaktpersonen etwa, die theoretisch eine Impfberechtigung haben, aber keinen Hausarzt. Da sehe ich den Staat weiterhin in der Verantwortung, sich darum zu kümmern. Reguläre Verfahren haben wir dafür derzeit nicht. Momentan suchen wir individuelle Lösungen, wenn sich Betroffene bei uns melden. Aber das ist ein Notbehelf.

Das zentrale Impfzentrum wird uns also dauerhaft erhalten bleiben?

Sehr wahrscheinlich nicht in der jetzigen Größenordnung, aber prinzipiell vermutlich schon, mindestens bis Ende September. Bis dahin beteiligt sich der Bund an den Kosten. Für den Standort in Vegesack sehe ich realistischerweise nach dem 30. Juni keine Zukunft. Dann dürften die Impfungen aber auch schon so weit fortgeschritten sein, dass dieser Bedarf entfällt und die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte auch in Bremen-Nord flächendeckend impfen

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Ich betone das Wort „dauerhaft“ in der Frage. Das zielt darauf ab, auf was wir uns langfristig in Sachen Pandemien einstellen müssen.

Das ist eine wirklich große Frage. Ich weiß nicht, ob wir jetzt die Infrastrukturen im Gesundheitswesen haben, die wir langfristig brauchen. Im Moment haben wir zum Beispiel im Gesundheitsamt viel zusätzliches Personal, das aus anderen Behörden abgezogen wurde. Das wird nicht dauerhaft so funktionieren, andererseits werden wir die Kontaktverfolgung von Infektionen noch länger aufrecht erhalten müssen, auch noch im kommenden Jahr. Wir brauchen sicherlich mehr Vorratshaltung bei Masken und Schutzkleidung. Krankenhäuser wird man langfristig anders planen müssen, um ad-hoc bei Bedarf Quarantäne-Stationen und Intensivplätze zu errichten. Der Mangel an Pflegekräften kommt als Aufgabe hinzu. Eine Gesellschaft, die sich dauerhaft darauf einstellt, mit Pandemien umgehen zu müssen, wird aber nicht nur im Gesundheitswesen ein paar Stellschrauben drehen müssen. Das wird ein völlig anderes Zusammenleben sein und es ist noch lange nicht ausgehandelt, wie das aussieht.

Das Gespräch führte Timo Thalmann.

Info

Zur Person

Claudia Bernhard (60) ist seit August 2019 Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz in Bremen. Die Linken-Politikerin war von 2011 bis 2019 Abgeordnete der Bürgerschaft.

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