Interview mit Claudia Bernhard

„Es gibt keine Schuldigen“

Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard über die Ursachen der steigenden Zahl von Corona-Infektionen und die Perspektiven für Herbst und Winter.
15.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es gibt keine Schuldigen“
Von Timo Thalmann
„Es gibt keine Schuldigen“

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt nicht nur, weil mehr getestet wird als im Frühjahr.

Oliver Berg

Die Grenze von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen wurde unter anderem mit der Möglichkeit der Gesundheitsämter begründet, bis zu diesem Wert die Kontaktketten der Infizierten noch zurückverfolgen zu können. Jetzt sind wir in Bremen seit Tagen über diesem Wert. Hat das Gesundheitsamt die Kontrolle verloren?

Claudia Bernhard: Nein, das nicht, aber es ist tatsächlich schwierig geworden. Das liegt auch daran, dass sich viele Betroffene schwertun, ihre Kontakte aus den Tagen zuvor korrekt und realistisch zu nennen. Dazu kommen falsche Aufzeichnungen. Wir mussten neulich bei der Gästeliste einer Kneipe im Viertel feststellen, dass nicht eine einzige Telefonnummer korrekt war. Ich möchte darum in aller Deutlichkeit sagen, wir stehen an einem Scheideweg, was die Bekämpfung von Corona angeht. Es kommt wirklich darauf an, dass sich jeder Einzelne vernünftig verhält und die Arbeit der Gesundheitsbehörden nicht noch zusätzlich erschwert.

Warum steigen die Zahlen in Bremen jetzt so plötzlich wieder an?

Dafür gibt es nicht die eine Ursache. Anders als im Frühjahr haben wir keine Cluster und keine Hotspots, die eine Vielzahl von Infektionen ausgelöst haben. Inzwischen findet das Leben insgesamt wieder vermehrt in geschlossenen Räumen statt, die Menschen kommen überall wieder in Kontakt. Darum kann es auch nicht die eine Gegenmaßnahme geben. Was wir sehen, sind allenfalls Häufungen von Infektionen im Zusammenhang mit Kneipenbesuchen, private Partys und Familienfeiern.

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Das heißt, die Feierenden haben eher Schuld am erhöhten Infektionsgeschehen als zum Beispiel die Reiserückkehrer?

Schuldzuweisungen an einzelne Gruppen bringen uns überhaupt nicht weiter. Es ist aus meiner Sicht eine fatale Tendenz, irgendwie einen Schuldigen zu suchen, gegen den sich dann auch gezielt die Maßnahmen in den Corona-Verordnungen richten müssen. Das Virus ist überall in der Bevölkerung vorhanden und es nutzt alle Gelegenheiten, um sich auszubreiten. Es geht also immer darum, diese Gelegenheiten so klein wie möglich zu halten. Um das zu erreichen, sollte man sicherlich auf die eine oder andere Feier verzichten. Aber auch Alltagsmaske, das Händewaschen und die Abstandsregel reduzieren die Verbreitungsmöglichkeit.

Die Verpflichtung, das Tragen von Alltagsmasken auch auf öffentliche Räume mit vielen Menschen auszudehnen, wurde vorige Woche prominent angekündigt. Aber bislang beschränkt sich das auf die Wochenmärkte und den Bahnhofsplatz. Wann kommt die Maskenpflicht in der Sögestraße?

Technisch gesehen ist es Sache des Innenressorts und des Ordnungsamtes, hier die genauen Orte festzulegen. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist die Maske immer sinnvoll, wenn das Abstandsgebot nicht mehr einzuhalten ist. Jeder kennt das doch aus eigener Erfahrung: Man ist in der Stadt unterwegs – und plötzlich wird es eng. Ich plädiere sehr dafür, hier aus eigener Verantwortung zur Maske zu greifen. Eine Maskenpflicht zum Beispiel in der Sögestraße ist epidemiologisch zu Stoßzeiten mit Sicherheit sinnvoll. Außerdem denke ich, das hätte eine wichtige Signalwirkung: Corona ist immer noch da und immer noch ernst zu nehmen. Wir brauchen solche Signale der Solidarität.

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Weil die Bevölkerung der Pandemie müde geworden ist?

Wir sind als Politik auf Kooperation und Einsicht angewiesen. Es nützt ja nichts, immer mehr Regeln zu erlassen, an die sich dann höchst unwillig oder gar nicht gehalten wird. Wir können auch nicht überall Ordnungshüter platzieren und Bußgelder verteilen.

Was können sie tun, um die Menschen bei der Stange zu halten?

Wir sind in dieser Hinsicht manchmal machtloser als viele glauben. Ich kann für die Ressourcen im Gesundheitsamt sorgen, für die Ausstattung des Gesundheitswesens, aber wie soll ich die Einsicht von Menschen erzwingen? Ich kann nur aufklären, dass Corona immer noch ernst zu nehmen ist. Wir haben zum Beispiel derzeit zwar viele Infektionen, aber nur wenige schwere Verläufe, weshalb die ersten schon Entwarnung ausgeben möchten. Das Virus ist aber nicht harmloser geworden, sondern momentan stecken sich vor allem junge Menschen an, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs gering ist. Zugleich sehen wir erste Hinweise, dass durch die Ausbreitung der Infektionen unter den Jungen inzwischen auch ältere Gruppen in Bremen stärker betroffen sind. Das bedeutet aber, schon bald wird auch die Zahl der schweren Verläufe steigen, wenn es uns nicht gelingt, die Bevölkerung von den Regeln zu überzeugen. Über solche Zusammenhänge kann ich aufklären und an die Einsicht appellieren. Und ich kann auch die Perspektive geben, dass wir nicht die nächsten fünf oder zehn Jahre mit diesen Einschränkungen leben müssen. Wir können warnen, werben, für Ressourcen sorgen und aufklären.

Zumindest für den anstehenden Herbst und Winter ist die Perspektive jetzt aber eher düster. Schließen Sie einen zweiten Lockdown mit Schul- und Geschäftsschließungen aus?

Ich schließe gar nichts aus, aber alle unsere Bemühungen sollen genau das verhindern. Dafür kann es sein, dass wir auf lieb gewordene Dinge wie den Weihnachtsmarkt vielleicht verzichten müssen. Dafür kann es sein, dass Gastronomie, Sport und Veranstalter weiter mit Einschränkungen leben müssen. Ich kann nur sagen, das ist nicht von Dauer. Auch wenn wir mit Corona vermutlich einen Zyklus mit allen Jahreszeiten durchlaufen müssen.

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Das Problem ist, dass die Geschäfte, die diesen Jahreszyklus nicht überleben, nicht wieder kommen – auch wenn Corona mal weg ist.

Und das ist wirklich bitter, weil die Betroffenen sehr wenig dafür können.

Was wird von Corona bleiben, im Guten wie im Schlechten?

Wir werden sehr darauf achten müssen, dass von den Einschränkungen und Eingriffen in das Leben der Menschen möglichst wenig bleibt. Die Versuchung, vorübergehend beschlossene Maßnahmen dauerhaft zu etablieren, ist immer groß. Andererseits wurde uns sehr anschaulich vorgeführt, welche Bedeutung der öffentliche Gesundheitsdienst hat. Der Ausbau auch mit neuen Stellen im Zuge der Pandemie sollte wiederum tatsächlich dauerhaft wirken.

Info

Zur Person

Claudia Bernhard (59) ist seit August 2019 Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz in Bremen. Die Linken-Politikerin war von 2011 bis 2019 Abgeordnete der Bürgerschaft.

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