Skepsis bei Bremer Gewerkschaftsvertretern

Gewerkschaften kritisieren geplanten Regelschulbetrieb

Ein Gewerkschafts-Chef nennt die Rückkehr zum Regelschulbetrieb „eine Illusion“ - dies sei wegen fehlender Lehrer gar nicht umsetzbar. In Bremen macht die GEW einen eigenen Vorschlag für das neue Schuljahr.
05.08.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Gewerkschaften kritisieren geplanten Regelschulbetrieb
Von Sara Sundermann
Gewerkschaften kritisieren geplanten Regelschulbetrieb

In Mecklenburg-­Vorpommern startete die Schule am Montag zunächst wie gewohnt (Foto). Auch Bremen plant mit einem regulären Schulbetrieb.

Jens Büttner

Ein Normalbetrieb an deutschen Schulen nach den Sommerferien – das ist für den Chef der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) „eine Illusion“. „Es wird keinen flächendeckenden, vollumfänglichen Regelschulbetrieb wie vor Corona geben“, sagte Udo Beckmann im Interview mit der „Welt“. Diese Illusion gehe auf das Konto der Politik, sei aber selbst bei niedrigem Infektionsgeschehen nicht umsetzbar. Dafür fehle es an Personal: Schon vor Corona hätten Lehrer gefehlt, nun würden je nach Bundesland zwischen fünf und 15 Prozent Lehrer zusätzlich ausfallen, weil diese zur Risikogruppe gehören.

In Bremen fehlen laut einer Erhebung der Behörde von Juni etwa zehn Prozent der Lehrkräfte für den Präsenzunterricht, weil sie zur Risikogruppe gehören. Ebenfalls kritisch äußerte sich die Bundesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe: “Die Schulöffnungen stellen ein hohes Risiko dar”, sagte Tepe der “Passauer Neuen Presse”. Allerdings sei es “grundsätzlich” gut, dass es wieder losgehe, Bildung sei ein hohes Gut. Dennoch gerieten die Schulen beim Start im Regelbetrieb in eine schwierige Situation.

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Auch Bremer Gewerkschaftsvertreter blicken mit Skepsis auf die Pläne für das neue Schuljahr. In Bremen soll nach dem Willen des Bildungsressorts „ein möglichst regulärer Schulbetrieb gewährleistet werden“. Dazu gehöre: Lernen in normaler Klassengröße, Unterricht in allen Fächern und bisher der Verzicht auf eine behördlich verordnete Maskenpflicht. Zugleich sollen aber Hygienepläne weiterhin gelten und Schülerinnen und Schüler möglichst nur Kontakt zueinander in ihrer festen Lerngruppe haben, also zum Beispiel in ihrer Klasse oder ihrem Jahrgang.

„Das wird so nicht funktionieren“, sagte Heiko Frerichs, Bremer Landesvorsitzender der Gewerkschaft VBE. Es sei „illusorisch“, dass Schüler den Abstand einhielten: „Das hat schon vor den Sommerferien nicht funktioniert, das kann nicht funktionieren“, glaubt er. „Ich befürchte, es wird zu einer endlosen Folge neuer Anordnungen für den Schulbetrieb kommen.“ Wenn die Zahl der Infektionen steige, werde es neue Verordnungen geben.“ Normalen Unterricht wie vor der Pandemie wird es nicht geben“, so Frerichs. Er räumte aber ein: „Den Stein der Weisen für Schulen hat noch niemand gefunden.“ Schließlich sei wochenlanger Fernunterricht auch keine gute Lösung. Der VBE gehören in Bremen rund 100 Pädagogen an.

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Deutlich mehr Mitglieder hat die GEW Bremen, die eine konkrete Forderung für den Schulstart erhebt: Bereits vor den Sommerferien hatten GEW-Vertreter und Grundschulleitungen dafür plädiert, den Unterricht in halbierten Klassen fortzusetzen. Nun fordert GEW-Landessprecherin Barbara Schüll, nach den Ferien zumindest einen Monat lang in Halbgruppen zu unterrichten, um niemanden unnötig zu gefährden. „Ich bekomme mit, dass viele Kollegen in den Ferien jetzt doch ihre lang geplanten Auslandsreisen gemacht haben, und auch wer im Inland verreist, erlebt volle Regionalzüge und Gedränge vor Museen.“

Ein Monat Unterricht in Halbgruppen mache möglich, erst einmal zu schauen, wie viele Infektionen Lehrkräfte und Kinder aus den Ferien mitbrächten. „So ist im Moment das Prinzip: Wir machen mal, und wenn die Infektionszahlen steigen, gehen wir wieder auf Distanzunterricht.“ Den Start mit Regelbetrieb und ganzen Klassen hält sie in Bremen zwar mit Unterstützung durch Studierende für machbar, lehnt ihn aber ab.

Für den Vorschlag, halbe Klassen zu unterrichten, müssten Lehrkräfte sogar länger arbeiten, sagte Schüll: „Aber im Bremer Westen gab es bei Lehrern eine hohe Bereitschaft. Viele haben gesagt, ihnen sei es das wert, wenn dadurch alle sicherer sind.“ Zudem könne man in Kleingruppen viel intensiver arbeiten und verpassten Stoff aufholen.

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