Florian Pfeffer im Interview

Bremer Grünen-Chef: Wir wollen mehr Verantwortung

Der neue Parteichef der Bremer Grünen, Florian Pfeffer, erklärt im Interview, warum er für den Posten geeignet ist, was er vorhat und wo er die Grünen in 40 Jahren sieht.
11.01.2020, 19:45
Lesedauer: 7 Min
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Bremer Grünen-Chef: Wir wollen mehr Verantwortung
Von Pascal Faltermann
Bremer Grünen-Chef: Wir wollen mehr Verantwortung

Grünen-Parteichef Florian Pfeffer will in Bremen gerne stärker mit der Wirtschaft ins Gespräch kommen.

Karsten Klama

Florian Pfeffer ist neuer Parteichef der Bremer Grünen. Im Gespräch mit dem WESER-KURIER erzählt er von seiner Rolle als Neuling und gibt eine Einschätzung über die zukünftige Entwicklung der Grünen.

Bei den Wahlen des geschäftsführenden Vorstands der Grünen war Ihr Ergebnis mit 104 von 134 Stimmen am eindeutigsten. Warum bekommt ein Neuling so viele Stimmen?

Florian Pfeffer: Wahrscheinlich, gerade weil ich ein Neuling bin. Das bringt immer etwas Unverbrauchtes mit. Man hat sich in manchen Fragen noch nicht abgekämpft und hat noch keine Gegner. Ich habe den Schritt, mich zur Wahl zu stellen, nicht leichtfertig gemacht. Im Vorfeld habe ich mit sehr, sehr vielen Leuten gesprochen. Auf eine offene Art habe ich versucht, mich auszutauschen, und ich habe mir bei vielen verschiedenen Menschen in der Partei Tipps geholt. Ich glaube, mir kommt zugute, dass ich jemand bin, der auch zuhören kann und einen Rat gerne annimmt. Dadurch konnte ich hoffentlich das Vertrauen erwecken, dass man gut mit mir zusammenarbeiten kann.

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Von außen betrachtet sind Sie in Bremen politisch noch nicht stark in Erscheinung getreten. Warum genau sind Sie für den Posten geeignet?

Es stellt sich immer die Frage, worin man Erfahrung hat. Ich bin am Freitag 50 geworden, habe 25 Jahre lang in Wirtschaft und Kultur gearbeitet. Zwischendurch war ich Hochschullehrer und sechs Jahre Professor in Karlsruhe. Ich habe in den USA und in Amsterdam gelebt und natürlich auch lange hier in Bremen. Das sind alles Erfahrungen, die ich mitbringe und in die Politik einbringen will. Diese Balance kann ein großer Vorteil sein: erfahrene Personen, die eine Sache schon lange machen, und auf der anderen Seite Menschen, die andere, neue Ideen reinbringen, weil sie die Abläufe noch nicht kennen.

Was sind Ihre Ziele?

Ich möchte die Grünen gerne noch weiter öffnen, für Gruppen der Gesellschaft, bei denen wir bisher noch nicht gut vertreten sind und die uns noch nicht viel Vertrauen schenken. Ich kann mir vorstellen, dass es dadurch, dass ich nicht 20 Jahre in der Politik war, für mich vielleicht ein bisschen leichter sein kann, die eine oder andere Tür zu öffnen. Ich möchte die Themen anpacken, mit denen wir im vergangenen Jahr angetreten sind: konsequenter Klimaschutz, eine zeitgemäße Bildung, zukunftsorientiertes Wirtschaften und eine weltoffene Gesellschaft. Gemeinsam mit den Grünen-Mitgliedern möchte ich politische Initiativen anstoßen und noch mehr Menschen für unsere Ziele gewinnen.

Also mit einem frischen Blick auf die Dinge?

Ja, aber der frische Blick ist natürlich immer ein bisschen eine Floskel.

Okay, also unvoreingenommenen?

Genau, das will ich hinbekommen. Ich suche eine konstruktive Auseinandersetzung bei Themen und Zielen und will mich nicht so sehr mit vorgefassten Meinungen beschäftigen. Deswegen will ich das auch jetzt, wo ich das Neue und Frische noch habe, in Angriff nehmen. Denn jede Beschäftigung mit Themen formt einen Menschen und macht aus Neulingen alte Hasen.

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Ihre Vorgänger im Landesvorstand der Grünen waren mit Ralph Saxe oder Hermann Kuhn erfahrene Politiker. Auch wenn Ihre Landesvorstandskollegin Alexandra Werwath schon zwei Jahre dabei ist, steht sie noch am Anfang ihrer politischen Karriere. Sind sie beide im Verbund zu unerfahren?

Alexandra Werwath ist politisch sehr erfahren und wir ergänzen uns ideal. Was meine Person betrifft: In der Arbeit mit Studierenden habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit ihren Herausforderungen wachsen. Hat jemand etwas 20 Jahre gemacht, produziert er Antworten aus seinem Erfahrungsschatz heraus. Das hat selbstverständlich einen Wert, kann aber manchmal auch etwas vorhersehbar sein. Neue Ansätze oder Ideen können in einer Stadt wie Bremen sehr wertvoll sein. Ich glaube nicht, dass es die richtige Antwort ist, einfach alles so weiterzuführen, wie wir es die vergangenen 40 Jahre gemacht haben. Dazu dreht sich die Welt zu schnell weiter.

Sie hatten einen Job und eine Professur, sind zwischen Amsterdam und Bremen gependelt. Wenn viele Dinge nebeneinander laufen, könnte man böswillig sagen, Sie machen alles nur mit halber Kraft.

Wenn das so wäre, hätte all das nicht funktioniert. Meine Biografie spiegelt das moderne Arbeitsleben wider. Bei meiner neuen Tätigkeit im Landesvorstand kommt es mir entgegen, dass ich weiß, wie ich unterschiedliche Tätigkeiten miteinander kombinieren kann.

In einer Partei gibt es viele unterschiedliche Interessen, die Sie bündeln müssen. Vor allem jetzt, wo die Haushaltsberatung anstehen. Da will jeder Politiker möglichst viel Geld für seine Sache haben. Wo wollen Sie die Schwerpunkte setzen?

Wir müssen schauen, was überhaupt möglich ist und Schwerpunkte setzen. Das wird eine ganz, ganz schwierige Kiste. Ich persönlich halte Bildung für eines der wichtigsten Themen, bei dem Geld einfließen muss. Dieser Satz ist eine Binse – nicht nur in Bremen. Aber es hilft ja nichts, man muss es trotzdem immer wieder sagen: Bildung ist der Anfang von jeder Wende zum Besseren.

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Also wird nicht mehr Geld beim Klimaschutz oder für die Infrastruktur benötigt?

Natürlich, aber es ergibt keinen Sinn, alles gegeneinander auszuspielen. Es geht um Themen, die zukunftsrelevant sind. Da gehören Klimaschutz und Infrastruktur in besonderem Maße dazu.

Sie haben vor Ihrer Wahl gesagt, Sie wollen mehr auf die Wirtschaft zugehen. Wie soll das aussehen?

Ich will in Bremen gerne stärker mit der Wirtschaft ins Gespräch kommen, darüber wie ökologischer Wandel und die Digitalisierung in Bremen aussehen können. Mobilität, Logistik oder auch Stahl – das sind alles Branchen, die sich durch Fragen von Ökologisierung, Klimawandel und Digitalisierung von Grund auf verändern werden. Wenn ich die aktuelle Bundesregierung anschaue, habe ich aber oft das Gefühl, dass die Wirtschaft schon viel weiter ist als die Politik. Viele warten nur darauf, dass es endlich mal bessere Rahmenbedingungen gibt, mit denen man loslegen könnte. Ich glaube auch, dass es für die Wirtschaft interessant und produktiv sein könnte, sich gerade mit den Grünen darüber zu unterhalten, weil wir es sind, die die Treiber bei genau diesen Themen sind.

Haben die Grünen den Kontakt zur Wirtschaft in der Vergangenheit vernachlässigt?

Nein, ich glaube vielmehr, dass das ein Prozess ist, den die Grünen ganz allgemein durchmachen. Wir nehmen gerade einen großen Anlauf, um mehr Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir es schaffen wollen auf Bundesebene, von neun bis zwölf Prozent auf über 20 Prozent zu kommen, dann müssen wir uns für anderen Gruppen öffnen. Das betrifft die Wirtschaft, aber auch Gewerkschaften, Sozialverbände und viele andere.

Also peilen Sie wie gerade die Hamburger Grünen mit Katharina Fegebank zur Wahl 2023 in Bremen dann das Bürgermeisteramt an?

Das jetzt als Ziel auszugeben ist viel zu früh. Wir haben gerade eine Bürgerschaftswahl hinter uns. Für uns ist wichtig, mit und in dieser Koalition gute Politik für die Bremerinnen und Bremer zu machen. Wir haben ein großes Interesse daran, dass aus dieser Koalition ein Erfolg wird. Deswegen würden wir jetzt nie anfangen darüber zu diskutieren, wer der nächste Bürgermeister oder die nächste Bürgermeisterin sein wird. Aber wenn es so weit ist: klar, warum nicht? Ich bin mir Alexandra Werwath einig, dass wir als Grüne mehr Verantwortung übernehmen wollen, gute Antworten parat haben und uns zutrauen, – wenn die Wählerinnen und Wähler das wollen – eine Regierung zu stellen. So selbstbewusst sind wir schon. Entscheidend sind aber nicht Prozentrechnungen, sondern ob wir das, was wir uns für die kommenden vier Jahre vorgenommen haben, gut umsetzen werden.

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In der jetzigen Koalition gibt es ein paar Meinungsverschiedenheiten mit den Linken zum Mietendeckel oder dem Erbbaurecht. Wäre es in einer anderen Konstellation einfacher?

Es gibt aber auch viele Schnittmengen – übrigens auch beim Erbbaurecht. In einer anderen Konstellation wären diese Fragen möglicherweise einfacher und andere dafür schwieriger. Das wohnt jeder Koalition inne. Bei den Haushaltsverhandlungen werden dann die Karten auf den Tisch gelegt.

Der Bundesverband der Grünen hat sich vor 40 Jahren am 13. Januar 1980 gegründet. Wo werden die Grünen in noch einmal 40 Jahren stehen?

Die Stärke der Grünen war schon immer, Zukunftsfragen bereits sehr früh anzusprechen. Viele der Themen, die vor 40 Jahren Teil unserer Gründungsgeschichte waren – Nachhaltigkeit, die offene Gesellschaft, die Folgen der Globalisierung –, sind heute noch virulenter geworden und werden die Grünen auch in Zukunft zu einer wichtigen politischen Kraft machen. Im Jahr 2060 müssen wir zwangsläufig die Klimakrise im Griff haben und können uns dann hoffentlich neuen gesellschaftlichen Fragen zuwenden.

Die Fragen stellte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person:

Florian Pfeffer (50) ist seit Ende November 2019 Landesvorstandssprecher der Bremer Grünen. Der selbstständige Unternehmer war als Hochschullehrer im Libanon und in den USA tätig und von 2006 bis 2012 als Professor für Kommunikationsdesign in Karlsruhe. 13 Jahre lang lebte der dreifache Vater in Amsterdam, sein Hauptwohnsitz blieb aber Bremen, wo auch die Familie wohnt.

Info

Zur Sache: Bundes-Grüne werden am Montag 40. Jahre alt:

Die Karlsruher Stadthalle war hoffnungslos überfüllt, als gut tausend Delegierte am 13. Januar 1980 „Die Grünen“ als Bundespartei aus der Taufe hoben. Am Anfang der Grünen-Geschichte stand der Protest. 1982 sprach Petra Kelly von der „Antipartei-Partei“ und sagte: „Wenn die Grünen eines Tages anfangen, Minister nach Bonn zu schicken, dann sind es nicht mehr die Grünen, die ich mit aufbauen wollte.“ Ein Jahr drauf zogen sie erstmals in den Bundestag ein und überreichten Kanzler Helmut Kohl (CDU) einen dürren Tannenzweig, wegen des Waldsterbens. 1985 ließ Joschka Fischer sich, bekanntlich in weißen Turnschuhen, als Umweltminister in Hessen vereidigen. Die Vereinigung der West-Grünen mit dem ostdeutschen Bündnis 90 – vollzogen 1993 – führte dann zu heftigsten Auseinandersetzungen. Und auch die erste rot-grüne Koalition im Bund war von 1998 bis 2005 alles andere als ein Selbstläufer für die junge Partei. Der Streit um den Kosovo-Krieg hätte sie fast zerrissen. Dosenpfand und Energiewende waren das eine, die harten Einschnitte der Agenda 2010 das andere. Auf das rot-grüne Projekt folgten teils schwierige Jahre mit heftigen Flügelstreits, Ärger um Veggie Day und Steuerpläne und die schmerzhafte Pädophilie-Debatte. Das ist erst ein paar Jahre her, scheint aber irgendwie weit weg: Wenn man zum 40. Geburtstag so gut dasteht wie die Grünen derzeit, fällt das Feiern leicht. Seit Monaten liegen sie in Umfragen bei 20 Prozent und mehr, in elf von 16 Bundesländern ist die Partei mit an der Macht. Im Bund sieht man sie, sehen sie sich auch selbst als Regierungspartei im Wartestand.

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