Kritik an Unterricht in ganzen Klassen

Die Bremer Grundschulen sind wieder voll

Alle Bremer Grundschüler gehen vier Tage zur Schule, das Abstandsgebot ist aufgehoben, unterrichtet wird wieder in ganzen Klassen. Viele Schulleitungen und Lehrkräfte finden den neuen Modus schwierig.
25.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Bremer Grundschulen sind wieder voll
Von Sara Sundermann
Die Bremer Grundschulen sind wieder voll

Das Abstandsgebot für Grundschulen ist vom Bremer Senat aufgehoben worden. Doch viele Schulleitungen und Lehrkräfte machen sich weiterhin Sorgen.

Christina Kuhaupt

Grundschulkinder können eher Abstand halten als Kita-Kinder, sollte man meinen. Sie sind größer, verstehen mehr. Aber Schulkinder können auch schneller laufen und haben erst recht ihren eigenen Kopf, ihre Wünsche. An Bremens Grundschulen werden seit Montag nicht mehr halbe Klassen unterrichtet, sondern ganze. Das heißt an der Grundschule Osterholz: In einem Raum sitzen nun wieder bis zu 23 Schüler statt elf. Alle Schüler werden an vier Tagen jeweils vier Stunden unterrichtet. Ohne Corona wären es hier fünf Stunden an fünf Tagen.

Es herrscht also mengenmäßig fast wieder Normalbetrieb. Und trotzdem sind Treppen mit Flatterband versehen, hängen überall in der Schule selbst gemalte Schilder, die an 1,5 Meter Abstand erinnern. 280 Kinder gibt es hier, 45 Erwachsene im Kollegium. Das Abstandsgebot, es gilt seit Montag für Grundschulen nicht mehr, so hat es der Senat beschlossen. Doch an der Grundschule Osterholz wollen Leiterin Margarethe Cimiotti und die Lehrkräfte den Kindern weiterhin vermitteln, dass sie möglichst überall Abstand halten sollen. Zumindest versuchen sie es.

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Das klappt nicht immer, das sagt Cimiotti offen. Man sieht selbst bei einem kurzen Besuch: Kinder kommen sich nahe, weil sie sich zur Pause durch die Tür quetschen. Kinder umarmen sich im Flur und fassen sich beim Treppensteigen an, sobald mal keiner hinsieht und Abstand anmahnt. Und wie soll immer jemand hinsehen können? Margarethe Cimiotti läuft an mehreren Klassenräumen entlang. In einem der kleineren Räume sitzen 18 Kinder auf 45 Quadratmetern.

Viel Abstand ist da auch beim Unterricht nicht drin. Andere Räume sind etwas größer. „Unsere Gebäude sind vollgestopft, wir haben keinen einzigen freien Raum mehr“, sagt Cimiotti. Und auf dem Schulhof wird gebaut, dort werden Container für weitere Klassenräume aufgestellt. Seit Jahren wächst die Schule, im Sommer sollen vier neue Klassen hinzukommen. Eigentlich, sagt Cimiotti, sei eine neue Grundschule im Stadtteil geplant, doch noch sei kein Grundstück dafür gefunden. Dabei wäre jetzt mit Corona genug Platz besonders wichtig.

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Ein Glücksfall ist es für die Schule, dass sie den angrenzenden Sportplatz nutzen darf. Der Football-Club Bremen Firebirds, der hier trainiert, war einverstanden, erzählt Cimiotti. Deshalb sieht man nun drei Kleingruppen, die mit Picknickdecken und Heften auf dem Rasen Aufgaben lösen oder etwas zeichnen. Sichtbar wird: Auch ohne behördlich verordnetes Abstandsgebot bleibt der Schulalltag eine logistische Leistung. An der Grundschule Osterholz gibt es 15 Klassen, die sich auf dem Schulhof nicht vermischen sollen, die nicht zeitgleich die teils engen Treppenhäuser hinab stürmen sollen. Deshalb gibt es versetzte Pausenzeiten und Aufenthaltsbereiche auf dem Schulhof für alle Klassen: „Es ist eng getaktet“, sagt Cimiotti.

„Was uns Schulleitungen durchweg Kopfzerbrechen bereitet, ist die Verantwortung für das Personal und die Kinder angesichts von Corona“, sagt Cimiotti, die auch Sprecherin der Grundschulleitungen im Bremer Osten ist. „Wir leiten einen möglichen Hotspot.“ Sie läuft an mehreren gefüllten Klassenräumen vorbei, bittet die Lehrerinnen darum, trotz Baustellenlärm häufig zu lüften. Was man auch sieht: Eine Lehrerin, die ein weinendes Mädchen tröstet. Sie umarmt die Erstklässlerin, beugt sich zu ihr hinab, fragt, was dem Mädchen fehlt. Die Schulleiterin ruft halblaut „Nicht!“ herüber – ihr ist das zu nah.

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Cimiotti stellt klar: „Wir hätten gerne den Unterricht in Halbgruppen fortgesetzt.“ Das hätten Schulleitungen sowohl der Bildungssenatorin als auch dem Bürgermeister geschildert, ehe die weitere Öffnung der Schulen beschlossen wurde. Doch Druck aus der Wirtschaft und von der Elternvertretung habe wohl dafür gesorgt, dass politisch anders entschieden wurde, vermutet Cimiotti. „Die anfänglichen Corona-Regeln waren klar und übersichtlich. Diese letzte Öffnung nur drei Wochen vor den Sommerferien ist für uns, die wir das durchführen müssen, nicht erklärbar.“ Sie betont: Die Kritik sei an den Senat gerichtet, nicht an Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Denn diese habe die Bedenken geteilt, die von Schulleitungen im Vorfeld vorgetragen wurden.

Mehr als zehn Grundschulleitungen aus dem Bremer Osten, darunter Cimiotti, haben nun noch einmal einen Brief an die Behörde geschrieben und die Vorteile des Unterrichts in Halbgruppen geschildert. Dabei gehe es nicht nur um Schutz vor Ansteckung: Intensiver und individueller könne man in den kleineren Gruppen arbeiten und effektiver vorankommen. „Ich bin selbst Klassenlehrerin – wenn wir bis zu den Sommerferien in Halbgruppen weitergemacht hätten, wäre ich zuversichtlich, dass ich den wesentlichen Stoff bis dahin aufgeholt hätte.“

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Wie geht es Lehrkräften der Grundschule Osterholz mit der vollen Klassenstärke? „Anstrengend“, sagt Lehrerin Julia Tammen. „Ein bisschen unheimlich, ein ungutes Gefühl bleibt“, sagt ihre Kollegin Christina Biehle. Die halbe Klassengröße habe die Arbeit erleichtert und den Kindern gutgetan, sind beide sich einig. „Wir konnten beim Lernen genau da ansetzen, wo es hakt“, sagt Biehle.

Und offenbar waren die halben Klassen nicht nur an Grundschulen im Bremer Osten beliebt: „Alle sagen: Die Kinder haben unglaublich gut in den Halbgruppen gelernt“, betont Barbara Schüll, Landessprecherin der Bremer Bildungsgewerkschaft GEW und Lehrerin an der Grundschule Halmer Weg in Gröpelingen.

Die Schule am Halmer Weg habe ein Konzept entwickelt, wie man die jetzt vorgegebene Zahl von 16 Stunden so auf die Woche verteilt, dass Unterricht auch weiter in Halbgruppen stattfinden könnte. „Jede Gruppe hätte pro Tag zweieinhalb Stunden Unterricht gehabt.“ Dieser Vorschlag sei aber von der Bildungsbehörde abgelehnt worden.

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