Bachelor-Studium als neuer Standard

Hebammen mit alter Ausbildung fühlen sich benachteiligt

Wer Hebamme werden will, muss nun ein Bachelor-Studium absolvieren. Hebammen, die nach dem alten Modell an einer Fachschule ausgebildet wurden, sehen sich benachteiligt.
09.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Hebammen mit alter Ausbildung fühlen sich benachteiligt
Von Sabine Doll
Hebammen mit alter Ausbildung fühlen sich benachteiligt

Der "Internationale Studiengang Hebammen" ist zum Wintersemester an der Hochschule gestartet. In einem Skills Lab wird der Ernstfall mit Babypuppen simuliert.

Karsten Klama

Angelika Tscheu ist seit 32 Jahren Hebamme. Hunderten Kindern hat sie in ihrem Berufsleben auf die Welt geholfen, auch schwierige Geburten waren darunter. Zurzeit beschäftigt die Hebamme ein anderes schwieriges Thema, das ihre gesamte Berufsgruppe betrifft, wie sie sagt. „Wir befürchten eine Benachteiligung und Chancenungleichheit von Hebammen, die nach dem alten Modell ausgebildet wurden.“ Anlass für ihre Sorge ist die Reform der Hebammenausbildung. Wer künftig als Hebamme arbeiten will, muss dafür ein Bachelor-Studium absolvieren. Das sieht ein Gesetz vor, mit dem Deutschland sich dem Standard der Europäischen Union anpasst. Vier Jahre dauert das duale Hochschulstudium in Bremen.

„Die Kritik gilt nicht der Akademisierung. Wir haben lange darauf gewartet, dass der Beruf aufgewertet wird. Die Akademisierung bedeutet vor allem auch bessere Aufstiegschancen, bessere Vergütung, mehr berufliche Perspektiven. Der Haken dabei: Hebammen, die noch an der Fachschule ihr Examen gemacht haben, wurden vergessen. Wir stellen in den nächsten Jahren aber immer noch die Mehrheit in dieser kleinen Berufsgruppe – deshalb muss es eine Regelung geben, um nachträglich den Bachelor erwerben zu können“, fordert die Bremerin, die seit 15 Jahren als leitende Hebamme in einer Klinik arbeitet. „Ansonsten wird die Berufsgruppe in eine Zwei-Klassen-Hebammengesellschaft gespalten.“

Lesen Sie auch

Betroffen sind laut Tscheu neben „den älteren Jahrgängen“ auch junge Kolleginnen, die derzeit noch nach dem früheren Modell an der Hebammenschule in Bremerhaven ausgebildet werden. Eigentlich sollte die Schule längst geschlossen sein – weil die ersten 40 Hebammen mit Bachelor aber erst im Sommer 2024 die Hochschule verlassen, wurde 2019 ein zusätzlicher Kurs mit 16 Plätzen eingeschoben. Um den akuten Mangel nicht noch weiter zu verschärfen. Auch diese Schülerinnen starten im kommenden Jahr ohne Studium in den Beruf.

Es sei denn, der Bachelor wird nachträglich erworben. Möglich ist das, allerdings muss nach jetzigem Stand dafür noch einmal studiert werden. Zwar nicht die vollen vier Jahre, denn nach dem Hochschulgesetz können bis zu 50 Prozent der bereits erworbenen Kompetenzen auf die Studiendauer angerechnet werden. Laut dem Bremer Hebammenlandesverband bleiben damit zweieinhalb Jahre Studium inklusive Auslandssemester an der Bremer Hochschule. Sechs der 40 Plätze im „Internationalen Studiengang Hebammen“ werden laut dem Verband aktuell von ausgebildeten Geburtshelferinnen belegt.

Lesen Sie auch

Für Tscheu ist das keine Option, „obwohl ich mich unbedingt weiterqualifizieren will, um die fachliche Expertise in wissenschaftlichem Arbeiten zu bekommen. Aber auch, weil ich in meiner Leitungsposition den Studierenden im Praxisteil, den sie an Kliniken absolvieren, qualifiziert gegenüberstehen will.“ Zweieinhalb Jahre Studium und ein Auslandssemester seien für sie nicht realistisch, „die Praxiserfahrung habe ich aus den vielen Berufsjahren, und allein für die wissenschaftliche Expertise ist das aus meiner Sicht zu lang“, sagt sie.

Heike Schiffling ist Vorsitzende des Hebammenlandesverbands. Sie teilt die Sorge der sogenannten altrechtlich qualifizierten Hebammen und unterstützt die Forderung nach einer Regelung für den Übergang. „Der Bedarf ist groß. Nach einer Abfrage wollen 130 Hebammen den Bachelorgrad erwerben, das ist knapp die Hälfte der Hebammen in Bremen“, sagt die Vorsitzende. Der Verband hat einen Vorschlag erarbeitet: Danach könnte es auf Antrag eine Gleichwertigkeitsprüfung von einer der zuständigen Behörden – Wissenschaft oder Gesundheit – geben, um den Bachelorgrad führen zu dürfen. Voraussetzungen wären ein abgeschlossenes staatliches Examen nach altem Recht, eine erfolgreiche Weiterbildung von mindestens 200 Stunden oder ein Modul „Reflektierte Praxis – wissenschaftliches Arbeiten“ von mindestens 150 Stunden. „Wir haben uns am Modell des nachträglichen Titelerwerbs für altrechtlich qualifizierte Hebammen in der Schweiz orientiert. Dort macht man damit seit 2008 gute Erfahrungen“, betont Schiffling. Berufserfahrene Geburtshelferinnen würden auch in der Lehre gebraucht. Auf längere Sicht könnten aber nur Hebammen, die über mindestens einen Bachelorgrad verfügen, in die hochschulische Lehre eingebunden werden. „Man kann die Berufsgruppe nicht in zwei Klassen spalten“, betont Schiffling.

Lesen Sie auch

Die Wissenschaftsbehörde verweist auf den Bestandsschutz, wonach altrechtlich qualifizierte Hebammen wie gehabt ihrer Tätigkeit nachgehen könnten: „Es bedarf somit keiner ergänzenden Regelung auf Landesebene oder der nachträglichen Verleihung eines Bachelorgrads“, teilt Behördensprecherin Sara Bergemann mit. Weitere Studienplätze explizit für Hebammen, die den Bachelorgrad nachträglich erwerben wollen, seien derzeit nicht vorgesehen: „Die an der Hochschule geschaffenen Studienplätze dienen in erster Linie dazu, neue Hebammen auszubilden beziehungsweise den bestehenden Fachkräftemangel sukzessive zu reduzieren.“ Wegen des Mangels an Hebammen sowie der vergleichsweise hohen Ausbildungskosten sollten die bestehenden Kapazitäten vorrangig dazu dienen, zusätzliche Hebammen auszubilden. Die Hochschule habe dem Verband Gespräche angeboten, um Möglichkeiten der Weiterqualifizierung auszuloten.

In der kommenden Woche wird sich auch die Gesundheitsdeputation mit dem Thema befassen, im Mai soll das Hebammenausführungsgesetz von der Bürgerschaft beschlossen werden. Darin müsste eine Regelung, sofern vorgesehen, enthalten sein. „Wir verstehen die Problematik und wollen eine Lösung finden, die tragfähig ist“, sagt Lukas Fuhrmann. Wie diese Lösung aussehen soll, konnte der Sprecher von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) nicht sagen. „Es gibt Gespräche.“

Info

Zur Sache

Hebammen-Studiengang

Bremen hat als eines der ersten Bundesländer ein Hochschulstudium für Hebammen eingerichtet – wobei Deutschland das letzte Land in der Europäischen Union ist, das die vorgeschriebene akademische Ausbildung umgesetzt hat. Der „Internationale Studiengang Hebammen“ ist zum Wintersemester 2020/21 an der Hochschule Bremen gestartet. Das vierjährige Bachelor-Studium besteht aus einem theoretischen Teil, Praxismodulen und einem Auslandssemester. Die Nachfrage ist groß: „Wir hatten acht bis neun Interessierte für einen Studienplatz“, sagte Studiengangsleiterin Barbara Baumgärtner dem WESER-KURIER im Januar. Aktuell gibt es 40 Plätze.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+