Zu wenige Hebammen in Deutschland

Bremer Hebammenladen feiert 25. Geburtstag

In vielen Regionen Deutschlands gibt es zu wenige Hebammen. Für viele Frauen birgt der Beruf schlichtweg zu viele Risiken. Der Bremer Hebammenladen feiert dennoch schon seinen 25. Geburtstag.
21.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silvia Pucyk

In vielen Regionen Deutschlands gibt es zu wenige Hebammen. Für viele Frauen birgt der Beruf schlichtweg zu viele Risiken. Der Bremer Hebammenladen feiert dennoch schon seinen 25. Geburtstag.

Eine Hebamme hilft Müttern, Kinder zu gebären – könnte man meinen. Doch im Fall von Dagmar Riemrich ist es anders: „Ich mache alles, außer Geburtshilfe“, sagt die freiberufliche Hebamme und Gründerin des Hebammenladens. Ihr Arbeitstag beginnt nicht im Kreißsaal einer Klinik oder in einem Geburtshaus. Mit ihrem Fahrrad radelt die 54-Jährige quer durch Bremen zu Müttern nach Hause – und das Tag für Tag, auch am Wochenende.

Die Frauen haben vor Kurzem entbunden und sind nun zum ersten Mal mit ihren Kindern alleine. „Manche Mütter haben Probleme beim Stillen, oder sie streiten sich mit ihren Partnern. Einige leiden nach der Geburt ihrer Kinder unter Depressionen. Andere wollen ihre Kinder daran gewöhnen, Brei zu essen. Ich rede mit den Frauen über viele Themen.“

Zu den Müttern, die Besuch von Riemrich bekommen, gehört auch Mareile Hankeln. Die 37-Jährige hat ihr erstes Kind Jonne Bruno zur Welt gebracht. „Es ist wertvoll, eine professionelle Hilfe zu haben, die zu mir nach Hause kommt. Ich fühle mich gut aufgehoben.“ Im Hebammenladen besucht Mareile gleich mehrere Kurse, darunter die Babymassagen und Rückbildungskurse. „Der Austausch mit anderen Frauen tut mir gut.“

Internet verunsichert die frischgebackenen Mütter

Der Beruf von Dagmar Riemrich und ihren Kolleginnen hat sich in den vergangenen Jahren verändert. „Früher haben die Frauen ihren eigenen Fähigkeiten stärker vertraut. Sie haben selbst bestimmt, wie sie sich die Geburt ihrer Kinder vorstellen. Die Schwangeren haben die Untersuchungen und Einschätzungen von Ärzten kritisch hinterfragt. Heute stehen Frauen unter einem enormen Druck, dass alles perfekt werden muss.“

Und noch etwas hat sich gewandelt: „Viele Schwangere informieren sich in Internetforen. Das verunsichert die Frauen. Sie rufen dann bei ihren Ärzten an und fragen, ob auch tatsächlich alles mit ihnen und ihrem Baby in Ordnung sei. Die Ärzte müssen die Frauen beruhigen und ihnen raten, nicht auf das Internet zu hören, sondern auf den Rat ihrer Ärzte“, erklärt Riemrich.

"Es gibt nicht mehr so viele Hebammen wie früher"

Aber nicht nur Mütter haben sich verändert, auch der Hebammenberuf ist ein anderer geworden. „Es gibt nicht mehr so viele Hebammen wie früher“, sagt Dagmar Riemrich. Das führe in einigen Fällen dazu, dass Frauen nicht die intensive Betreuung einer Hebamme erfahren, die sie sich eigentlich wünschen. Manche Mütter fragen deswegen Kinderärzte um Rat, die dadurch wiederum weniger Zeit für ihre Patienten haben. „Ärzte sollen nicht unsere Arbeit machen“, sagt Riemrich. Unter den schwangeren Frauen findet zunehmend ein Wettlauf um Hebammen statt. Wer zu spät ist, geht möglicherweise leer aus.

„Zu uns kommen Frauen mittlerweile sehr früh. Sie sind erst im zweiten Monat schwanger und fragen bereits nach einer Hebamme. Deswegen kann es passieren, dass Frauen, die sich in der Mitte ihrer Schwangerschaft befinden, keine Hebamme mehr finden, obwohl sie sich rechtzeitig darum bemüht haben.“ Riemrich rät dazu, sich früh um eine Hebamme zu kümmern „Ab der 15. Woche sollte eine Frau sich erkundigen.“ Gänzlich muss eine schwangere Frau in Bremen jedoch nicht auf die Unterstützung einer Hebamme verzichten. „Für den Notfall findet sich eine Betreuung“, sagt Riemrich.

Hohes Berufsrisiko für Hebammen

Dennoch kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Versorgungslage in Bremen schlecht ist. „In Stadtteilen wie Gröpelingen, Huchting oder Kattenturm ist der Bedarf sehr hoch“, sagt Heike Schiffling, erste Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes in Bremen. Dieser Bedarf könne nicht immer gedeckt werden, weil es zu wenige Hebammen in Bremen gibt.

Hierfür sieht Schiffling gleich mehrere Gründe: „Die Kosten, die Hebammen tragen müssen, sind enorm gestiegen.“ Dies betreffe nicht allein die hohen Ausgaben für die Haftpflichtversicherung, die laut Riemrich bis zu 7000 Euro im Jahr für freiberufliche Hebammen betragen können.

Hebammen müssen zudem ihre Fortbildungen selbst zahlen, sie tragen die Kosten für Qualitätsmanagement und andere Leistungen. Freiberufliche Hebammen wie Riemrich bekommen von den Krankenkassen keinen Zuschuss für die Miete ihrer Einrichtungen.

Darüber hinaus tragen Hebammen ein hohes Berufsrisiko: „Es besteht immer die Möglichkeit, dass das Kind Schaden nimmt“, sagt Schiffling. Diese Schäden entstehen aus vielen Gründen, sei es, weil die Mutter während der Schwangerschaft eine Infektion hatte, sei es, weil der Hebamme Behandlungsfehler unterlaufen sind. „Es ist schwer, den Schuldigen zu finden“, sagt Schiffling.

Viele Versicherungen wollen keine Hebammen mehr

Für viele Krankenkassen ist die Situation hingegen eindeutig: Sie verklagen die Hebammen und ermuntern die Eltern, es ihnen gleich zu tun. Dabei können Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe entstehen. Und stets liegt es dabei an den Hebammen zu beweisen, dass sie nicht schuld an den Schäden der Kinder sind. „Es entsteht das Gefühl, immer einen Juristen an der Seite haben zu müssen“, erklärt Schiffling. Das Problem führe mittlerweile soweit, dass viele Versicherungen keine Hebammen mehr versichern wollen.

Trotz dieser Probleme ist Riemrich gerne weiterhin Hebamme. „Es ist ein wunderschöner Beruf, bei dem ich viel Wertschätzung erfahre.“ Und auch Schiffling glaubt nicht an ein Ende des Berufsstands. „Uns hat es schon immer gegeben. Wir werden auch weiterhin bestehen.“

Hebamme Riemrich wird nun erst einmal das 25-jährige Bestehen ihres Hebammenladens feiern, den sie zusammen mit ihrer Kollegin Heike Schlobinski gegründet hat. Angefangen hatte alles mit einer kleinen Einrichtung im Viertel, als sich das Büro noch mitten im Flur befand und schwangere Frauen dort Schlange standen. „Da wussten wir, dass wir größere Räume brauchen.“

Schließlich folgte der Umzug in die Einrichtung am Wall, wo Schwangere unter anderem Yoga machen und Babys massiert werden. Die Frauen stehen mittlerweile auch hier wieder in der Warteschlange. Riemrich: „Wir sind bis November ausgebucht.“

Das 25-jährige Bestehen des Hebammenladens wird am Freitag, 22.April, ab 16 Uhr mit Kaffee und Kuchen sowie Bastelangeboten gefeiert. Um 17 und 21 Uhr zeigt Zauberer Friedrich seine Tricks. Wo? Im Hebammenladen, Contrescarpe 117, Telefon: 171777

Der Deutsche Hebammenverband hat im Internet eine „Landkarte der Unterversorgung“ erstellt: Eltern, die keine Hebamme gefunden haben, können sich dort eintragen. Mit der Befragung soll der Hebammenmangel in ganz Deutschland erfasst und öffentlich gemacht werden. Infos unter: www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden.

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