Ein Jahr nach der Katastrophe in Japan Bremer helfen in Katastrophengebieten

Bremen. Erst das Erdbeben, dann die Flutwelle und schließlich der Atomreaktor-Unfall von Fukushima - die Dreifachkatastrophe, die Japan vor einem Jahr traf, hat in Bremen eine enorme Hilfsbereitschaft ausgelöst.
05.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer helfen in Katastrophengebieten
Von Frauke Fischer

Bremen. Erst das Erdbeben, dann die Flutwelle und schließlich der Atomreaktor-Unfall von Fukushima - die Dreifachkatastrophe, die Japan vor einem Jahr traf, löste in Bremen eine enorme Hilfsbereitschaft aus. Allein die Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bremen hat fast 200.000 Euro Spenden bekommen. Das Geld wird vor allem für Projekte eingesetzt, die Kindern helfen sollen, berichtet Wolfgang Haas.

Bremen. Vielen Menschen sind die Bilder aus Japan gegenwärtig: Große Schiffsrümpfe blockieren Straßen, liegen in Hafenbecken zusammengeschoben, als seien sie Spielzeugboote. Wassermassen wälzen sich über Städte, spülen vor allem Holzhäuser einfach davon, brechen durch Betonbauten und hinterlassen trostlose Trümmer- und Schlammlandschaften, in denen verzweifelte Menschen nach Angehörigen und Habseligkeiten suchen. Das Unglück jährt sich am 11. März. Wolfgang Haas, Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Bremen, und deren Geschäftsführerin Gerda Groneweg schauen aus diesem Anlass nicht nur auf die Katastrophe zurück, sondern auch auf die von Menschen in Bremen und der Region gezeigte Hilfsbereitschaft in den Monaten danach.

"Für mich hat sich damit ein neues Fenster geöffnet", sagt Gerda Groneweg, Geschäftsführerin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft, die sich um Spendeneingänge kümmert. Sie ist begeistert von Engagement und Ideen der Helfenden. Schulen organisierten Spendenläufe, Klassen sammelten zugunsten japanischer Kinder, schrieben ihnen Gedichte zum Trost, Musiker gaben Benefizkonzerte, Kirchen luden zu Fürbitte-Gottesdiensten ein, Service-Clubs und Vereine schickten Schecks, Menschen wünschten sich zu Geburtstagen oder Hochzeitstagen anstelle von Geschenken von ihren Gästen eine Spende an die Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bremen. Auf diese Weise sind bislang fast 200000 Euro zusammengekommen.

Auch Kinder sammelten Geld

"Dass es so viel wird, hätte ich niemals erwartet", sagt Wolfgang Haas. Besonders berührt hat ihn die erste Spende: Ein Kind schickte eine selbst gebastelte Dose mit 23,21 Euro darin, die es zuvor in der Klasse gesammelt hatte.

Haas hat 20 Jahre lang in Tokio gelebt, als er in Japan für eine deutsche Firma arbeitete. Außerdem wurde er als Sohn eines Botschafters dort geboren. Die Kontakte sind eng geblieben. Wenige Wochen nach dem Unglück reiste Haas nach Tokio. In die Unglücksgebiete indes nicht, "weil wir keinen Katastrophentourismus betreiben wollten", sagt er heute. Stattdessen knüpfte er Kontakte zur Kreuzkirche in Tokio, die er aus seiner Zeit in Japan gut kannte (wir berichteten). Daraus entstand die Idee, in Bremen und der Region etwas für die Menschen in den von Erdbeben und Tsunami verwüsteten Gebieten zu tun. Bürgermeister Jens Böhrnsen übernahm die Schirmherrschaft für das Spendenprojekt der Deutsch-Japanischen Gesellschaft.

Vor allem die Bilder von Kindern und Jugendlichen bewegten. Viele hatten sich aus Horten und Schulen retten können, um dann zu erfahren, dass Eltern, Großeltern und Heim vom Tsunami ausgelöscht worden waren. Er hatte die Holzhäuser und ihre Bewohner einfach weggespült. Wer sich nicht rechtzeitig in höher gelegene Straßen oder die oberen Stockwerke von Betonbauten retten konnte, war verloren.

Ein bisschen Normalität

Diesen traumatisierten Kindern wollten die Bremer helfen, ihnen schnellstmöglich ein bisschen Normalität, vor allem aber Beistand, Trost und Hoffnung vermitteln. "Viele Probleme können die Japaner ja selbst lösen", sagt Haas. Doch er befürchtete, "dass Schulen und Waisenhäuser womöglich als letztes drankommen". So fährt längst ein großer gelber Bus die kleinen Japaner vom Hikari Kindergarten in Miyako in der Präfektur Iwate 500 Kilometer nördlich von Tokio morgens aus den Notunterkünften zu ihrer Betreuungsstätte und nachmittags zurück.

Die Bremer Stadtmusikanten schmücken den Bus, außerdem der Hinweis in japanischer Schrift: Gespendet von der Bremer Bevölkerung. Im Osonago-Kindergarten in der Stadt Otsuchi, die besonders schwer zerstört wurde, bezahlten die Bremer aus dem Spendentopf die kaputte Fußbodenheizung des Gebäudes. Und für den Kamaishi-Hoiku-en-Kinderhort besorgten sie zwei große Autos, mit denen die Kinder transportiert werden können. Auch darauf steht: Eine Spende Bremer Bürger.

Die Unterstützung beim Wiederaufbau von Kindergärten in Iwate geht weiter. Im Oktober hat Wolfgang Haas die Präfektur selbst besucht, Gespräche geführt und Fotos gemacht, die das Ausmaß der Zerstörung erahnen lassen, obwohl längst die Trümmer entfernt sind. Doch riesige Areale in Städten sind einfach leer, selbst Bahnhöfe nicht mehr da. Fünf Jahre, schätzt Haas, wird der Wiederaufbau noch dauern. "Mir war damals sofort klar: Das ist die größte Katastrophe für Japan."

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