Unterstützung für einsame Menschen

Bremer Help-Line gibt Kraft für den Alltag

Ältere Menschen und pflegende Angehörige, die kaum Außenkontakt haben, finden bei den ehrenamtlichen „Help-Linern“ in Bremen ein offenes Ohr. Sie hören zu und suchen bei Problemen gemeinsam nach Lösungen.
18.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrike Troue
Bremer Help-Line gibt Kraft für den Alltag

Tanja Meier und Hubert Greve helfen Menschen, indem sie unter anderem einfach mal nur zuhören.

Christina Kuhaupt

Wie wichtig, hilfreich und unterstützend Gespräche sind, macht die Kontaktsperre vielen von uns erst in dieser schwierigen Pandemie-Zeit richtig bewusst. Ältere Menschen oder pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz vermissen soziale Kontakte, Gespräche und jemanden, der ihnen einfach nur zuhört aber oft schon in ihrem ganz normalen Alltag.

Durch ihre körperlichen Gebrechen oder ihre aufopfernde Betreuungsaufgabe sind viele Seniorinnen und Senioren ebenso wie Menschen, die eine angehörige Person rund um die Uhr pflegen, sehr eingeschränkt und haben kaum noch Außenkontakte. Das weiß Tanja Meier aus den Erfahrungen ihrer Arbeit in der Demenz Informations- und Koordinationsstelle (DIKS) Bremen. Deshalb sei die „Help Line“ auch nicht erst in dieser Krise, sondern seit ihrer Gründung vor 20 Jahren kontinuierlich gefragt, sagt sie. „Und es werden immer mehr Klienten.“

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Die „Help-Line“ ist ein Telefon für pflegende Angehörige und ältere Menschen. Wenn sie die „Help-Line“-Nummer wählen, erreichen sie ehrenamtliche Gesprächspartner, die ihnen unvoreingenommen und einfühlsam zuhören. Sie hätten nicht nur für Sorgen und Nöte ein offenes Ohr, sondern seien ebenso zu einem kleinen Klönschnack aufgelegt „und lachen auch viel“, erzählt Hubert Greve, der einzige Mann unter den ehrenamtlichen „Help-Linern“.

„Wir sind kein Callcenter“, erklärt Tanja Meier. „Wir helfen den Menschen, sich zu sortieren. Vielen fehlt einer, der einfach zuhört und ihnen nicht gleich mit einem Ratschlag kommt.“ Durch die richtigen Fragen könnten die „Help-Liner“ Betroffenen helfen, gemeinsam Lösungen zu finden, präzisiert die DIKS-Fachkraft.

Gezielt helfen

Anrufern in belastenden Situationen, die vielleicht schwer krank seien, könnten die „Help-Liner“ vielfach gezielt helfen, indem sie über bestehende Angebote informierten und Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigten. „Vielleicht wo die nächste Begegnungsstätte ist, oder indem sie ermuntert werden, eine Beratungsstelle aufzusuchen“, liefert sie Beispiele. „Einige Angehörige haben uns vergangene Woche angerufen und berichtet, wie schwer es ihnen fällt, ihre Familienmitglieder jetzt nicht im Heim besuchen zu dürfen und welche Sorgen sie sich machen“, erzählt Tanja Meier weiter.

Alle Anrufenden können auf Wunsch auch anonym bleiben. Diskretion ist oberstes Gebot für das Team der unabhängigen zentralen Demenz-Beratungsstelle, die mit allen Einrichtungen der Stadt Bremen zusammenarbeitet, und ebenso für das „Help-Liner“-Team, das Tanja Meier gemeinsam mit zwei Koordinatoren und fünf weiteren ehrenamtlichen Helferinnen bildet.

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Darüber hinaus gibt es nach Meiers Aussage noch die Gruppe der Menschen, die regelmäßig angerufen werden, um eine Beziehung herzustellen, damit sie eine Bezugsperson an ihrer Seite wissen. Vier dieser Klienten betreut Gisela Ullrich. Sie ist seit mehr als zehn Jahren im Team und koordiniert inzwischen mit Hubert Greve die „Help-Liner“.

In dieser Krisenzeit ist die 63-jährige Ehrenamtliche aus Horn-Lehe, die als Ernährungstherapeutin schon auch in der Altenpflege unterrichtet hat, dazu übergegangen, ihre vier Klienten statt vierzehntägig nun jede Woche einmal an einem festen Termin anzurufen. „Telefonieren finde ich spannend, weil man nur auf die Stimme fokussiert und das Gespräch konzentriert ist“, sagt die „Help-Linerin“. Überdies sei somit ein gewisser Schutzraum für Anrufende wie Ehrenamtliche sichergestellt.

Einsame Menschen brauchen eine Struktur

„Die Menschen sind einsamer“, bestätigt auch ihr Mitstreiter aus dem Stephaniquartier. „Alte, einsame Menschen brauchen eine Struktur“, sagt Hubert Greve. Einer Seniorin hat der ehemalige Sicherheitsbeauftragte der Sparkasse Bremen zum Beispiel dazu geraten, jeden Tag ihren Kaffee um 15 Uhr in einem Café statt allein zu Hause zu genießen oder dieses Ritual daheim zu zelebrieren – mit Tischdecke und Kerze auf dem Tisch. „Etwas Schönes sollte man sich jeden Tag gönnen, sich eine kleine Freude schaffen“, ist die Devise des 70-Jährigen, „das kann auch ein kleiner Spaziergang sein.“

„Ich bin ein sozialer Typ, eher burschikos“, sagt Hubert Greve über sich. Durch seine pragmatisch-forsche Art gelingt es ihm nach eigener Aussage recht gut, Menschen mitzureißen und ihre Eigenaktivität und letztlich auch ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Seine Ermutigung „das packen wir“ würde offenbar als partnerschaftliches Miteinander verstanden, glaubt der Pensionär, der seit sich seit vier Jahren für die „Help-Line“ engagiert. Manchmal sei schon der Hinweis, die Enkel für die kurzzeitige Betreuung eines Familienmitglieds einzuspannen, für pflegende Angehörige ein guter Tipp, um selbst einmal kurz verschnaufen und vielleicht doch zum Geburtstag der Freundin gehen zu können, zählt Hubert Greve als Beispiel auf.

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Auch die Information über die Arbeit ambulanter Pflegedienste oder eines Hospizes oder die Nachfrage, ob eine Patientenverfügung vorliegt, sei für manche der Anstoß zum eigenen Handeln. Dass der Redebedarf vieler Klienten so groß ist, dass die meisten Telefonate rund eine Stunde oder länger dauern, haben weder er noch Gisela Ullrich gedacht. Doch durch ihre Empathie, Geduld, Lebenserfahrung und nicht zuletzt die enge Anbindung an das DIKS, wo sie in einem eigenen Büro die Anrufe annehmen und bei den DIKS-Mitarbeitern im Notfall direkt nachfragen können, fühlen sich Gisela Ullrich und Hubert Greve für ihr segensreiches Ehrenamt gut gerüstet.

Einmal im Monat gibt es eine Supervision in der DIKS. Dann werden nach Auskunft von Tanja Meier konkrete Fälle und weitere Hilfsmöglichkeiten be- und abgesprochen, tauschen sich die „Help-Liner“ untereinander aus und erweitern ihre Kenntnisse über bestehende Hilfen. Dazu wird die Arbeit einzelner Einrichtungen vorgestellt. Außerdem gibt es zwei Termine im Jahr, an denen die „Help-Liner“ intensiver Themen aufarbeiten, unter anderem Resilienz oder Grenzziehung.

Eine Einrichtung von beiderseitigem Nutzen

Die „Help-Line“ ist für Tanja Meier eine Einrichtung von beiderseitigem Nutzen, denn DIKS und „Help-Liner“ arbeiteten Hand in Hand und könnten aufeinander verweisen.„Wir arbeiten alle lösungsorientiert, können kein Ergebnis liefern“, stellt Hubert Greve fest. Manchmal ergebe sich ein Gesamtbild auch erst durch Begleittelefonate, ergänzt Gisela Ullrich, zum Beispiel kürzlich bei einem Konflikt zwischen Mutter, Tochter und Pflegeheim.

„Mal in Ruhe mit jemandem sprechen können, der zuhört und einen versteht, das hat mir gut getan und mir Kraft für den weiteren Alltag gegeben“, sagt eine Anruferin und manifestiert die Bedeutung der „Help-Line“, bei der übrigens weitere Ehrenamtliche sicher Anschluss finden.

Weitere Informationen

Die „Help-Line“ ist – außer an den Feiertagen – von montags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr und freitags von 10 bis 13 Uhr unter der Bremer Telefonnummer 14 62 94 51 zu erreichen. Wer sich freiwillig dafür engagieren möchte, kann auch eine E-Mail an info@helpline-bremen.de senden.

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