Rückläufiger Vogelbestand

Bremer Hundebesitzer sehen sich am Pranger

Einigen Gegenwind erntete Vogelexperte Brockmann mit seiner Kritik an uneinsichtigen Hundehaltern. Den Vorwurf, die Landwirte hätten eine Mitschuld am rückläufigen Vogelbestand, will er nicht gelten lassen.
30.01.2019, 18:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Maren Brandstätter
Bremer Hundebesitzer sehen sich am Pranger

Freilaufende Hunde in der Wümmeniederung sieht BUND-Experte Oliver Brockmann nicht gern.

Björn Hake

Die Berichterstattung über den Bestandsrückgang von Wiesenvögeln in der Oberneulander Wümmeniederung hat für einige Diskussion unter den Online-Lesern des STADTTEIL-KURIER gesorgt. Anders als vom BUND-Experten Oliver Brockmann in der jüngsten Oberneulander Beiratssitzung dargestellt, seien nicht freilaufende Hunde, sondern Krähen und Katzen vorrangig für die Dezimierung der Gelege und Küken verantwortlich, ist in den Kommentaren zu lesen.

„Hunde sind sicher ein Problem, das größere aber nach meinen Beobachtungen Krähen, die zumeist gleich dutzendweise in den Wiesen einfallen und nach Nestern und Küken Ausschau halten“, schreibt beispielsweise ein Leser. Und ein anderer: „Krähen und verwilderte Katzen dezimieren die Vögel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stärker als Hunde. (...) Krähen und verwilderte Katzen kann man abschießen, wenn man wollte, aber im Angesicht fehlgeleiteter Tierliebe und millionenfacher Katzenvideos auf Youtube, stellt man jetzt lieber Hundebesitzer an den Pranger.“

Experte pocht auf Regeln

Dem widerspricht Brockmann entschieden. Der Gebietsbetreuer des Gelege- und Kükenschutzprogramms Oberneuland betont, dass er keine Hundehalter per se „an den Pranger“ stelle. Problematisch für den Wiesenvogelbestand seien lediglich diejenigen unter ihnen, die sich nicht an die geltenden Regeln in der Wümmeniederung hielten, und ihre Hunde dort ohne Leine laufen ließen. Das Fressen der Küken und Eier sei dabei nicht die einzige Gefahr. „Es reicht schon, wenn die Vögel durch die Hunde aufgescheucht werden“, betont Brockmann, bis vor einiger Zeit selbst Hundebesitzer. Die Altvögel könnten ihre Gelege oder Küken dann nicht mehr schützen, und die Jungvögel würden auf der Flucht zu viele Reserven verbrauchen, erklärt er.

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Dass Krähen die Nachkommen der Wiesenvögel massiv dezimieren sei eine „leidige Debatte“, sagt Brockmann. Zunächst einmal gelte es, zwischen Dohle, Saatkrähe und Rabenkrähe zu unterscheiden. „Dohlen spielen in den Oberneulander Wümmewiesen so gut wie keine Rolle, und Saatkrähen ernähren sich bis auf Insekten pflanzlich“, erklärt der Umweltbiologe. Rabenkrähen würden zwar Eier und Küken fressen, hätten aber keine Chance, solange die Elternvögel ihr Nest bewachten. „Gegen Fressfeinde aus der Luft können sich Wiesenvögel gut verteidigen“, sagt Brockmann. Sogar mit Bussarden oder Rohrweihen würden sie es aufnehmen. Durch besagtes Aufscheuchen der Altvögel allerdings seien die unbewachten Küken und Eier tatsächlich in Gefahr, von Greifvögeln oder Rabenkrähen gefressen zu werden.

Kein massives Katzenproblem

Dass der Brutbestand in den Wümmewiesen vornehmlich durch Katzen dezimiert wird, hört Brockmann auch immer wieder. Doch auch in diesem Punkt müsse er widersprechen. Die punktuell aufgestellten Kameras an den Nestern hätten bislang noch nie Katzen als Eier- oder Kükenräuber aufgenommen. Nur hin und wieder Katzen hielten sich im Randbereich der Oberneulander Wümmewiesen auf. „Für den Bestandsrückgang der Wiesenvögel spielen sie daher keine große Rolle“, sagt er. Was aber nicht bedeute, dass sie keine Bedrohung für andere Vogelarten darstellten. Bezüglich des Singvogelbestands in Grünanlage etwa komme Katzen durchaus eine bedeutende Rolle zu, erklärt Brockmann.

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Ein weiterer Grund für den Rückgang der Wiesenvogelzahlen in Oberneuland ist nach Meinung einiger Online-Leser in der landwirtschaftlichen Nutzung des Gebiets zu sehen. „Zur Brutzeit der Kiebitze werden die ersten Gülleladungen auf die Weiden gekippt“, ist in einem der Kommentare zu lesen. Und in einem weiteren: „Die Land- und Wasserwirtschaft vernichtet jedes Büschlein und Bäumchen. Deckung und Nahrung für die Vögel gibt es keine mehr, alles wird abgesägt.“ Die Landwirte in der Wümmeniederung hätten ein wachsames Auge auf den Vogelnachwuchs, berichtet Brockmann indes. „Die Landwirte wirtschaften um die von mir markierten Nester herum“, erklärt er. Dass das Roden von Gehölzen auf Spaziergänger häufig wie ein negativer Eingriff in den Lebensraum der Vögel wirke, weiß Brockmann. „Für Wiesenvögel stellen Büsche aber ein potenzielles Versteck für Fressfeinde dar“, sagt er. Aus diesem Grund bauten sie ihre Nester möglichst weit entfernt von Gebüschen.

Füchse und Hermeline im Blick

Eine weitere Gefahr, gefressen zu werden, geht für die Wiesenvögel laut Brockmann neben Hunden von Füchsen und Hermelinen aus. „Wir haben das im Blick“, versichert er. Es gebe entsprechende Gespräche mit der Jägerschaft, in welcher Form man die Vögel in diesen Fällen besser schützen kann. Dass das Hauptaugenmerk der vergangenen Beiratssitzung auf unangeleinten Hunden lag, sei der zunehmend schwierigen Kommunikation mit uneinsichtigen Hundehaltern geschuldet gewesen, erklärt der Umweltbiologe. Sogar einige körperliche Attacken habe es als Reaktion bereits gegeben. In den Kommentaren der Online-Leser finden sich ähnliche Schilderungen. „(...) Hundehalter, die ihre Hunde über die Weiden laufen lassen, reagieren auf Ansprache ignorant und aggressiv“, berichtet einer von ihnen. „Mit etwas Vernunft und Verbleib auf den Wegen wäre vieles geklärt.“ Ein anderer spricht sich in diesem Zusammenhang klar für Sanktionen aus: „Und wenn ein Hundehalter meint, für ihn und seinen Hund gelten diese Regeln nicht, kann man ja dann mit empfindlichen Geldbußen noch einmal eindringlich auf die Gesetzeslage aufmerksam machen (...).“

Rücksichtnahme lautet für Brockmann das Schlüsselwort. „Wenn sich die Nutzer der Wümmewiesen – zu denen auch Reiter und Picknick-Freunde zählen – an die dort geltenden Regeln halten würden, wäre auf einen Schlag sehr viel gewonnen“, sagt er.

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