„Einfach einsteigen“ für ticketloses Fahren

Bremer Initiative fordert ÖPNV-Abgabe von Bürgern und Firmen

Nie mehr ein Ticket für Bus oder Bahn kaufen: Mit dieser Idee will der Verein „Einfach einsteigen“ die Diskussion über Verkehrspolitik neu entfachen. Sein Vorschlag: Eine Umlage, gezahlt von Einwohnern, Pendlern und Firmen.
24.01.2019, 06:53
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Initiative fordert ÖPNV-Abgabe von Bürgern und Firmen
Von Alice Echtermann
Bremer Initiative fordert ÖPNV-Abgabe von Bürgern und Firmen

Ein ticketloser ÖPNV ist die Idee von "Einfach einsteigen". Kostenlos ist das Ganze aber nicht.

Frank Thomas Koch

Wenn es nach Mark Wege geht, ist Bremen im Jahr 2030 eine ganz andere Stadt. Eine Stadt, in der die Verkehrswende geglückt ist, ohne Staus, mit weniger Unfällen und saubererer Luft. Den Schlüssel hierzu sieht er im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). Denn in dieser Vision kann jeder in Bremen überall in Bus und Bahn einsteigen, ohne ein Ticket zu kaufen. Stattdessen zahlt jeder volljährige Einwohner eine feste monatliche Abgabe von 19,11 Euro. Bremer Unternehmen leisten ihren Beitrag über eine Erhöhung der Gewerbesteuer und tragen damit die Hälfte der Kosten.

Mit diesem Vorschlag wollen Wege und seine Mitstreiter von der Initiative „Einfach einsteigen“ die Diskussion über Verkehrspolitik in Bremen neu entfachen. Und zwar mit einem konkreten Konzept, wie der 45-Jährige betont. Das ganze vergangene Jahr haben sich die Mitglieder des neu gegründeten Vereins mit dem Thema beschäftigt. Acht bis zehn Leute engagierten sich dafür ehrenamtlich, so Wege, darunter auch eine Verkehrsplanerin und ein Mathematiker. Er selbst ist Psychologe. Gefördert wird die Initiative, die sich als überparteilich bezeichnet, von der Bewegungsstiftung aus Verden.

Marc Wege - Initiative „Einfach einsteigen“

Mark Wege hat die Initiative "Einfach einsteigen" ins Leben gerufen.

Foto: Christina Kuhaupt

Das Basiskonzept von „Einfach einsteigen“ enthält bereits detaillierte Berechnungen. Auch Pendler, die in Bremen arbeiten, sollen demnach ihren Beitrag leisten. Zudem ist für Touristen eine Erhöhung der Citytax um drei Euro pro Übernachtung vorgesehen, und eine Erhöhung der Gebühren für Fluglinien und Fernreisebusse um 70 Cent pro Fahrgast. Bremer, die Sozialleistungen beziehen, sollen eine reduzierte Abgabe von zehn Euro im Monat zahlen. Über diese Details könne man aber natürlich diskutieren, sagt Wege, der selbst als Sozialarbeiter in Bremen arbeitet und viele Hartz-4-Empfänger betreut.

Mark Wege präsentiert „Einfach einsteigen“ als Lösung für die Verkehrsprobleme in Bremen. Deren Ursache beschreibt er simpel: „Es gibt zu viele Autos in der Stadt.“ Also müsse der Nahverkehr attraktiver sein, damit er stärker genutzt werde. Den Begriff „kostenloser ÖPNV“ vermeidet er jedoch bewusst. „Irgendwer zahlt immer.“ Der Zeitplan der Initiative ist ambitioniert: Sollte es noch 2019 einen Grundsatzbeschluss durch Senat und Bürgerschaft geben, könnte die Umlagenfinanzierung 2023 eingeführt werden, so Wege. Die Subventionen der Stadt an die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) würden nach dem Modell entfallen und sollten in die Qualität des Nahverkehrs investiert werden.

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Der Gründer von „Einfach einsteigen“ ist umtriebig, hat sich bereits mit zahlreichen Akteuren in Bremen betroffen. Auch BSAG-Sprecher Jens-Christian Meyer hat schon mit ihm diskutiert. Grundsätzlich sei es Aufgabe der Politik, über die Zukunft des ÖPNV zu entscheiden, sagt Meyer. Er gibt jedoch zu bedenken, dass die Kapazitäten der BSAG vorab ausgebaut werden müssten. Derzeit mache die Nutzung von Bus und Bahn in Bremen nur etwa 15 Prozent des Gesamtverkehrs* aus - das sei im Vergleich mit anderen Städten recht wenig. „Einfach einsteigen“ rechnet mit 30 Prozent zusätzlichen Fahrgästen in den ersten Jahren. Ohne einen vorherigen Ausbau und zusätzliche Fahrzeuge würde das BSAG-Netz überlastet, erklärt Meyer. „Der Knackpunkt ist: Wer zahlt das?“ Dafür Fördermittel zu beantragen funktioniere nicht. Denn eine hypothetische Zunahme der Fahrgäste sei keine ausreichende Grundlage. „Man kann nur mit einem Ist-Zustand argumentieren.“

Und es gibt noch weitere Fragezeichen an dem Modell: So stieß die Erhöhung der Citytax in Bremen bereits 2017 auf heftige Kritik der Hotelbranche. Von Seiten des Finanzressorts hieß es stets, die Bettensteuer solle auch in Zukunft nicht zweckgebunden sein. Das würde der Nutzung eines Anteils für den ÖPNV im Weg stehen. Mark Wege ist sich jedoch sicher, dass auch der Tourismus kräftig von „Einfach einsteigen“ profitieren würde. Im Grunde bekämen Gäste damit ein Tagesticket für drei Euro, erklärt er. Und auch für Unternehmen und Autofahrer bringe das System Vorteile. Denn je mehr Menschen auf ÖPNV umstiegen, desto entspannter werde die Situation auf Bremens Straßen. Weniger Stau sei letztlich auch gut für die Wirtschaft.

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„Es wird nicht leicht sein, die Menschen davon zu überzeugen“, räumt Wege ein. Schließlich müssten die Umlage auch diejenigen zahlen, die weiterhin vorrangig mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs sind. Eine monatliche Abgabe von 19,11 Euro entspricht nach dem aktuellen Preis für ein Einzelticket der BSAG etwa sieben Fahrten. Auf das Jahr gerechnet wäre sie auch günstiger als das 365-Euro-Ticket nach dem Wiener Vorbild, das derzeit vor allem von den Bremer Grünen gefordert wird (wir berichteten).

Deren verkehrspolitischer Sprecher Ralph Saxe sieht die Idee von „Einfach einsteigen“ kritisch. Auch er hat Mark Wege bereits persönlich getroffen. Eine Abgabe sei nicht seine erste Wahl, um eine Verbesserung des ÖPNV zu bewirken, sagt Saxe. Er sei aber offen für die Diskussion. „Wenn es eine Umlage geben sollte, müsste sie auch für den Ausbau von Fuß- und Radwegen verwendet werden.“ Der reine Fokus auf den Nahverkehr greife ihm zu kurz. Zudem müsse es für eine verpflichtende Abgabe eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung geben; auch Autofahrer sollten dazu ihre Meinung äußern dürfen. „Das sollte nicht einfach von oben entschieden werden.“

In den kommenden Wochen organisiert der Verein „Einfach einsteigen“ mehrere öffentliche Veranstaltungen, um sein Konzept vorzustellen und weiterzuentwickeln. Die erste findet am 6. Februar im Karton in der Neustadt statt. Mark Wege ist optimistisch: „Ich glaube, es ist Konsens, dass es gut für die Gesellschaft ist, wenn viele den ÖPNV nutzen.“ Er ist der Ansicht, dafür müsse die Gesellschaft auch Verantwortung übernehmen.

[* Erläuterung: Der sogenannte Modal Split beschreibt die Anteile der verschiedenen Transportmittel - Auto, Fahrrad, ÖPNV und zu Fuß - am täglichen Verkehrsaufkommen. Der ÖPNV nimmt in Bremen laut BSAG etwa 15 Prozent ein. Wir haben die Aussage im Artikel präzisiert (Stand: 8.25 Uhr).]

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