Johann-Jacobs-Haus eröffnet

Mosaikstein für das Balge-Quartier

Mal eine gute Nachricht für die darbende Innenstadt: Nach zwei Jahren Bauzeit ist am Donnerstag das Johann-Jacobs-Haus an der Bremer Obernstraße eröffnet worden.
10.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Mosaikstein für das Balge-Quartier
Von Jürgen Hinrichs
Mosaikstein für das Balge-Quartier

Eröffnet wurde der Bau von Bürgermeister Bovenschulte (links), Christian Jacobs (Mitte) und den beiden Senatorinnen Schaefer und Vogt.

Frank Thomas Koch

Die Bedeutung muss groß sein, wenn sich gleich drei Vertreter des Senats einfinden, um die offizielle Eröffnung eines Gebäudes zu feiern. So geschehen am Donnerstag, als am neuen Johann-Jacobs-Haus, dem Stammsitz der Bremer Kaffeedynastie, das rote Band durchschnitten wurde. Mit von der Partie waren neben Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) auch Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke). Ausnahmsweise mal etwas Erfreuliches in der darbenden Innenstadt – da will jeder und jede dabei sein.

Bovenschulte freute sich über ein „hervorragendes Projekt mit Strahlkraft“. Es beweise, dass in der Bremer Innenstadt trotz aller Widrigkeiten auch Gutes passiere. „Sie haben die Energie, nach vorne zu gehen, statt nur mäkelnd am Spielfeldrand zu stehen“, richtete der Bürgermeister an den Investor. Eingeladen hatte der Hausherr, Christian Jacobs. Auch er schlug den großen Bogen: „Das ist der Startschuss für die Innenentwicklung.“ Datum und Jahr waren mit Bedacht gewählt. Die City-Initiative feierte am Donnerstag mit verschiedenen Aktionen den „Tag des Kaffees“, und die Kaffeemarke Jacobs begeht ihr 125-jähriges Jubiläum.

Lesen Sie auch

100 Millionen für das Balge-Quartier

Christian Jacobs wird in den nächsten Jahren in weitere Gebäude investieren. Das Gesamtvolumen liegt nach seinen Angaben bei rund 100 Millionen Euro. Entwickelt werden in dieser Reihenfolge die historische Stadtwaage gleich hinter dem Johann-Jacobs-Haus, in die unter anderem ein Restaurant einzieht. Das Essighaus direkt daneben, das mit Ausnahme der Fassade abgerissen wird, um einem Neubau zu weichen. Und das Kontorhaus am Markt 100 Meter weiter die Langenstraße hinunter. Jacobs bezeichnet seinen Plan als „Handlauf zur Weser“. Er hat auch einen Namen für die Gegend, in der er sich engagiert: Balge-Quartier. Die Balge war ein Seitenarm der Weser, der im frühen Mittelalter bis zum Marktplatz reichte.

Das Gebäude mit einer Nutzfläche von knapp 1400 Quadratmetern hat zur Obernstraße hin fünf und auf der Rückseite sechs Geschosse. Ins Auge fällt zunächst der außergewöhnliche Backstein. Er stammt aus Dänemark, vom Familienunternehmen Petersen Tegl. „Wir produzieren die teuersten Ziegel“, betont der Hersteller. Einzigartig ist, dass der Stein mit Kohle gebrannt wird. Es sind lauter Unikate, leicht unterschiedlich in Oberfläche und Färbung. Im Gesamtbild changiert der dunkle Ton und macht die Fassade lebendig.

Unterbrochen wird der Backstein von Skulpturen des Worpsweder Künstlers Bernd Altenstein und von Figuren, die schon am alten Johann-Jacobs-Haus hingen. Noch mehr unterbrochen wird die Fassade von den riesigen, mit Baubronze eingefassten Fenstern. Das Glas wiegt jeweils eine Tonne: Durch- und Aussichten zwischen der Obernstraße und den dahinter liegenden Gassen. Ein weiterer Kniff ist die Treppe im Haus, sie spiegelt die Stufen zur Großen Waagestraße wider, die nach rund zwei Jahren Bauzeit seit dieser Woche wieder begehbar ist.

Die beiden Ladenflächen im Erdgeschoss sind zusammen knapp 600 Quadratmeter groß. Genutzt werden sie auf der einen Seite vom Schweizer Schokoladenhersteller Läderach, auf der anderen von der Kaffeehauskette Espresso House. Die Geschäfte haben bereits seit einiger Zeit geöffnet. Genauso wie das Café mit angeschlossenem Laden auf der Rückseite. Es ist dem „Specialgeschäft für Caffee, Thee, Cacao, Chocoladen und Biscuits“ nachempfunden, das Firmengründer Johann Jacobs von 1914 an in der Obernstraße betrieb. Vor dem Café ist zwischen Johann-Jacobs-Haus und Stadtwaage der Jacobs-Hof entstanden.

Die Flächen in den ersten beiden Obergeschossen sollten eigentlich an Einzelhändler vermietet werden. „Das ist komplett gescheitert“, gesteht Christian Jacobs ein. Ein Menetekel für die Innenstadt, findet der Investor. Läden werden dort eher zugemacht als neu eröffnet, das Ergebnis ist oft Leerstand, wie Makler berichten. Und so ist mit der Eröffnung des Johann-Jacobs-Hauses die positive Nachricht mit einer negativen verknüpft. „Wir haben hier jetzt das schönste Büro Bremens“, sagt Jacobs bei einem Rundgang durch die Räumlichkeiten. Geplant ist, die Flächen mit einem Coworking-Konzept zu belegen.

Das Treppenhaus hat einen rustikalen Charme. Die Wände sind unverschalt geblieben, es ist der rohe Beton, allerdings geölt, was ihm Patina gibt. Im engen Treppenschacht hängt eine Lichtinstallation: nicht hell, nicht dunkel, eher funzelig. Im 2. Obergeschoss liegt das Büro von Walther J. Jacobs. Der Neffe des Firmengründers wurde nach dessen Tod im Jahr 1958 Chef des Unternehmens. Er führte die Geschäfte jahrzehntelang vom Firmengebäude in der Langemarckstraße aus. Sein Büro dort war Vorbild für die Gestaltung des Zimmers im neuen Stammhaus. Es ist rundum mit Eukalyptusholz vertäfelt, auch an der Decke. Für die Handwerker war das Puzzlearbeit. Auf dem Boden liegt Eichenparkett. Die Deckenlampe mit ihren drei Schirmen hat die Anmutung der 1960er-Jahre, ausgesucht wurde sie vom Schweizer Architekturbüro Miller & Maranta.

Ergebnis eines Wettbewerbs

So ziemlich jedes Detail im Johann-Jacobs-Haus fußt auf den Ideen dieser Planer. „Sie bringen Innenräume zum Leben“, schwärmt Christian Jacobs. Miller & Maranta hatte für die Kaffeefamilie vor einigen Jahren auch das Jacobs-Museum in Zürich geplant. Das neue Gebäude in der Obernstraße, seine Figur, die Bögen und großen Fenster, der Versatz in der Fassade, haben sich allerdings andere ausgedacht, die Gewinner eines Architekturwettbewerbs. Die Jury suchte sich das Berliner Büro Felgendreher Olfs Köchling aus. Christian Felgendreher ist gebürtiger Bremer.

Wie unten im Haus, ist auch oben alles auf Kaffee ausgerichtet. Es gibt zwei Akademien, in denen Baristas geschult werden. In der eigenen Rösterei wird die Rohware aus Nicaragua, Kolumbien, Costa Rica oder Ruanda verarbeitet. Die fertigen Bohnen kommen in den Verkauf – im Online-Shop und unten im Laden, wo sie auch gemahlen und für den Verzehr aufbereitet werden.

Christian Jacobs sagt es so: „Wir wollen einfach guten Kaffee machen.“ Das Johann-Jacobs-Haus solle ein Ort sein, der Kaffee in allen seinen Facetten greifbar macht. Vom Erdgeschoss bis hinauf zur Dachterrasse. Auf einer Ecke dort, hoch über Bremen, fehlt noch was, ein Kunstwerk, wieder von Bernd Altenstein. Dreieinhalb Meter groß und als Leuchte konzipiert. Plexiglas mit Prägung, sie zeigt: eine Kaffeebohne.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+