Geflüchtete leisten Hilfe zur Selbsthilfe

Bremer in Endrunde beim Deutschen Engagementpreis

Tarek Mezal und seine Mitstreiter im Verein „Flüchtling für Flüchtling“ engagieren sich ehrenamtlich, um Neuankömmlingen mit Flucht- oder Migrationshintergrund das Einleben in Bremen zu erleichtern.
02.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer in Endrunde beim Deutschen Engagementpreis
Von Ulrike Troue

Bei Tarek Mezal steigt langsam die Aufregung. Der 20-Jährige und der von ihm mit initiierte Verein „Flüchtling für Flüchtling“ haben am 3. Dezember die Chance, 10.000 Euro Preisgeld beim Deutschen Publikumspreis 2020 abzuräumen. Er gehört zu den 50 herausragend engagierten Menschen und Organisationen, die es in die Endrunde geschafft haben. Von den 112.953 am Voting beteiligten Menschen haben ihm 727 als Zeichen der Wertschätzung ihre Stimme gegeben.

Allein das ist für Tarek Mezal schon ein schöner Erfolg – und macht ihn stolz. Als 15-Jähriger ist er allein aus seiner Heimat Syrien geflohen, weil er dort keine Zukunft gesehen hat. Mit der großen Flüchtlingswelle 2015 sei er in Bremen gestrandet, erzählt der junge Mann voller Ehrgeiz und Wissensdurst.

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Tarek Mezal war in einem Wohnheim für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge in der Neustadt untergebracht und hat an der Europaschule Utbremen seinen Schulabschluss gemacht. Als 16-Jähriger absolvierte er freiwillige Praktika in einem Kindergarten und im Stiftungsdorf Rablinghausen. „Ich möchte in andere Bereiche schauen, über den Tellerrand, wie man hier sagt“, merkt er dazu an.

Sein Betreuer von „Wolkenkratzer“, einer Organisation zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, hat ihm schon seinerzeit großes Engagement bescheinigt (wir berichteten). Denn die Idee, freiwillig in den Ferien zu arbeiten, stammte von ihm selbst.

Interesse am sozialen Bereich

Als Tarek Mezal sich überlegt hatte, „Verwaltung wäre auch etwas für mich“, begann er vor einem Jahr eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei der Arbeiterwohlfahrt. Weil ihn der soziale Bereich weiterhin interessiert, hat sich der junge Geflüchtete parallel bei der Caritas, im Jugendhaus Buchte, bei Fluchtraum und „Help a refugee“ engagiert.

Durch den Verein „Help a refugee“ hat er andere Flüchtlinge getroffen und kennengelernt. „Viele, die gut vorangekommen sind, und andere, die viel Hilfe brauchen“, erzählt Tarek Mezal. Viele später nachgekommene Geflüchtete hätten die gleichen Probleme angesprochen, vor die er und andere der ersten Flüchtlingswelle auch gestanden hätten: mit der Sprache oder bei Verwaltungsangelegenheiten.

„Schön wäre, diese Stolpersteine zu überwinden, und wenn wir uns gegenseitig unterstützen“, gibt der gebürtige Syrer seine Gedanken und die von Gleichgesinnten wieder. Sie alle wollten ihre positiven Erfahrung bei der Integration an andere weitergeben. Rund 15 Leute hätten dann unter dem Dach des Vereins „Help a refugee“ das Projekt „Flüchtling für Flüchtling“ geplant und zusammengetragen, was für neu ankommende Geflüchtete wichtig sei: Sprachkurse, Nachhilfe, grundlegende Informationen über Ausbildung, Studium bis hin zu Versicherungen.

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„Nach zwei, drei Monaten waren wir schon 40 Leute, nach einem Jahr über 70“, blickt Tarek Mezal zurück. Weil das Projekt so rasant wuchs, wurde am 31. Oktober 2018 der gemeinnützige Verein mit dem gleichen Namen gegründet: „Flüchtling für Flüchtling“.

„Die neuen Vorstandsmitglieder und alle anderen engagieren sich ehrenamtlich“, stellt Tarek Mezal heraus. Er und seine Mitstreiter wollen Neuankömmlingen helfen, sich in Bremen gut einzufinden, indem sie ehrenamtlich in Workshops und Vorträgen ihre Erfahrungen und Tipps an sie weitergeben.

Die deutsche Sprache beherrschen

Jedes der aktuell 150 Mitglieder könne sich für zwei Gruppen anmelden und darin aktiv werden, erklärt der stellvertretende Vereinsvorsitzende die kleinteilige Vereinsstruktur. „Wir haben neun Gruppen gebildet. Jede ist mit einem Thema befasst und plant und organisiert Veranstaltungen.“ Die Bildungsgruppe ist zum Beispiel mit Sprachkursen befasst. „Da besteht großer Bedarf“, berichtet Tarek Mezal. Viele Frauen wollten nach der ersten Phase der der Kindererziehung nun ins Berufsleben einsteigen. Sie müssten die deutsche Sprache so gut beherrschen, dass sie eine Ausbildung oder aber auf dem ersten Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance bekämen.

Ebenfalls auf großes Interesse stoßen nach seiner Auskunft Vorträge zu Vorschriften und Verfahren, zum Beispiel dem Steuerrecht. „Das ist vor allem für die Menschen interessant, die sich vielleicht mit einem kleinen Geschäft oder Restaurant selbstständig machen wollen.“

Den Ansatz der Selbsthilfe und die Überzeugung, dass Bildung der Schlüssel zur sozialen und politischen Teilhabe am öffentlichen Leben – und somit zu einer gelungenen Integration – ist, teilen nach seiner Erfahrung neben den Vereinsaktiven viele andere Geflüchtete, die sich ihren ethnischen Wurzeln folgend zusammengeschlossen haben – unter anderem im Somalischen Kulturverein Bremen oder in der Marokkanischen Gemeinschaft Bremen.

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Auch diese Zusammenschlüsse von Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund würden entsprechende Hilfsangebote wie Sprachförderung und Informationsveranstaltungen organisieren, weiß Tarek Mezal. „Deshalb haben wir vor, den Dachverband ‚Flüchtling für Flüchtling‘ zu gründen“, kündigt er an. „Unser Ziel ist Selbsthilfe durch gegenseitige Unterstützung.“

Das 2018 gestartete Projekt habe sich laut Mezal inzwischen zu einem deutschlandweit anerkannten Integrationsverein entwickelt. Das belegt auch das Erreichen der Publikumspreis-Endrunde beim Deutschen Engagementpreis. Ein weiterer Motivationsschub für den Bremer und seine Mitstreiter ist, dass sie als Endrundenteilnehmer bei einem gemeinsamen Weiterbildungsseminar zu Öffentlichkeitsarbeit und gutem Projektmanagement in Berlin mitmachen dürfen.

Info

Zur Sache

Engagementpreis

Der Deutsche Engagementpreis wird seit 2009 vergeben und hat sich bundesweit als wichtigste Würdigung für bürgerschaftliches Engagement etabliert. Für diesen sogenannten Dachpreis können ausschließlich die Preisträgerinnen und Preisträger anderer Preise, die freiwilliges Engagement in Deutschland auszeichnen, nominiert werden. In diesem Jahr haben bundesweit 162 Ausrichter solcher Wettbewerbe 387 herausragend engagierte Menschen und ihre Organisationen nominiert, acht davon kommen aus Bremen (wir berichteten).

Weitere Informationen

Die Preisverleihung des Deutschen Engagementpreises wird am Donnerstag, 3. Dezember, ab 18 Uhr via Live-Stream (www.deutscher-engagementpreis.de/preisverleihung2020) aus Berlin übertragen.

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