Nach Bamf-Skandal

Bremer Jesiden in Sorge: "Fürchten, dass es Kampagne gegen uns gibt"

Nach dem Korruptionsverdacht gegen die ehemalige Leiterin der Bremer Bamf-Außenstelle fürchten die Jesiden in Bremen, nun in ein schlechtes Licht zu geraten.
23.04.2018, 19:14
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Bremer Jesiden in Sorge:
Von Nina Willborn
Bremer Jesiden in Sorge: "Fürchten, dass es Kampagne gegen uns gibt"

Veysi Akan ist Vorstand des Jesidischen Kulturzentrums. Er lebt mit seiner Familie seit mehr als 25 Jahren in Huchting.

Frank Thomas Koch

Das Handy von Veysi Akan blinkt seit Freitag ständig auf. Kurznachrichten, Anrufe – viele, darunter natürlich auch die Medien, wollen vom Vorsitzenden des Jesidischen Kulturzentrums wissen: Was ist da denn los bei euch? Der Korruptionsverdacht gegen die ehemalige Leiterin der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und drei Anwälte sowie einen Dolmetscher wegen möglicherweise zu Unrecht erteilten Asyls für 1200 jesidische Kurden erschüttert auch die jesidische Gemeinde in Bremen.

Akan erfuhr von dem Verdacht gegen die Bamf-Leiterin aus der Presse. Er selbst kennt nach eigenen Angaben keinen Beteiligten. „Diese Geschichte schädigt den Ruf der Jesiden“, sagt Akan, „wir fürchten, dass es nun eine Kampagne gegen uns gibt.“ Er möchte unbedingt vermeiden, dass die Bremer, und nicht nur sie, jetzt über die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft denken würden: Die haben sich doch ihren Status als Flüchtlinge nur erschlichen.

„Dabei hat sich unsere Situation nicht verändert. Nehmen wir die Bombardierung von Afrin (Syrien, d. Red.) durch die Türkei. Da waren die Häuser von Jesiden die ersten Ziele. Es werden Menschen umgebracht, und hier wird über Korruption geredet. Wo ist da die Gerechtigkeit?“, fragt Akan. Sehmus Gingör aus dem Vorstand des Kulturzentrums ergänzt: „Am Status der Jesiden hat sich nichts geändert. Wir werden überall, im Irak, in der Türkei, in Syrien unterdrückt und verfolgt. Wir dürfen unsere Religion nicht ausüben. Viele Familien erzählen aus Angst nicht, dass sie Jesiden sind.“

Rund 2000 Angehörige der religiösen Minderheit leben in Bremen und der Umgebung. Über das Kulturzentrum sind rund 180 Familien vernetzt. Dort werden religiöse Feste gefeiert, und dort bekommen sie – aber übrigens auch jeder andere, wenn er darum bittet – Hilfe zum Beispiel bei Behördengängen oder Fragen des Alltags. Das Kulturzentrum stellt auch Beglaubigungen der Zugehörigkeit zum Jesidentum aus. Das soll helfen zu vermeiden, dass andere Menschen den besonderen Schutz, unter dem die Jesiden stehen, zum Beispiel bei Asylanträgen missbrauchen.

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Während der Flüchtlingswelle habe es keine Anfragen des Bamf gegeben, sagt Akan. „Wir dachten schon, dass man wissen will, wer Jeside ist. Aber das gab es nicht.“ Wenn jetzt im Raum stehe, dass etwas möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, „hätte man vielleicht vorher mehr mit uns kooperieren müssen.“ Die Gemeinde wünscht sich, dass die Wahrheit schnell ermittelt wird. „Wenn es Fehler gegeben hat, muss das Konsequenzen haben. Aber die Menschen, um deren Anträge es geht, können nichts dafür.“ Falls nun Akten möglicherweise neu bearbeitet werden müssten, fürchtet er nicht nur seelische Belastungen für die Geflohenen, sondern auch finanzielle.

Flüchtlingsexperten in Bremen und Niedersachsen kritisieren, bisher sei der Aspekt, dass Jesiden aufgrund der politischen Situation im Nahen Osten grundsätzlich als schutzbedürftig anerkannt waren, bei der Betrachtung des Themas zu kurz gekommen. „Die Schutzgewährung für Jesiden in der Zeit von 2015 bis 2017 durch das Bamf Bremen entsprach der damaligen behördlichen und gerichtlichen Entscheidungspraxis“, heißt es in einer Stellungnahme des Flüchtlingsrates Niedersachsen.

Der „tatsächliche Skandal“ seien die unterschiedlichen Anerkennungsquoten in den Bundesländern, schreibt der Flüchtlingsrat Bremen, denn es gebe keinen Zweifel daran, dass Jesiden im Irak und Syrien verfolgt werden und damit international schutzberechtigt sind. Sprecher Marc Millies sagt: „Skandalös ist, dass Schutzsuchende einmal mehr von der Willkür von Behörden abhängig gemacht werden. Das Asylverfahren ist in den letzten Jahren sehr systematisch von seinem eigentlichen Zweck, nämlich Menschen vor Verfolgung zu schützen, entfernt worden.“

Auch die Mitarbeiter des Vereins Fluchtraum teilen mit, sie hätten allgemein nicht den Eindruck, dass in der Bremer Außenstelle des Bamf bei der Bescheidung von Asylanträgen ungewöhnlich wohlwollend verfahren werde. „Im Gegenteil geraten immer häufiger Asylbewerber und auch die Personen, die sie unterstützen, unter den Generalverdacht der Unlauterkeit.“

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