Hilfe in frostigen Nächten

Bremer Kirche öffnet nachts für Obdachlose

Obdachlose finden in frostigen Winternächten einen warmen und sicheren Schlafplatz in der Kirche Unser Lieben Frauen. Bis zu 40 Personen können sich hier vor der Kälte schützen.
15.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Matthias Holthaus
Bremer Kirche öffnet nachts für Obdachlose

Markus richtet sich für die Nacht zwischen den aufgestellten Tischen in der Kirche Unser Lieben Frauen ein.

Frank Thomas Koch

„Nach 64 Jahren sitze ich zum ersten Mal in der Kirche, schaue auf den Altar und esse eine Suppe“, sagt Helmut, während er in Unser Lieben Frauen eine Instant-Terrine löffelt. Draußen sind es mittlerweile minus sieben Grad und Helmut gehört zu den ersten Obdachlosen an diesem Abend, die zum Übernachten in das warme Gotteshaus gekommen sind. Von 19.30 Uhr bis 10 Uhr am nächsten Morgen haben Obdachlose derzeit die Möglichkeit, dort während der bitterkalten Nächte einen Schlafplatz zu finden.

Helmut hatte sich schon vorher gefreut: Eine Frau kam in die Kirche und wollte Kleidung spenden – von ihrem Mann, der gestorben ist. Helmut zieht den langen Wollmantel gleich an, spontan umarmt er die Spenderin. „Ich bin 64 Jahre alt, und dass ich überhaupt noch hier bin, ist ein Wunder“, sagt er. Zehn Jahre sei er bei der Fremdenlegion gewesen, als Scharfschütze in Nigeria. Von Beruf Maurer und Steinsetzer, Architekt wollte er werden: „Und nun sitze ich hier wie ein Häufchen Elend.“ Seit mittlerweile zwanzig Jahren sei er obdachlos, „zwanzig Jahre auf der Straße, das ist knüppelhart. Und jeden Tag gibt es Schlägereien, irgendwann kann man nicht mehr“. Nun sei er froh, dass ihn Markus hergebracht habe – „ich wäre sonst kaputtgegangen.“

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Markus lebt seit mehr als einem Jahr auf der Straße und freut sich über die warme Schlafstatt: „Das ist hier die einzige Kirche mit Fußbodenheizung“, sagt er, während er Isomatte und Schlafsack ausrollt, die er von der Gemeinde geschenkt bekommen hat. Sonst lebt er im Umfeld des Bahnhofs, doch dort sei es nicht einfach, nie komme man dort zur Ruhe, „der Bahnhof macht den Schädel kaputt, Chaos im Kopf, die ganze Nacht. Ich bin schon im Stehen eingeschlafen". Hier in der Kirche: „Keine Schlägereien, keine Züge, endlich einmal Ruhe.“

Immer müsse man ein Auge offen halten im Bahnhof, sagt auch Helmut, „sonst schlagen sie einem den Schädel ein. Man kommt nie zum Schlafen, nur zum Ruhen, es gibt immer Kandidaten, die Stress machen.“ Überhaupt, der Bahnhof: „Wenn du ein Mal am Bahnhof klebst, dann bleibst du dort hängen. Es zieht dich immer wieder hin“, meint Markus. Im Vergleich zu Hannover gebe es drei mal mehr Stoff in einer Drogenportion dort und günstiger sei er auch: „Das macht ihn zum Hotspot. Es gibt Leute aus Kiel, die kommen, um dort zu kaufen.“ Markus selbst kommt eigentlich aus Krefeld, und wie so oft bei Wohnungslosen hat seine derzeitige Situation mit einer Trennung zu tun: „Die Wohnung war Eigentum der Mutter meiner Frau“, erzählt er, und er wollte dann einen Schnitt machen, „einen Kontrast“, wie er sagt: „Zur Nordsee möchte ich, um dort zu arbeiten, als Maler und Lackierer. Ich habe noch nicht einen Tag Hartz IV bekommen“, erzählt er sichtlich stolz, „ich komme durch den Tag, zum Amt zu gehen ist eine Einstellungssache.“

Kirche Unser Lieben Frauen bietet Obdachlosen Schutz vor Kälte

Pastor Stephan Kreutz und die Gemeinde haben an den Kirchenwänden Platz geschaffen.

Foto: Frank Thomas Koch

Im Gefängnis mit Drogen angefangen

Mit Unterbrechungen saß Markus insgesamt elf Jahre und sechs Monate im Gefängnis, doch beim vierten Mal habe es "Klick" gemacht. „Das ist Zeitverschwendung dort, vollkommen monoton. Da freust du dich, von Montag bis Freitag arbeiten zu gehen. Und als besserer Mensch kommst du auch nicht aus dem Knast raus, du musst es für dich selber tun.“ Dass das nicht einfach ist, musste er tags zuvor erfahren, da sei er in Hannover aufgewacht, weil er sich im Zug aufwärmen wollte – „und gleich eine Anzeige wegen Schwarzfahrens". Im Alter von 36 Jahren habe es mit den Drogen angefangen, erzählt er, im Knast war das, „ich habe es angeboten bekommen und dann kam eins zum andern. Draußen hätte ich nie damit angefangen“, meint der heute 40-Jährige.

Auch Helmut hat eine lange Knasterfahrung, 28 Jahre saß er ein, ein hochkrimineller Mensch sei er gewesen und habe nie an Gott geglaubt, „und heute sitze ich das erste Mal hier und esse eine Suppe. Das ist für mich unglaublich, es ist schön, hier zu sitzen.“ Und während er auf der Kirchenbank sitzt und mit der Suppentasse in der Hand und dem wärmenden Mantel am Leib zum Altar schaut, sagt er leise: „Ich fühle mich momentan richtig wohl.“ Nicht zu vergleichen mit dem Bahnhof, „diesem Terror. Das Pensum auf dem Bahnhof, das kann man nicht durchhalten".

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Dass die Menschen zur Ruhe kommen und sich in der Kirche Unser Lieben Frauen aufwärmen können, dafür haben die Sozialsenatorin, die Kirchengemeinde und die ambulante Drogenhilfe „Comeback“ gesorgt. Damit diejenigen, die nicht die vorhandenen Unterkünfte ansteuern und meinen, dennoch die Nacht draußen überstehen zu können, eine Anlaufstelle haben.

Eine gute Nacht haben

Polizei und Streetworker machen eigens auf der Straße auf das Angebot aufmerksam. Zwar sei die Versorgung der Obdachlosen gut gesichert, doch es gebe auch Menschen, die diese Angebote nicht annehmen könnten, sagt Pastor Stephan Kreutz: „Wir brauchen niedrigschwellige Angebote für die Leute in der Kälte, für Leute, die Alkohol getrunken haben und meinen, sie sind in Sicherheit.“ Hier in der Kirche sollen sich die Leute wohlfühlen und eine gute Nacht haben, sagt er, und dafür hat die Gemeinde bereits die Kirchenbänke von den Wänden gerückt und stattdessen Biertische so aufgestellt, dass dazwischen Schlafkojen entstanden sind. „Die Leute müssen immer in Wachbereitschaft sein, aber hier nicht.“

Die Drogennotunterkünfte seien voll, weiß Cornelia Barth von der ambulanten Drogenhilfe „Comeback“, und der Bedarf bei Kälte noch größer: „Die Leute denken, dass sie das aushalten, aber nun wollen doch einige von ihnen herkommen und sind dankbar.“

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Ole, Mitarbeiter der Securityfirma „L´unità“ kann das unterstreichen und meint, es sei wichtig, die Leute offen zu empfangen und ihnen Gehör zu schenken. „Hier ist Einfühlungsvermögen gefragt und man bekommt hier Schicksale mit, die einen bewegen.“ Ole soll für Sicherheit sorgen, falls es doch mal Ärger geben sollte oder die Hunde, die hier ausdrücklich erlaubt sind, mal verrückt spielen. Eine Rundumversorgung, die er mit einer Kollegin die Nacht über gewährleisten möchte, „und schauen, dass die Menschen drinnen nicht konsumieren und gucken, ob es ihnen gutgeht“.

Helmut ist bereit und hofft auf eine neue Chance: „Ich habe vier Entziehungskuren gemacht und hoffe, dass ich nächste Woche nach Lesum komme zur Therapie und zum betreuten Wohnen. Ich schaffe das nicht allein.“ Und auch Markus hat die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Drogen noch nicht aufgegeben: „Wenn ich das Startgeld in vielleicht zwei bis drei Wochen zusammen habe, dann möchte ich nach Cuxhaven, Bremerhaven oder Wilhelmshaven.“ Ihm reiche ein kleines Zimmer, mehr brauche er nicht. Eines jedoch wünscht er sich: „Ich möchte gerne Ebbe und Flut sehen.“

Info

Zur Sache

Schlafplatz in der Kirche

Bis mindestens Freitag, 19. Februar, soll der Erfrierungsschutz für Obdachlose in der Kirche Unser Lieben Frauen, Unser Lieben Frauen Kirchhof, angeboten werden. Von 19.30 Uhr bis 10 Uhr am nächsten Morgen stehen Schlafplätze für bis zu 40 Personen zur Verfügung. Drogen, Tabak und Alkohol sind nicht erlaubt. Hunde dürfen mitgebracht werden. Das Angebot richtet sich an alle, die keinen Schlafplatz haben und die Angebote der Wohnungslosenhilfe nicht annehmen wollen oder können. Am Morgen steht eine Streetworkerrunde zur Verfügung, um mit den Gästen zu besprechen, wo und wie sie den Tag verbringen, wo sie sich aufwärmen und wo sie Mahlzeiten erhalten können.

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