Corona-Krise

Bremer Kliniken bereiten sich auf das Schlimmste vor

Das Bremer Gesundheitssystem schafft wegen der Corona-Pandemie derzeit so viele Kapazitäten wie möglich und Kliniken, Gesundheitsressort, Ärzte- und Apothekenkammer arbeiten eng zusammen.
20.03.2020, 05:00
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Bremer Kliniken bereiten sich auf das Schlimmste vor
Von Jean-Pierre Fellmer
Bremer Kliniken bereiten sich auf das Schlimmste vor

Für alle Fälle vorbereitet: Ein Zimmer mit Sicherheitsschleuse im Isolationsbereich der Lungenklinik im Klinikum-Ost.

Christina Kuhaupt

Die Zahl der Covid-19-Erkrankungen, die durch das Coronavirus ausgelöst werden, steigen aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Wochen auch in Bremen drastisch an. Um schwere und kritische Fälle behandeln zu können, bereitet sich das hiesige Gesundheitssystem seit mehreren Wochen darauf vor.

Die Krankenhausnotfallplanung laufe unter der Obhut der Gesundheitsbehörde, sagt Pressesprecher Lukas Fuhrmann. Die Behörde steuere den Prozess zwischen den frei-gemeinnützigen und kommunalen Kliniken im Land. „Es gibt einen guten Austausch zwischen den Krankenhäusern“, sagt Fuhrmann. Die Kliniken hätten früh signalisiert, unbürokratisch zusammenarbeiten zu wollen. 314 Intensivbetten gebe es für gewöhnlich im Land Bremen und 31 Plätze in der Intensivüberwachungspflege.

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Wie viele verfügbaren Plätze es derzeit gebe, kann Fuhrmann nicht sagen: Die Vorbereitung sei ein Prozess, bei dem sich die Zahl laufend ändere. Messehallen oder Hotels zur Unterbringung von Kranken zu nutzen, sei derzeitiger Betrachtung nach allerdings nicht nötig, sagt Fuhrmann: Der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) habe schon früh angemerkt, dass ausreichend räumliche Kapazitäten zur Verfügung stehen. Die Corona-Ambulanz am Klinikum Bremen-Mitte werde allerdings am Montag ins Messe-Zentrum ziehen.

„Die Kliniken der Geno erschaffen derzeit so schnell und so viele Kapazitäten wie möglich“, sagt Geno-Sprecherin Karen Matiszick. Dabei arbeite die Geno eng mit der Gesundheitsbehörde zusammen. Bei der Vorbereitung gehe es einerseits um die Ausstattung an Räumen und Betten, andererseits um Ausrüstung wie Beatmungsgeräte und Schutzkleidung und schließlich um das Personal. Bei täglichen Krisenstabstreffen würden sich Entscheidungsträger des Unternehmens jeden Morgen beraten, was welche Klinik leisten könne und wo neue Stationen geschaffen werden könnten. Konkrete Zahlen habe man dazu nicht, sagt Matiszick, weil sich das stündlich ändere. Dennoch habe man bereits jetzt mehrere zusätzliche Stationen geschaffen, die kurzfristig ans Netz angeschlossen werden können.

Mehr Personal wird rekrutiert

Zudem soll zusätzliches Personal organisiert werden, weil man auch Ausfälle bei der Belegschaft erwartet. Dazu prüft man auch, ob es bei dem Personal in der Verwaltung Mitarbeiter mit medizinischer und pflegerischer Vorbildung gibt. „Außerdem schreiben wir Mitarbeiter im Ruhestand oder in Altersteilzeit aktiv an“, sagt Matiszick. Auch an Krankenpflegeschulen und Weiterbildungsinstitutionen werde rekrutiert.

Operationen, die sich verschieben ließen, würden abgesagt. Beispielhaft nennt Matiszick Patienten, die ein neues Knie benötigen: Derartige Operationen könnten auch in ein paar Monaten gemacht werden. Ziel sei es, freie Betten zu schaffen. Ein Vorteil sei dabei, dass das gesamte Klinikum erst vor wenigen Monaten in den Neubau an der Bismarckstraße gezogen ist und der Altbau noch bestehe. „Die Stationen des Altbaus sind zwar leer, aber können schnell wieder ans Netz gebracht werden.“ Bei der Verlagerung von Personal von einem Krankenhaus zu einem anderen haben Betriebsräte ein Mitbestimmungsrecht – die Absprachen liefen derzeit jedoch sehr unbürokratisch, betont Matiszick.

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Ähnlich sehen die Vorbereitungen im Roten Kreuz Krankenhaus (RKK) aus. Dort würden etwa Chirurgen mit allgemeinmedizinischer Bildung, die durch die Umstrukturierung frei würden, zur Behandlung von Covid-19-Patienten eingesetzt, erklärt RKK-Sprecherin Dorothee Weihe. Zudem werde geschaut, welche Mitarbeiter wofür qualifiziert sind. Mit Fokus auf Covid-19 werde das Personal nachgeschult. Dem RKK würden zudem Ärzte und Pflegekräfte im Ruhestand ihre Hilfe anbieten. „Wir bekommen auch Hilfe aus der Bevölkerung angeboten: Die Leute fragen uns, ob sie für uns kochen oder beim Betten schieben helfen können. Das ist toll“, sagt Weihe. Sogar ein Hotel habe angeboten, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Die Vorbereitungen des St.-Josef-Stifts seien vergleichbar mit den der anderen Bremer Krankenhäuser: Kapazitäten würden geschaffen oder vorgehalten, sagt ein Sprecher. Auch das Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide bereite sich auf eine „unbestimmte Anzahl von Patienten vor, die aufgrund einer Covid-19-Infektion stationär behandelt werden müssen“, heißt es in einer Mitteilung. Die Ärztekammer Bremen versucht zudem, pensionierte Ärzte zu reaktivieren (siehe Interview unten).

Tausende neue Beatmungsgeräte

Ein Engpass bei der Versorgung können auch die Schutzausrüstung oder Gerätschaften wie Intensivbeatmungsgeräte sein. Die Bundesregierung habe bei dem Medizintechnik-Produzenten Löwenstein Medical aus Bad Ems 6600 Beatmungsgeräte in Auftrag gegeben, teilt das Unternehmen mit. Die Bestellung bestehe aus 400 Intensivbeatmungsgeräten, 800 lebenserhaltenden mobilen Geräten und 5400 Einheiten zur Behandlung von semi-akuten Fällen. Innerhalb der nächsten drei Monate würden die Geräte bereitgestellt, sagt eine Sprecherin von Löwenstein Medical. Die Bundesregierung bespreche die Aufteilung der Maschinen dann mit den jeweiligen Gesundheitsbehörden der Bundesländer.

Unterdessen hat die Coronavirus-Pandemie zu einem Rückgang an Blutspenden um zehn Prozent in Bremen geführt. Das hat der Kreisverband Bremen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) am Donnerstag mitgeteilt. Wer gesund und ohne Symptome sei, der könne zukünftig weiterhin Blut spenden, betont das DRK. Jede Spende zähle und werde dringend benötigt. Im Großraum Bremen/Oldenburg betrage der Bedarf bis zu 1000 Blutspenden täglich. Um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten, trifft der Blutspendendienst Vorsichtsmaßnahmen wie eine zuverlässige Desinfektion und einen Mindestabstand zwischen den Spendern.

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Die Apothekenkammer Bremen bittet, nur in dringenden Fällen Apotheken aufzusuchen, um die Arbeitsbelastung zu verringern. Beispielsweise soll der Kauf von kosmetischen Produkten sowie Nahrungsergänzungsmitteln verschoben und vom Erwerb von rezeptfreien Medikamente auf Vorrat abgesehen werden. Die Stadt Bremen hat außerdem am Donnerstag verfügt, dass Krankenhäuser, Tageskliniken und ähnliche Einrichtungen nicht mehr von Besuchern betreten werden dürfen. Angehörige dürften nur noch in Härtefällen Patienten besuchen – etwa, wenn diese im Sterben liegen.

Info

Zur Sache

Blutspendentermine in Bremen

Die Termine für die unentgeltliche Blutspende in Bremen in der Kalenderwoche 13 sind am: Dienstag von 15.30 bis 19.30 Uhr in der Evangelischen Freikirche, Woltmershauser Straße 298; Donnerstag, 16 bis 20 Uhr in der Neuapostolischen Kirche, Arsterdamm 132a; 15.30 bis 19.30 Uhr im Gemeindezentrum der Evangelischen Andreas-Gemeinde, Werner-von-Siemens-Straße 55; 14 bis 19 Uhr bei Bremen 1860 in der Aktivita (Halle 11 A), Baumschulenweg 6; und am Freitag von 15.30 bis 19.30 Uhr im Gemeindehaus der Martin-Luther-Gemeinde, Neukirchstraße 86. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.drk-bremen.de oder wochentags von 7.30 bis 18 Uhr unter der Service-Telefonnummer 0800 / 119 49 11.

+++ Dieser Artikel wurde um 12.53 Uhr aktualisiert. +++

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